Kindeswohl Inobhutnahmen in Mitteldeutschland zum Teil drastisch zurückgegangen

Einige Städte hatten mit dem Beginn des Corona-Lockdowns ihre Kapazitäten zur Inobhutnahme ausgeweitet. Doch seitdem sind deutlich weniger Kinder aus ihren Familien genommen worden als im Vorjahreszeitraum.

In den neun größten Städten Mitteldeutschlands sind seit den Corona-Beschränkungen deutlich weniger Kinder aus ihren Familien genommen worden als im Vorjahreszeitraum. Das ergaben Anfragen des MDR-Magazins "exakt" bei den Kommunen. In Dresden gab es beispielsweise 63 % weniger Inobhutnahmen (30 zwischen dem 18.03. und 27.04.2020, 81 im gleichen Zeitraum 2019).

Alle angefragten Städte (Leipzig, Dresden, Chemnitz, Jena, Erfurt, Gera, Magdeburg, Halle, Dessau) verzeichneten keine Zunahme der Zahlen. Experten hatten vermutet, dass es durch die Schul- und Kitaschließungen und die Kontaktsperren vermehrt zu häuslicher Gewalt und Kindeswohlgefährdungen komme.

Wenn Kinder trauern
Leipzig hatte die Kapazitäten zur Inobhutnahme erweitert. Bildrechte: colourbox

Einige Städte wie zum Beispiel Leipzig, hatten daher ihre Kapazitäten zur Inobhutnahme ausgeweitet. Diese würden aber nicht genutzt, so Martina Menge-Buhk, vom Referat Kommunikation der Stadt Leipzig. Das hieße aber nicht, dass es weniger Konflikte in den Familien gäbe, sie würden wahrscheinlich nur weniger gemeldet: "Institutionen des Kinderschutzes sind aktuell häufig ohne direkten Zugang zu den Familien. Insbesondere Netzwerkpartner des Regelsystems Schule, Kita und Hort arbeiten aufgrund der Pandemie ausschließlich im Notbetrieb. Mögliche Gefährdungen können im Moment nicht über diese Systeme wahrgenommen und gemeldet werden, betroffene Kinder und Jugendliche finden in den ihnen vertrauten sozialen Bezügen momentan keine persönlichen Ansprechpartner in konflikt- oder gewaltgeprägten Familiensituationen", so Martina Menge-Buhk.

Die Vizepräsidentin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Doktor Sigrid Peter, weist darauf hin, dass auch ein weiteres Meldesystem für Gewalt gegen Kinder weitgehend weggebrochen sei: die Kinderarztpraxen. MDR "exakt" sagte sie: "Insgesamt ist die Anzahl der Arztbesuche deutlich nach unten gegangen aus Angst vor Infektionen. Und die Kinder, die missbraucht wurden, vernachlässigt wurden, misshandelt wurden, da haben wir keine Zahlen und ich glaube, dass die am wenigsten jetzt den Arzt aufsuchen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Mai 2020 | 20:15 Uhr