Post-Polio-Syndrom Der Kampf mit den Spätfolgen der Kinderlähmung

Tausende Menschen leiden an den Spätfolgen der Kinderlähmung – dem Post-Polio-Syndrom. Das ist schwer genug, doch Erkrankte müssen auch noch lange mit Krankenkassen streiten, um ausreichend medizinische Hilfe zu erhalten.

Archivaufnahme von zwei Kindern die mit Gehstützen gehen
Die Kinderlähmung hat viele Menschen erwischt und Tausende haben heute noch mit den Spätfolgen zu kämpfen. Bildrechte: MDR FAKT

Die Kinderlähmung hatte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seuchenartig ausgebreitet. Die Betroffenen kämpften mit Muskelschwund und viele starben daran. Durch eine konsequente Impfung ist diese Krankheit inzwischen fast ausgestorben. Doch etwa 30.000 Menschen kämpfen in Deutschland noch immer mit den Folgen – und einige müssen nun auch noch lange mit Krankenkassen streiten, um ausreichende medizinische Hilfe zu erhalten.

Ein Mann im Interview
Matthias Betke kann sich nur mühsam bewegen. Er leidet am Post-Polio-Syndrom. Bildrechte: MDR FAKT

So kann sich etwa Matthias Betke nur mühsam bewegen. Die Bewältigung einer Treppe ist für den 64-Jährigen eine große körperliche Herausforderung. Mehr als 100 Meter Strecke schafft er nicht. Es ist die Folgeerkrankung der Poliomyelitis (Kinderlähmung) – das Post-Polio-Syndrom. "Ich habe relativ große Probleme mit der Atmung und natürlich Verschleiß in Gelenken", sagt der Mann aus Jena. Hinzu kämen Verspannungen und Schmerzen. Es werde immer schlimmer.

Hoffnung auf die Bezahlung eines Taxis

Ein Besuch beim Arzt, der Weg zur Physiotherapie oder Einkäufe sind zu Fuß fast nicht zu bewältigen. Einen Rollstuhl kann Matthias Bethke nicht nutzen, denn der Zugang zu seiner Wohnung in einem Block ist nicht barrierefrei. Deshalb hat er im Januar bei der Stadt Jena das sogenannte Merkzeichen als "Außergewöhnlich gehbehindert" beantragt, um das Taxi nutzen zu können.

Doch dieses Merkzeichen wurde abgelehnt. "Ich habe eine Problem damit, dass die Stadt Jena praktisch aus Aktenlage entschieden hat und mich nicht gesehen hat", sagt Matthias Betke. So sei die Entscheidung zustande gekommen, dass seine Behinderung nicht ausreiche.

Gegen diesen Bescheid per Aktenlage hat Matthias Bethke Klage beim Sozialgericht Altenburg eingereicht. Er könne aufgrund seiner körperlichen Beschwerden den Nahverkehr nicht nutzen. Der Transport mit dem Taxi oder anderen Fahrdiensten sei für ihn eine große finanzielle Belastung. Das Merkzeichen würde ihn da entlasten. "Als Lastenausgleich. Weil ich habe mir die Krankheit ja nicht ausgesucht." Die Stadt Jena will sich dazu nicht äußern, da es sich um ein laufendes Klageverfahren handelt.

Kinder mit Kinderlähmung an Krücken und Gehhilfen, Ärzte und Schwestern begleiten Sie. 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Impfung half Polio zu überwinden

Matthias Bethke war 20 Monate alt, als er 1957 an Kinderlähmung erkrankte. Die lebensgefährliche Viruserkrankung breitete sich zu dieser Zeit auch in Deutschland aus und führte zu schwerwiegenden bleibenden Lähmungen und sogar zum Tod. Erst mit der Einführung der Schluckimpfung Anfang der Sechziger Jahre zunächst in der DDR und dann in der Bundesrepublik ging die Krankheit zurück. Doch bei Tausenden, die als Kinder daran erkrankt sind, treten im Alter Spätfolgen auf. Bei diesem sogenannten Post-Polio-Syndrom sterben noch vorhandene Nervenzellen ab, dadurch wird der Bewegungs – und Muskelapparat gelähmt.

So geht es auch Helga Wilfroth aus Gotha. Die 73-Jährige ist ebenfalls am Post-Polio-Syndrom erkrankt. Sie schwamm seit ihrer Kindheit und ist mehrfache deutsche Meisterin im Behindertensport. Über 50 Medaillen und Urkunden konnte sie gewinnen. Ihr körperlicher Zustand hat sich seit letztem Jahr verschlechtert. Sie trägt jetzt sogenannte Unterschenkelorthesen, damit sie überhaupt laufen kann. Um jedoch in einem Schwimmbad ins Wasser zu gelangen, benötigt sie ein spezielles Hilfsmittel: eine wasserfeste Badeorthese. Doch die Krankenkasse lehnte den Antrag auf eine Badeorthese ab. "Dabei hat man nicht berücksichtigt, dass ich mein Leben lang in einer Schwimmgruppe bin, die aktiv trainiert und die aktiv auch Therapie macht", sagt sie.

Zu klein für Big Pharma

Fehleinschätzungen wie diese sind für Hans-Joachim Wöbbeking nicht neu. Er arbeitet im Vorstand des Bundesverbandes Poliomyelitis, der sich um die Interessen der Menschen kümmert, die an den Spätfolgen der Kinderlähmung leiden. Schon an den Universitäten werde nur kurz über Polio gesprochen, aber nicht über die Feinheiten des Post-Polio-Syndroms. "Das ist eine sehr sensible Krankheit und es gibt nur wenige Fachzentren in Deutschland, die diese Feinheiten messen können."

"Das Problem ist auch, dass wir keine spezifischen Befunde haben", sagt Enrico Weidauer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. "Alle diese Funktionseinschränkungen, die wir finden, sind ja der Dekompensationsmechanismus eines vorgeschädigten Nervensystems." Doch es gebe keine Möglichkeit diese zu analysieren oder zu quantifizieren.

Ein Problem sei auch die relativ kleine Zahl an Betroffenen. "30.000 Menschen leiden deutschlandweit am Post-Polio-Syndrom", schätzt Hans-Joachim Wöbbeking. "So sind wir keine lukrative Zielgruppe für die Pharmaindustrie. Die Entwicklung von Arzneimitteln ist sehr teuer und geht in die Millionen."

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 20. Oktober 2020 | 21:45 Uhr

1 Kommentar

Zsifkovits vor 5 Wochen

Die Verantwortlichen (Impfgegner + verantwortungslose Eltern) sollten ...

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