Corona Wie gehen Kommunen mit der zweiten Welle um?

Die Infektionszahlen steigen rasant. Immer mehr Regionen gelten als Risikogebiet – mit verschärften Maßnahmen. Doch wird es so drastisch wie im Frühjahr? Das würden viele Kommunen wohl am liebsten vermeiden.

Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Zur Eindämmung des Virus gelten im Landkreis Eichsfeld verschärfte Corona-Regeln: Maskenpflicht auch im öffentlichen Raum. Die Menschen sind angehalten ihre Kontakte einzuschränken. Bildrechte: dpa

Corona-Risikogebiet: Das ist seit über einer Woche der Landkreis Eichsfeld in Thüringen – und eine Entspannung ist nicht in Sicht. Inzwischen unterstützt sogar die Bundeswehr. "Wir haben im Moment 13 Patienten stationär", sagt der Leiter des Koordinierungsstabs Eichsfeld, Dominik Dietrich, am Dienstagabend. Das sei aber der Stand von acht Uhr morgens. "Wir sind da schon wieder deutlich höher. Wir sind jetzt bei 15 Patienten, die stationär behandelt werden.“

Für den Krisenstab bedeutet diese Situation: Dauereinsatz. Der Auslöser der Infektionen war mutmaßlich eine Familienfeier. Trotz Einhaltung der Mindestzahl war "ein Gast in der Gaststätte offenbar hoch ansteckend", sagt Landrat Werner Henning (CDU). Anschließend seien die Infektionen explodiert. "Auch da haben viele von uns dazu auch gelernt, wie ansteckend in der Tat auch Corona ist."

Bundeswehr unterstützt Gesundheitsamt

Doch nun ist es entscheidend, dass die weitere Ausbreitung des Virus gestoppt wird. Im Gesundheitsamt helfen Soldaten beim telefonieren – es geht um die Erfassung aller Kontakte von Infizierten. "Das ist nicht einfach und gleicht zum Teil auch kriminalpolizeilichen Ermittlungen", sagt Stabsleiter Dietrich.

Zur Eindämmung gelten im Landkreis verschärfte Corona-Regeln: Maskenpflicht auch im öffentlichen Raum. Die Menschen sind angehalten ihre Kontakte einzuschränken. "Es ist wichtig, dass sich jeder daran hält und ich bin zufrieden, wie das hier gehändelt wird", erklärt eine Bürgerin des Landkreises. "Die alten Leute werden wieder verängstigt. Kann ich nachvollziehen", sagt ein anderer Bewohner.

Augustusburg in Sachsen: Trotz der rasant steigenden Infektionszahlen in Deutschland, versuchen die Menschen im Seniorenhaus in Augustusburg positiv zu bleiben. In der Stadt sind derzeit keine Fälle bekannt. Doch der Erzgebirgs-Kreis in Sachsen ist nur wenige Kilometer entfernt – und der ist Risikogebiet. Zudem gab es in Augustusburg bereits im Sommer einen Ausbruch.

Besuchsverbot im Seniorenhaus soll vermieden werden

Deshalb: Vieles was für die Bewohner des Seniorenhauses früher selbstverständlich war, geht nicht mehr. "Ich hab mein ganzes Leben lang gesungen", sagt die Seniorin Edeltraut Leiter. "Ich hab auch noch einen Chor in Hennersdorf. Da sing ich mit. Aber nu geht es alles nicht, ne."

Dagegen ist Heimleiterin Ines Trinks froh, dass sich in den letzten Monaten immerhin eine neue Normalität eingespielt hat. Obwohl die Arbeitsbelastung durch die immer neuen Regelungen stark gestiegen sei. "Zu Hoch-Zeiten ist es so, dass ich den ganzen Tag E-Mails bekomme. Mit Anordnungen, Verordnungen und weiß der Teufel was", sagt sie. Das müsse sie sich manchmal auch erst einmal "übersetzen". Schließlich sei nicht jeder Jurist. "Wo ich dann sag: Was will mir der Dichter damit sagen?" Ihr fehlen Ansprechpartner und ein besserer Austausch von Pflege-Einrichtungen untereinander.

Weihnachtsmarkt: Bürgermeister will ihn stattfinden lassen

In der ersten Jahreshälfte galt für das Heim Besuchsverbot. Das will Ines Trinks in diesem Winter unbedingt vermeiden. Sie ist vorbereitet und hat dafür extra Schnelltests organisiert. Sie hatte die Schnelltests schon bestellt, bevor jetzt Gesundheitsminister Jens Spahn eine nationale Test-Strategie ausgerufen hat. Nun kann eine Fachkraft Besucher, Mitarbeiter und Bewohner testen.

Auch der Bürgermeister von Augustusburg, Dirk Neubauer (SPD), will nicht nur die Angst das Leben bestimmen lassen. Deswegen will er den traditionellen Weihnachtsmarkt – unter Vorsichtsmaßnahmen – stattfinden lassen. "Ich glaube wir haben alle kapiert, dass wir jetzt nicht das Riesenprogramm machen können", sagt er. Doch das Zusammenkommen, um Glühwein zu trinken sei möglich. Denn die Gastronomen betrieben einen Riesenaufwand und so sei das Risiko vertretbar.

Doch bei größeren Veranstaltungen plädiert die Epidemiologin von der Universität Leipzig, Corinna Pietsch, für weitaus mehr Vorsicht. Sonst riskiere man noch viel härtere  Einschränkungen als sie jetzt gelten. "Einen kompletten Lockdown könne man sich ersparen, wenn alle mitmachen."

Hoffnung auf Verständnis für die Maßnahmen

"Für die Weihnachtsmärkte haben wir eine Regelung, in der geregelt wird, dass die Städte und Gemeinden die Verantwortung dafür tragen, wie sie sie machen", erklärt Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) gegenüber MDR exakt. Doch wenn die 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen überschritten würden, dann seien dort "tatsächlich größere Veranstaltungen nicht mehr möglich".

Denn ab diesem Wert könnten die Gesundheitsämter die Kontakt-Nachverfolgung ohne Unterstützung nicht mehr leisten.  So ist es auch im Eichsfeld. Dort lag der Wert am Mittwoch bei 58. Die Bundeswehr unterstützt nicht ohne Grund.

Der Landrat hofft, dass das Verständnis der Bürgerinnen und Bürger für die Maßnahmen bleibt. Denn man habe auch gelernt, dass man verwaltungsseitig nicht allzu viel machen könne. "Wir können weitestgehend nur ermahnen und können darauf hoffen, dass die Bevölkerung eben gut im Konsens mit unserem Ordnungsgeschick eben mitgeht."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 21. Oktober 2020 | 20:15 Uhr

4 Kommentare

nasowasaberauch vor 5 Wochen

Ein Lockdown soll auf jeden Fall vermieden werden und ist genauso vermeidbar wie vernünftig die Bürger aller Altersklassen mit dieser Ausnahmesituation umgehen. Die Generation Aufbau hat sich die Rücksichtnahme verdient. Um den Intensivpatienten Euro müssen wir uns keine Gedanken machen, die EZB druckt notfalls neues Geld. Von der Triage sind wir noch weit entfernt, aber es gilt daran zu arbeiten, dass es so bleibt.

ElBuffo vor 5 Wochen

Das ist erstmal Ihre Wortwahl. Die Ressourcen auf diesem Planeten sind nicht unendlich, sondern knapp. Wenn ich zwei Intensivbetten (wo naturgemäß neben dem Bett und restlichen Technik immer auch noch das Personal dazu gehört) und drei Patienten habe, muss entschieden werden, wer da reinkommt und damit auch, wer nicht. Klar, man kann sich auch nicht entscheiden und niemand kommt in die Betten. Das wäre sicher auch eine Form von Gerechtigkeit.
Und ganz klar dürfte auch sein, dass eine zusammengebrochene Wirtschaft eher nur noch ein Bett statt drei abwerfen wird.
Man wird sich also nicht nur entscheiden müssen, wer von den dreien in die zwei Betten kommt, sondern auch darüber, dass diese zwei Betten überhaupt weiter betrieben werden können. Dabei sind diese zwei Betten das, was übrig bleibt, nachdem erstmal alle Happipappi und ein Dach überm Kopf haben. Und davor sollten vielleicht auch Beinbrüche und Schlaganfälle behandelt werden (keine abschließende Aufzählung).

Peter vor 5 Wochen

ElBuffo, das glaub ich jetzt nicht. Sind wir schon wieder soweit, "minderwertiges Leben" als Abfall zu betrachten.
Ich wäre eher dafür, dass sich alle Deutsche, Alte wie Junge, am Riemen reißen, so dass wir wie im Frühjahr die Kurve kriegen. Dazu gehört auch, dass auch bestimmte Politiker nicht unverantwortlich handeln. Damit meine ich die, welche zu Corona-Demos wie in Berlin aufrufen oder die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Pandemie als "Wahnsinn" bezeichnen.