Heimkinder in der DDR Der lange Kampf um Gerechtigkeit

Heimkinder mussten in der DDR viel erdulden: Gnadenloser Drill, Misshandlungen und Arbeit bis zur Erschöpfung – mit schweren körperlichen und seelischen Folgen. Eigentlich steht ihnen als Opfer von DDR-Unrecht gesundheitliche Betreuung durch den Staat zu, in der Praxis wird ihnen diese aber meist verweigert.

Mit sechs Jahren kam Ralf Weber zum ersten Mal ins Heim. 1961 nahm ihn die DDR-Jugendfürsorge seiner Mutter weg. Die Behörde unterstellte  ihr, dass sie mit der Erziehung überfordert sei, weil sie alleinerziehend und voll berufstätig war. Die Trennung traumatisierte den Jungen.

Rald Weber, DDR-Heimkind
Rald Weber verbrachte 12 Jahre in Heimen und Jugendwerkhöfen der DDR. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis zur Volljährigkeit sperrt man Ralf Weber in neun Heime und Jugendwerkhöfe. Überall, so erzählt er, erlebte er Brutalität und Willkür. Jede Aufsässigkeit sei als Widerstand gewertet worden. Schon als Zehnjähriger musste er täglich vier Stunden in der Landwirtschaft arbeiten. Mit 14 arbeitete er Akkord in der Stahlproduktion.

„Ich wurde in der Maxhütte Unterwellenborn in den Hochofen geschickt, um die Schlacke abzustechen“, berichtet Weber. Eine Schaufel voll Schlacke wiegt 50 Kilo. „Das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Mitleid habe es keines gegeben. Für die Kollegen war er „ein Verbrecher und habe deshalb ohne Widerspruch zu arbeiten“.

Am Wochenende wurde es im Jugendwerkhof grausam

Als 16-Jähriger kommt er in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Über 4000 Jugendliche, die nicht der sozialistischen Norm entsprachen, wurden dort bis 1989 brutal diszipliniert. „Am Wochenende wurde es grausam: um acht Uhr in den Hof. Bis Mittag 500, Liegestütze, 500, Kniebeuge, 500 Strecksprünge und dazu ungefähr 50 Runden laufen, und am Nachmittag wiederholt sich dort die Tortur“, sagt Weber. „Am Sonnabendabend haben sich die Jugendlichen die Pulsadern aufgeschnitten“, sagt er. „Weil sie es nicht mehr für möglich gehalten haben, dass sie den nächsten Tag auf dieser Bahn überleben.“

Inzwischen ist Ralf Weber 64 Jahre alt und lebt im sächsischen Lauta bei Hoyerswerda. Seit 2005 ist er Erwerbsunfähigkeitsrentner. Körperliche Misshandlungen und jahrzehntelange Zwangsarbeit haben seine Wirbelsäule kaputt gemacht. Seine Bandscheiben sind abgenutzt. Er leidet unter starken Schmerzen und unter den psychischen Folgen seiner jahrelangen Heimaufenthalte und der Zeit als politischer Häftling im Gefängnis.

Zähne ohne Betäubung gezogen

„Hier drüben auf dem Dach, da steht eine Sirene. Wenn die angeht, verstecke ich mich, weil ich diesen Ton nicht kann, das zersprengt mir das Hirn“, beschreibt er seine Ängste. Ralf Weber ist inzwischen als Opfer des SED-Unrechts rehabilitiert. Dafür ist er bis vor das Bundesverfassungsgericht gezogen. Die Richter haben 2009 geurteilt, dass Kinder und Jugendliche, die in der DDR in Heimen untergebracht waren "aus sachfremden Gründen oder zum Zwecke der politischen Verfolgung", ein Anrecht auf Rehabilitation haben. 

Doch bereits seit 27 Jahren kämpft er darum, dass seine gesundheitlichen Folgeschäden anerkannt und betreut werden. Wie die schwere Schädigung seines Gebisses. Sie entstand, nachdem Ralf Weber im Cottbuser Gefängnis zwei Backenzähne brachial gezogen worden waren – „keine Betäubung, nichts einfach rausgebrochen. Danach bin ich wieder arbeiten gegangen“, sagt Weber.

Ausgleich der Rente nicht gewährt

Doch das zuständige Versorgungsamt, der Kommunale Sozialverband Sachsen (KSV) weigert sich bis heute, für die Behandlungskosten aufzukommen. Die Zahnschäden werden nicht als Schädigungsfolge des damaligen Vorfalls anerkannt. Auch einen Rentenausgleich für die jahrelange Zwangsarbeit und den Minderverdienst bekommt Ralf Weber nicht gewährt. „Sie wimmeln mich ab, als wenn ich betteln gehe“, sagt Weber. „Und ich muss mich heute vor unserem Rechtsstaat, muss ich mich schämen, weil ich in der DDR Widerstand geleistet habe.“

Sie betreut als Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern viele Menschen, die in der DDR politisch verfolgt waren.
Anne Drescher ist Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So wie Ralf Weber geht es Tausenden. Anne Drescher betreut als Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern viele Menschen, die in der DDR politisch verfolgt waren. Nur elf Prozent der Anträge auf Anerkennung eines Gesundheitsschadens infolge von Haft oder Heimaufenthalten werden von den Versorgungsämtern anerkannt, so Drescher.

In anderen Bundesländern ist es ähnlich. „Wir erleben, dass die Menschen es aufgegeben haben, obwohl sie berechtigte Ansprüche hätten, diese Anträge zu stellen“, sagt die Landesbeauftragte.

Bildergalerie Der Geschlossene Jugendwerkhof in Torgau

Über 4.000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren werden von 1964 bis 1989 in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingewiesen. Schon von außen mutet die Einrichtung wie ein Gefängnis an.

Jugendwerkhof Torgau, Außenansicht
"Ich hatte so ein mulmiges Gefühl im Bauch. Angst halt." Vielen Jugendlichen geht es wie Stefan Lauter, als sie den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zum ersten Mal von außen sehen. Die vergitterten Fenster und die 5 Meter hohen Mauern mit Stacheldraht machen Angst davor, was kommen wird. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Außenansicht
"Ich hatte so ein mulmiges Gefühl im Bauch. Angst halt." Vielen Jugendlichen geht es wie Stefan Lauter, als sie den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zum ersten Mal von außen sehen. Die vergitterten Fenster und die 5 Meter hohen Mauern mit Stacheldraht machen Angst davor, was kommen wird. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau
Wie schlimm es hier tatsächlich zugeht, ahnt kaum jemand. Denn bei der Entlassung wird den Jugendlichen eingebläut, dass sie nichts über ihre Erlebnisse in Torgau erzählen dürfen, sonst werden sie wieder eingewiesen. Ein Tabu, das lange fortwirkt. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Gruppenbereich mit Schlafzellen
1964 wird der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau in einem ehemaligen Gefängnis eröffnet. Ohne Gerichtsurteil oder offizielles Verfahren werden vermeintlich "schwererziehbare" Jugendliche eingewiesen. Dort sollen sie - wie es in den Richtlinien der Heime heißt - "umerziehungsbereit" gemacht werden. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Blick auf eine Tafel in den Ausstellungsräumen des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau mit dem vielfach geschriebenen Satz "In der Nachtruhe hat man zu schlafen nicht zu quatschen"
Konkret heißt das gnadenloser Drill und drakonische Strafen von Essensentzug über Einzelarrest bis hin zu körperlicher Gewalt. Bildrechte: dpa
Blick in eine ehemalige Dunkelzelle
Besonders gefürchtet sind die Dunkelzellen im Kellertrakt des Gebäudes. Manche dieser Zellen sind so klein, dass ein Mensch hier weder aufrecht stehen noch liegen kann. Bildrechte: Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
Blick auf eine Originalinschrift auf einer Liege des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau
Einige der Jugendlichen schreiben ihre Gefühle heimlich auf die Zellenliegen. Die wenigen Inschriften, die sich bis heute erhalten sind, zeugen vom stillen Protest gegen eine unmenschliche Erziehungseinrichtung. Bildrechte: dpa
Jugendwerkhof Torgau, Sturmbahn
Neben dem Arrest setzen die Erzieher in Torgau auch sportlichen Drill als Strafe ein. Auf der Sturmbahn müssen die Zöglinge bis zur Erschöpfung über einen Hindernisparcours laufen. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Sturmbahn
Schafft ein Jugendlicher dieses sportliche Pensum nicht, wird die gesamte Gruppe bestraft. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Innenbereich, Treppenaufgang
Keiner der Insassen weiß, wann er aus Torgau wieder entlassen wird. Die meisten bleiben etwa drei Monate in der Einrichtung. Doch der Aufenthalt kann auch willkürlich verlängert werden. Fast alle Jugendlichen kommen anschließend wieder zurück in jene Jugendwerkhöfe, die sie nach Torgau überwiesen hatten. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
Jugendwerkhof Torgau, Gesamtansicht
Ein einziger Anruf aus dem Volksbildungsministerium genügt, um den Geschlossen Jugendwerkhof 1989 aufzulösen. Am 17. November 1989 werden die letzten Jugendlichen entlassen. Anschließend bauen die Angestellten die Einrichtung grundlegend um, nehmen Stacheldraht und Gitter von den Fenstern. 1996 wird das Areal von einem schwedischen Investor aufgekauft und in einen Wohnkomplex umgewandelt. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude befindet sich seit 1998 die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau. Bildrechte: Archiv DIZ Torgau
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Für die Betroffenen eine Katastrophe

Doch die KSV sieht offenbar kein Fehlverhalten. „Eine restriktive Handhabung oder eine Leugnung von Kausalitätszusammenhängen, das findet hier also nicht statt“, sagt der KSV-Fachbereichsleiter für die Versorgung von Opfern des SED-Unrechts, Andreas Löbner. Die gesetzlichen Vorgaben würden eingehalten, „nicht mehr und nicht weniger“.

Für die Betroffenen ist es dennoch „eine Katastrophe und aus therapeutischer Sicht ein Skandal“, sagt der Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin, Jochen Buhrmann. Er betreut in Schwerin viele, die in der DDR als Verfolgte gelitten haben. „Denn die gesetzlichen Voraussetzungen sind ja gegeben und sie müssten jetzt konsequent mit Inhalt gefüllt werden. Genau das bleibt eben seit Jahren aus.“

Ralf Weber hat jetzt eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Er will sogar bis zum Europäischen Gerichtshof gehen, um seine Rechte einzufordern. Sein Kampf um Gerechtigkeit geht also weiter

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 19. Februar 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2020, 16:52 Uhr

2 Kommentare

ElBuffo vor 6 Wochen

Aber nicht doch. Die werden sich alle als Strafrentner sehen, weil sie meinen ja eigentlich noch viel mehr, wenn nicht sogar die Versorgung von Beamten erhalten zu müssen.

nachdenker1 vor 6 Wochen

Zu bemerken ist, dass die Schergen von damals, wenn sie noch leben, ein vorzügliche Altesversorung geniessen. Mit Zusatz- und Sonderversorgung zusätzlich zu ihrer Rente geht es denen vortrefflich.
Darüber wird leider so gut wie nie berichtet.