Schwierige Berufskrankheits-Anerkennung Kumpel der Wismut kämpfen um Gerechtigkeit

Auch Jahrzehnte nach dem Ende des Uranabbaus in der DDR treten noch durch die Strahlung unter Tage verursachte Krebserkrankungen auf. Den erkrankten Bergleuten wird in sehr vielen Fällen in einem für sie intransparenten und unfairen Verfahren die Anerkennung einer Berufserkrankung verweigert.

von Reinhart Brüning

Mit 16 Jahren fing Uwe Zschirp unter Tage im Uranabbau der Wismut an. Selbst nach DDR-Recht galten für ihn und seine Kollegen besondere Schutzbestimmungen, die die Wismut nicht eingehalten hat. So wurde seine Strahlenbelastung nicht überwacht. Außerdem hätten alle über das Krebsrisiko aufgrund der erhöhten Strahlenbelastung unter Tage aufgeklärt werden müssen. "Das ist nie der Fall gewesen", sagt Uwe Zschirp, "ich habe auch nie irgendetwas unterschrieben." Elf Jahre lang atmete er das radioaktive Gas Radon ein, Tag für Tag. Er hat sich darüber wenig Gedanken gemacht, auch nach der Wende nicht, als er als Bergmann ins Ruhrgebiet wechselte. Erst als er mit 51 Jahren Lungenkrebs bekam, musste er sich fragen, was die Ursache dafür ist.

Die Ursache für Krebs ist im Einzelfall nicht feststellbar

Ein Mann im Ronneburger Bergbaumuseum.
Uwe Zschirp war Bergmann und ist an Krebs erkrankt. Bildrechte: FAKT/MDR

Und genau darauf gibt es für ihn, die anderen erkrankten Kumpel und überhaupt für alle an Krebs Erkrankte, keine Antwort. Denn zusätzlich zu der Strahlung unter Tage gibt es immer noch weitere mögliche Ursachen: Strahlenbelastung bei Flugreisen, Röntgen oder Rauchen beispielsweise. Im Einzelfall lässt sich die Ursache für den Krebs nicht ermitteln – bestenfalls Wahrscheinlichkeiten. Und solange die übrigen Ursachen wahrscheinlicher sind als eine berufliche, wird eine Berufserkrankung nicht anerkannt. Die Berufsgenossenschaft zahlt eine zusätzliche Rente entsprechend erst ab 50 Prozent beruflicher Verursachungswahrscheinlichkeit. Und dabei geht es im Fall von Uwe Zschirp und den anderen Bergleuten auch um mögliche Hinterbliebenenrenten für ihre Frauen.

Eine komplizierte und undurchsichtige Statistik entscheidet

Uwe Zschirp stellte einen Antrag auf Berufserkrankung und dachte, damit sei alles klar. Aber da hatte er sich geirrt. Die Berufsgenossenschaft lehnte ab, Begründung: Nur 13 Prozent berufliche Verursachungswahrscheinlichkeit. 13 Prozent ist so weit von den erforderlichen 50 Prozent entfernt, dass das eigentlich eine klare Sache sein sollte. Aber ist das wirklich so?

"FAKT" hat recherchiert, wie diese Prozentangaben zustande kommen: Ausgangspunkt ist in jedem Fall die Strahlendosis, die der Bergmann jeweils abbekommen hat. Hätte sich die Wismut nach DDR-Recht legal verhalten, wäre ihre individuelle Dosis in ihrer Akte festgehalten – Aufbewahrungspflicht 50 Jahre. Diese Akten gibt es nicht, und deshalb muss die Belastung anders bestimmt werden. Statt individueller Werte nutzt die Berufsgenossenschaft Mittelwerte.

Schätzwerte statt Messwerte

Es wurde nicht am individuellen Arbeitsplatz gemessen, sondern stattdessen an einigen wenigen ausgewählten Orten und in größeren Zeitabständen. Teilweise wurde auch gar nicht gemessen. Deshalb muss geschätzt werden, wo sich die Bergleute innerhalb des Kilometerlangen Grubengebäudes aufgehalten haben. Außerdem muss geschätzt werden, wie die Strahlenbelastung zwischen Messpunkten war und wie die Belastung in den Zwischenzeiten war, in denen nicht gemessen wurde.

Ein Förderturm inmitten von Bäumen.
Die Wismut-Kumpel kämpfen seit Jahrzehnten um Gerechtigkeit. Bildrechte: FAKT/MDR

Bei diesem Schätzen gehe man konservativ vor, versichert die Berufsgenossenschaft. Man gebe Sicherheitszuschläge zugunsten der Bergleute. Strahlenschutzexperte Dr. Gerd Eigenwillig, der seit den 1990er Jahren in einem Expertengremium zum Thema Wismut mitgearbeitet hat, hält diese Zuschläge aber für viel zu klein und kritisiert ganz grundsätzlich: "Die Messwerte, die man hat, sind nicht repräsentativ, auch nicht für die Arbeitsplätze dort. Und sie schwanken sogar innerhalb eines Bergwerks, um einen Faktor 10 und auch mehr. Und wenn man dann mit Mittelwerten arbeitet, führt das zwangsläufig dazu, dass das Risiko von einigen Bergleuten unterschätzt wird."

Die Beweislast liegt bei den Bergleuten

Ein Mann sitzt vor vielen Büchern.
Dr. Gerd Eigenwillig ist Strahlenschützer. Bildrechte: FAKT/MDR

Wer an einem besonders stark belasteten Ort gearbeitet hat, hat Pech gehabt. Es sei denn, er kann das vor Gericht beweisen. Nach Jahrzehnten ist das aber eine extrem schwere Aufgabe. Beispielsweise macht Uwe Zschirp geltend, dass seine Schlosserwerkstatt unter Tage genau im Abwetterbereich lag - also dort, wo die verbrauchte und radonhaltige Luft des ganzen Bergwerks durchzog. Trotzdem hatte er bisher keinen Erfolg. Das Verfahren ist derzeit in zweiter Instanz.

Warum im Fall der Bergleute der Wismut nicht großzügiger verfahren wird, dazu wollte sich das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales gegenüber "FAKT" nur schriftlich äußern: "Die Beweislosigkeit geht zu Lasten desjenigen, der aus der Tatsache einen Vorteil oder ein Recht herleiten will. In einem solchen Fall können keine Leistungen erbracht werden."

Wie wirkt die Strahlung?

In der Verursachungswahrscheinlichkeit von 13 Prozent, die Uwe Zschirp mitgeteilt wurde, stecken aber noch mehr Schätzwerte. Selbst wenn man die Strahlenbelastung kennen würde, bleibt ja noch die Frage offen, was diese Strahlung bewirkt. Darüber gibt es Studien, die stark voneinander abweichen. Dabei ist besonders strittig, wie schnell das Strahlenrisiko verjährt. Die Berufsgenossenschaft schätzt, dass dieses Risiko schnell zurückgeht. Deshalb haben Bergleute, wie Uwe Zschirp, die erst spät erkrankt sind, eine wesentlich geringere Chance auf Anerkennung. Dieser schnelle Rückgang steht aber im Gegensatz zu den Erfahrungen, die man mit den Opfern aus Hiroshima und Nagasaki gesammelt hat. Dort blieb das zusätzliche Krebsrisiko über Jahrzehnte hoch.

Ein Diagramm zur Wahrscheinlichkeit von Krebsrisko
Zusätzliches Risiko der Bergleute für Lungenkrebs – Maximum auf 100% normiert: Die Kurve der Berufsgenossenschaft weicht deutlich von den Studienergebnissen über die Opfer der Atombomben von 1945 ab. Das gilt ganz besonders für Personen, die in jungen Jahren bestrahlt wurden, wie Uwe Zschirp. Bildrechte: FAKT/MDR

Aus einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Fraktion der Grünen an die Bundesregierung geht hervor: Seit der Übernahme der Wismut durch den Bund haben 11.300 Bergleute einen Antrag auf Berufserkrankung aufgrund von Strahlung gestellt. 7.100 wurden abgelehnt.

Späte Gerechtigkeit für die Bergleute der Wismut?

Ein Mann fährt in einen Transporter.
Für Uwe Zschirp geht es auch um eine mögliche Hinterbliebenenrente für seine Frau. Bildrechte: FAKT/MDR

Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen, sieht hier die Bundesregierung in der Pflicht: "Die Berufsgenossenschaften dürfen nicht weiter veraltete Berechnungsansätze verwenden, und die Unsicherheiten, die ja in eklatanter Weise vorhanden sind, dürfen auch nicht zulasten der Betroffenen ausgelegt werden, sondern zu deren Gunsten! Und wenn am Ende Geld fehlt, muss die Bundesregierung auch hier handeln. Denn es werden Milliarden für die Sanierung der Wismut ausgegeben, und da kann man nicht an den Menschen, die am Uranabbau krank geworden sind, sparen."

Doch die Aussichten, dass sich da nach Jahrzehnten noch etwas ändert, sind schlecht. Denn die Bergleute der Wismut und ihre Familien haben keine Lobby. Uwe Zschirp will aber trotzdem nicht aufgeben. "Ich kämpfe weiter, nicht nur für mich, sondern auch für die ehemaligen Kollegen, die auch erkrankt sind. Das sind ja noch sehr viele!" Die meisten von ihnen haben einen kräftezehrenden Rechtsstreit aber gar nicht erst begonnen.

Ich kämpfe weiter, nicht nur für mich, sondern auch für die ehemaligen Kollegen, die auch erkrankt sind

Uwe Zschirp, ehemaliger Bergmann FAKT

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 05. November 2019 | 21:45 Uhr

7 Kommentare

Strafrechts-Profit-eur vor 5 Wochen

Die Verantwortlichen, die es mindestens geschehen lassen, dass die Kumpels nicht entschädigt werden, werden aber merkwürdigerweise immer wieder gewählt.

Warum? Wenn ich mich betrogen fühle, dann wähle ich die nicht mehr.

Armin C. vor 5 Wochen

Erst mal Gratulation (ist ernst gemeint), Sie können auch Beiträge mit Substanz (und nicht nur mit Propaganda) schreiben!
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Übrigens, auch mein Opa war 22 Jahre bei der Wismut. (Nach 26 Jahren in der Steinkohle in Schlesien). Von dort wurden meine Großeltern mit ihren Kindern 1948 vertrieben (Zwangsumsiedlung der deutschen Bevölkerung durch die polnische Staatsmacht). Sie wurden in Güterzüge gepfercht und weggeschickt.
Da viele Bergmannsfamilien dabei waren, war es nicht überraschend, dass sie
ins Erzgebirge geschickt wurden (Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenrevier und eben der entstehende Uranbergbau). Viele Züge fuhren aber auch weiter in den Westen, in die Steinkohlenreviere im Ruhrgebiet. Das konnte sich aber niemand aussuchen.
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Auch mein Opa wurde durch die Arbeit unter Tage sehr krank, (Silikose-Staublunge), und auch er bekam keine Entschädigung dafür!
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Und betreffs Russland: Glauben Sie im Ernst, dass von dort irgendetwas kommt? Stichwort Altlastensanierung - Geld nur vom Bund!

Dynamo vor 5 Wochen

Hier kann nur feststellen, sowohl die Oberen in der ehemaligen "DDR" wie auch im jetzigen Deutschland, wo "der Arbeitsschutz für die Werktätigen komplex überwacht wird" haben komplett versagt. Nur leider nützt das keinen der Erkrankten und Einsicht zeigen die damaligen und jetzigen Verantwortlichen auch nicht. Und beide Regierungen, damals die der "DDR" wie jetzt die "Deutschlands" scheren sich darum. Heutzutage heißt es lediglich, " Wir schaffen das ". 12.10.2019, 11:07