Nahrungsmittel-Versorgung Landwirte unter Druck

Weniger Monokultur, weniger Massentierhaltung, weniger Dünger – die Forderungen an die Bauern sind groß, ihr Ruf hat gelitten. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie steht der Berufsstand in einem neuen Fokus.

Kühe in einem Stall
Mit einem Mal steht die Landwirtschaft im Fokus. Nun geht es um Ernährungssicherheit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Ruf der Landwirte: schlecht. Der Nachwuchs für die Zukunft: fehlt. Die Preise für viele ihrer Produkte: niedrig. Für die Bauern ist die Situation gerade schwer. Dabei müssen sie dafür sorgen, dass die Bevölkerung mit Obst, Getreide, Gemüse und Fleisch versorgt wird – insbesondere in Zeiten der Krise.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich einiges verändert. Die globalen Lieferketten sind unterbrochen. Saatgut und Ersatzteile hängen an den Grenzen fest. Saisonkräfte aus dem Ausland fehlen. Mit einem Mal steht die Landwirtschaft im Fokus. Nun geht es um Ernährungssicherheit.

"In der Vergangenheit hat der Verbraucher nicht eingesehen, wie wichtig die Landwirtschaft ist", sagt Landwirt Martin Dippe. Er betreibt mit seinen beiden Brüdern einen Hof in der Magdeburger Börde und hofft, dass sein "Berufsstand nun wieder mehr wertgeschätzt wird." Denn seit dem Ausbruch der Krise steht die regionale Versorgung bei den Verbrauchern wieder hoch im Kurs.

Agrarpaket: Mehr Umweltschutz und Artenschutz

Ein Mann sitzt in einer großen Halle, im Hintergrund ein Traktor
Martin Dippe betreibt mit seinen zwei Brüdern einen Hof in der Magdeburger Börde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Dippes betreiben konventionelle Landwirtschaft. Kartoffeln, Weizen, Raps, Zwiebeln und Spinat – ausschließlich Ackerbau. Pflanzenschutzmittel, also Pestizide ausbringen, gehört ebenso dazu. Doch die Befürchtung ist groß, dass es so wie seit Jahren gewohnt nicht mehr weitergeht. Die politischen Rahmenbedingungen der Landwirtschaft verändern sich.

Mehr Umwelt- und Artenschutz, mehr Flächen für Vögel und Insekten, Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln – das Agrarpaket bedeutet: Einschränkungen für die Landwirte.  Vor allem die neue Düngemittelverordnung bereitet den Bauern Sorgen. In Gegenden, wo im Grundwasser Grenzwerte für Nitrat überschritten sind, wird in Zukunft das Ausbringen von Dünger eingeschränkt. Das hat der Bundesrat Ende März beschlossen – auch wenn es erst ab 2021 umgesetzt werden muss.

Weniger Dünger heißt weniger Ertrag, sagt Martin Dippe. Doch allein von ihrer Arbeit könnten viele Bauern kaum leben. Derzeit ist Landwirtschaft ohne Subventionen nicht denkbar. Viele Landwirte sind abhängig von  der Politik. 6,3 Milliarden Euro zahlt Brüssel jährlich an landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland. Der Großteil der Summe wird nach Betriebsgröße verteilt. Pro Hektar Land fließt Geld. So profitieren vor allem die großen Betriebe. Doch die europäischen Förderrichtlinien für die Landwirtschaft laufen dieses Jahr aus und wie es weitergeht, das ist noch immer unklar. Die Weichen für die Agrarpolitik der kommenden Jahre werden derzeit in Brüssel gestellt.

Die EU macht Druck

So wie bereits zuvor Änderungen in Deutschland durch die EU vorangetrieben worden sind. Die neue Düngeverordnung musste kommen, denn seit Jahren verstößt Deutschland gegen EU-Vorgaben – es drohten hohe Strafzahlungen. Trotzdem: lange glaubten die Landwirte um strengere Auflagen herumzukommen, sagt Prof. Peter Feindt von der Humboldt Universität Berlin.

Es gibt eine strukturell schwierige wirtschaftliche Lage in vielen Bereichen der Landwirtschaft.

Peter Feindt Agrarwissenschaftler an der Humboldt Universität Berlin

Bislang hätten die Landwirte noch geglaubt, dass die Anforderung an Umwelt oder Tierwohl durch die Gesellschaft, durch die Politik von ihnen ferngehalten werden könnte, so der Agrarwissenschaftler. Doch der Beschluss des Agrarpakets im August 2019 habe die neue Richtung aufgezeigt.

Umwelt- und Klimaschutz werden immer wichtiger. Vorwürfe treffen vor allem große Betriebe. Sie seien Schuld an Monokulturen, Grundwasserbelastung und Massentierhaltung. Ein Landwirt, den diese Forderungen treffen, ist Bernd Barfuß, Geschäftsführer der Agrar GmbH Auligk aus dem sächsischen Groitzsch. 2000 Rinder und rund 5000 Schweine werden auf dem Hof gehalten. Doch die Schweinemast wirft kein Geld mehr ab.

Schweinefleisch zu günstig?

Die Ställe stammen aus den Sechziger Jahren - für die Schweine sind sie nach heutigen Anforderungen zu klein. In neue Ställe zu investieren, das lohne sich nicht, sagt Bernd Barfuß. Zum einem fehle ihm die Planungssicherheit, dass die nun festgelegten Anforderungen auch über Jahrzehnte Bestand haben. Zum anderen werde Schweinefleisch einfach zu günstig gehandelt und so lange der Verbraucher im Supermarkt Fleisch zu Billigpreisen erwarte, würde sich dies auch nicht ändern, sagt Barfuß.

Auch die Dippes in der Magdeburger Börde müssen langfristige Verbindlichkeiten bedienen. Landmaschinen, Flächenzukauf, die dafür aufgenommenen Kredite liegen im siebenstelligen Bereich. Doch der Betrieb ist gesund, schreibt schwarze Zahlen. "Wir müssen sicherlich auch auf die Änderungen des Verbrauchers eingehen", sagt Martin Dippe. "Ein 'Weiter so' wird es nicht geben, das ist uns auch bewusst."

Welche Lösungen es gibt – der ganze Beitrag: Exakt die Story

Ein Traktor bringt Dünger aufs Feld, im Hintergrund WIndräder. 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - die Story | 08. April 2020 | 20:45 Uhr

2 Kommentare

Beautiful Spirit vor 7 Wochen

vllt. ist die Selbstversorgung Deutschlands aus dem Fokus geraten und Corona hilft beim Umdenken in jeder Hinsicht. OK uns hat es weniger schlimm als andere erwischt. Gut das unsere weitsichtig agierende Regierung so gut wirtschaftete und Deutschland bis jetzt so gut geschützt davon gekommen ist.

Kutusow vor 7 Wochen

Ein Journalist muss ja nun kein Landwirt sein. Aber wenn er über die Landwirtschaft schreibt, sollte er wissen, was er schreibt! Der Verfasser dieses Artikels weiß es nicht! "Pro Hektar Land fließt Geld. So profitieren vor allem die großen Betriebe." Mit solchen Äußerungen werden wieder die üblichen Klischeès bedient, die großen Betriebe sind die größten Umweltrabauken und bekommen noch das meiste Geld! Der Autor möge doch mal eine Umfrage machen, wer denn einen kleinen Betrieb, möglichst noch mit Tierhaltung, betreiben will, was nämlich heißt, 365 Tage im Jahr arbeiten, um über die Runden zu kommen! Allein daran scheitern schon die meisten, weil es niemand machen will! Allein die Entwicklung der Maschinen und der Logistik verdrängt die kleinen Betriebe, weil die sich die modernsten Maschinen mit entsprechender Schlagkraft und z.T. digital geführt, gar nicht mehr leisten bzw. überhaupt auslasten können!