Illustration: Auf einer Tafel steht der Schriftzug «1./2. Stunde fällt aus!!!».
Bis 2030 werden nach derzeitigem Stand deutschlandweit jedes Jahr 700 Lehrerstellen nicht besetzt werden können. Die Länder setzen deshalb auf verschiedene Strategien, um die Lücke zu schließen. Bildrechte: dpa

Lehrermangel Mit welchen Methoden Lehrer angeworben werden

Imagekampagnen suchen "Weltenretter", Ruheständler werden zurück in die Klassenzimmer gebeten und Quereinsteiger mit zügiger Verbeamtung gelockt. Die Bundesländer begegnen dem Mangel an Lehrern mit einer Flut von bildungspolitischen Instrumenten und buhlen damit um Pädagogen.

von Anna Wulffert, MDR AKTUELL

Illustration: Auf einer Tafel steht der Schriftzug «1./2. Stunde fällt aus!!!».
Bis 2030 werden nach derzeitigem Stand deutschlandweit jedes Jahr 700 Lehrerstellen nicht besetzt werden können. Die Länder setzen deshalb auf verschiedene Strategien, um die Lücke zu schließen. Bildrechte: dpa

Bis 2030 werden deutschlandweit 700 Lehrer-Stellen nicht besetzt werden können - und zwar jedes Jahr. Das hat die Kultusministerkonferenz im Oktober vergangenen Jahres auf der Basis von Modellrechnungen der Länder veröffentlicht. Demnach steht dem jährlichen Bedarf von 31.900 neuen Lehrern nur ein Angebot von 31.200 Absolventen gegenüber. Bis 2030 fehlen bundesweit also insgesamt 7.700 Lehrer.

Hoffen, dass alle Bewerber Job antreten

Den Lehrermangel spürt auch Kerstin Wilde. Sie ist Schulleiterin an der Pestalozzi-Oberschule in Hartha, einer Kleinstadt im Kreis Mittelsachsen, bei Döbeln. Zum kommenden Schuljahr hat sie vier neue Lehrer gesucht. Bislang freut sie sich über drei Zusagen. Es fehlt aber noch ein Sportlehrer. "Damit sind wir zwar ganz gut abgesichert, aber wir können jetzt nicht aus dem Vollen schöpfen", sagt sie und hofft inständig, dass die drei Bewerber, die zugesagt haben, ihren Job auch antreten.

Die Kultusministerien der Länder haben verschiedene Instrumente entwickelt, um die bereits bestehenden und drohenden Lücken zu füllen. Zum Beispiel wird vielerorts an der Besoldung für verbeamtete Lehrer beziehungsweise an der Bezahlung von angestellten Lehrkräften geschraubt. Das geschieht vor allem in den ostdeutschen Bundesländern, wo laut Prognose der Kultusministerkonferenz bis 2030 eine jährliche Lücke bei den neuen Lehrern von rund 22 Prozent besteht.

Kreativ bei Sonderzuschlägen

So haben im Osten schon Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen die Besoldung von Lehrern erhöht. Sachsen leistet sich damit - nach eigener Aussage - die bestbezahlten Grundschullehrer Deutschlands. Ein angestellter Grundschullehrer steigt im Freistaat nunmehr monatlich mit 3.837 Euro brutto in den Beruf ein. Darüber hinaus erhält er nach einem Jahr zusätzlich einen Sonderzuschlag von 170 Euro monatlich.

Prinzipiell zeigen sich die Länder kreativ bei der Erfindung von Sonderzuschlägen, die das Gehalt von Lehrern nochmals verbessern. In Schleswig-Holstein erhalten Grundschullehrer ab August 2020 eine monatliche "aufbauende Strukturzulage", die jedes Jahr um 80 Euro steigt. In Brandenburg bekommen Lehrer, die nach dem 65. Lebensjahr noch weiterarbeiten, einen "Zuschlag bei Weiterarbeiten nach Erreichen der Regelaltersgrenze" von 400 Euro monatlich.

Und nach einem Einstieg in den Bereich Metall- und Elektrotechnik an Berufsschulen in Baden-Württemberg können Ingenieure bis zu 950 Euro monatlich zusätzlich verdienen. Laut einem Sprecher des Landeskultusministeriums geht das "an die Grenze des tarifrechtlich Möglichen".

Fast alle Länder setzen auf Quereinsteiger

Wegweiser mit der Aufschrift «Seiteneinsteiger und Beratung»
Die Länder setzen inzwischen auch auf Seiteneinsteiger. Bildrechte: dpa

Darüber hinaus ist es in fast allen Bundesländern mittlerweile möglich, als nicht ausgebildeter Lehrer in die Klassenzimmer zu kommen und zu unterrichten. Durch den Föderalismus herrscht hier eine Vielzahl verschiedener Begriffe: Quereinsteiger, Seiteneinsteiger, Direkteinsteiger - in Bayern hantiert man gar mit dem sperrigen Wort "Zweitqualifizierungsmaßnahmen".

Schulleiterin Kerstin Wilde aus Hartha spricht am liebsten von Neueinsteigern. In ihrem Kollegium, das 18 Lehrkräfte umfasst, befinden sich ab dem neuen Schuljahr drei Neueinsteiger. "Sie brauchen mehr Betreuung als grundständig ausgebildete Lehrer. Sie haben zwar ein fachliches Know-How, aber die Didaktik fehlt ihnen."

Auch die Lehrergewerkschaft GEW hält es für besonders wichtig, Quer- bzw. Seiteneinsteiger gut weiterzubilden. "Sie einfach reinzuschmeißen und allein zu lassen ist keine gute Idee", sagt Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann. Auch dürfte es nicht zu viele Quereinsteiger in der Lehrerschaft geben. "Bei mehr als 50 Prozent geht eine Schule am Krückstock." Viele Länder arbeiten schon mit pädagogischen Weiterbildungsmaßnahmen und schicken ihre Quereinsteiger entweder ins Referendariat oder in berufsbegleitende Studienseminare.

Leichtere Zugänge zur Verbeamtung

In Niedersachsen und Rheinland-Pfalz werden Quereinsteiger mittlerweile sogar verbeamtet. Doch auch in anderen Bundesländern wird der Zugang zur Verbeamtung erleichtert, um das Lehren attraktiver zu machen. Brandenburg arbeitet mit Verbeamtungszusagen für Lehramtskandidaten. In NRW können Lehrer an Gymnasien und Gesamtschulen nach sechs Monaten in den Beamtenstatus rücken. Und in Sachsen, wo der Lehrermangel laut GEW "dramatisch" ist, wurde die Verbeamtung 2019 nach langen Diskussionen erstmals möglich. Damit können Lehrer bis zu gewissen Altersgrenzen nun in jedem Land, außer Berlin, Beamte werden.

Kerstin Hilde bezweifelt allerdings aus ihrer Erfahrung als Schulleiterin, dass die Verbeamtung junge Lehrer in den Beruf zieht. "Viele junge Leute wollen sich nicht so sehr binden." Um mehr Lehrer nach Sachsen zu holen, sollte ihrer Meinung nach die Ausbildung modernisiert werden sowohl was die Schulformen betrifft als auch die Inhalte, wie etwa digitale Lehre und politische Bildung. Zudem sei ein weiterer Lehramt-Standort für Sachsen wünschenswert. Denn für ihre Schule sei die Lage und die infrastrukturelle Anbindung das größte Problem. "Leipzig lässt sich von uns auch noch einigermaßen gut erreichen, mit dem Auto in 45 Minuten. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln braucht man aber schon eineinhalb Stunden." 

Auch Yvonne Schafhauser sieht darin einen zentralen Punkt. "Ich denke, ein Problem in Sachsen ist, dass viele Absolventen in den Städten bleiben wollen." Schafhauser ist Studienberaterin an der Universität Leipzig, der größten Schmiede für Lehrer in Sachsen. Zusammen mit ihrer Kollegin Stefanie Pietzner ist sie Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte von mehr als 5.700 Lehramtsstudierenden sowie allen Studieninteressenten.

Lehramtsstudium sehr beliebt

An der Universität in Leipzig sitzen Lehramts-Studenten vom ersten Semester in einer Vorlesung.
Lehramtsstudenten an der Uni Leipzig Bildrechte: dpa

"Das Studium ist seit Jahren sehr beliebt. Die Bewerberzahlen übersteigen um ein Vielfaches die Plätze", sagt Pietzner. Zu Studienstart würden in Leipzig 1.300 Studierende genommen. In den vergangenen Jahren seien die Plätze aufgestockt worden, 2012 habe es in Leipzig nur 950 Plätze für Studienanfänger gegeben.

Ausgewählt wird hauptsächlich über den Numerus Clausus (NC), die Zulassungsbeschränkung – der Notenschnitt aus dem Abitur. Zusätzlich gibt es in einigen Fächern Eignungsprüfungen und die Wartezeit wird auch berücksichtigt. Einzelne Fächer sind zulassungsfrei. "Der NC der Vorjahre bereitet einigen Studienbewerbern Sorgen, ob sie einen Studienplatz erhalten. Der NC ergibt sich jedes Jahr aus Angebot und Nachfrage und ist bei jeder Schulform und den Fächern verschieden – in vielen Fällen reichte aber ein Zweier-Schnitt", sagt Schafhauser. 

Der Lehrermangel bewege zwar viele, sei aber in der Studienberatung anfangs kein großes Thema. "An einigen Schulen spüren die Studierenden den Lehrermangel auch während der ersten Praktika", sagt Pietzner *).

Kultusministerien feilen am Image des Berufs

Beim Versuch, Lehrkräfte anzulocken, setzen die Bundesländer allerdings nicht nur allein auf Berufsanfänger. In Hessen, Sachsen, Brandenburg und NRW werden Pensionäre oder Menschen, die sich dem Ruhestand nähern, zum Weiterunterrichten motiviert. Meist mit finanziellen Anreizen.

Doch bei keiner Stellschraube zeigen die Bundesländer mehr Einfallsreichtum als bei Werbe- und Imagekampagnen für den Lehrerberuf. Baden-Württemberg legte im vergangenen Jahr in mehr als 700 Kneipen, Kinos und Restaurant "Bewerbungspostkarten für das Lehramt" aus. Mecklenburg-Vorpommern betreibt nach eigenen Aussagen "Ambient- und Guerilla-Marketing", um Lehrkräfte ans Land zu binden, und Rheinland-Pfalz appellierte schon vor fünf Jahren an Seiten- und Quereinsteiger: "Entdecke die Lehre in dir!".

Nordrhein-Westfalen wirbt für den "Job mit Pultstatus", in Thüringen wurden Lehrer für Plakatmotive in Tauchausrüstung und Weltraumanzüge gesteckt ("Sei Welterklärer und Lieblingslehrer"). Sachsen-Anhalt produzierte unter dem Hashtag "Weltenretter" Werbeclips mit glücklichen jungen Lehrern ("Ich rette jeden Tag ein Stück der Welt als Lehrer in Sachsen-Anhalt") und Sachsen schaltete eine Social-Media-Kampagne mit Schauspieler Hendrik Duryn, der in der von RTL produzierten Serie "Der Lehrer" die Hauptrolle spielt.

Ilka Hoffmann von der Lehrergewerkschaft GEW glaubt nicht, dass die Imagekampagnen ausschlaggebend sind, um junge Leute in den Beruf zu ziehen. "Man muss auch was dafür bieten", sagt die ehemalige Grundschullehrerin aus dem Saarland. Die zentrale Stellschraube seien die Arbeitsbedingungen - also das Gehalt und Entlastungen der Lehrer. Die Politik habe in der Vergangenheit nur in Wahlperioden und in demographischer Rendite gedacht. "Die schwarze Null war wichtiger als ein zeitweiliger Überhang an Lehrkräften."

*) In einer früher Version hatten wir ein anderes Zitat verwendet. Nach erneuter Rücksprache mit der Protagonistin haben wir dieses geändert. Es trifft nicht die Meinung von Stefanie Pietzner, dass junge Lehramtsstudenten häufig überfordert sind, wenn sie erste Praktika machen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 14. August 2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. August 2019, 05:00 Uhr

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7 Kommentare

18.08.2019 12:11 Thomas P. 7

Völlig verfehlt scheinen Bedarfs- und Ausbildungsplanung, wenn man an sächsischen Uni´s mit Abi 2,0 und Wartesemestern abgelehnt wird.

16.08.2019 10:21 Max W. 6

("Die Studierenden spüren den Lehrermangel erst richtig nach den ersten Praktika", sagt Pietzner. Manche fühlten sich danach überfordert und würden zweifeln, ob sie für den Job geeignet seien.)

Und da haben sie auch ganz recht, wenn sie erstmals feststellen, dass die Hälfte der Klasse alle paar Tage nicht zum Unterricht erscheint, "Eltern" nicht zum Gespräch bereit sind und die vorgesetzte Umgebung vor allem kein "Aufsehen" erregen will. Und das sind nur ein paar Andeutungen der tatsächlich an vielen Schulen ganz buchstäblich herrschenden Zustände. Wissensvermittlung? Häufig genug geht es nur noch um nachholende Erziehung und das Beibringen sublimster sozialer Verhaltensmuster. Der bürgerliche oder meinetwegen kleinbürgerliche gesellschaftliche Bildungskanon ist nach allen Regeln der Lobbyistenkunst ruiniert worden - zuletzt und nachhaltig durch die SPD-Agenda2010 und ihre sozial-, bildungs- und forschungspolitischen Implikationen.

16.08.2019 10:01 Max W. 5

@16.08.2019 07:42 na so was (was ist ein durchdachter Versuch der Medien, uns Bürgern eine bewusste Falschdarstellung als Wahrheit zu verkaufen ?)

Nichts einfacher als das: Checken sie den obenstehenden Text auf die Angabe von GRÜNDEN für die sich seit Jahren verstärkende Situation. Und? Lesen sie da Namen? Eben. Der Lehrer"mangel" ist kein unerwartet aufgetretener "Mangel", sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen zuvörderst der SPD-Schröderlinge und nachfolgend der Merkelei - nichts anderes. Er reiht sich ein in die Abfolge Pflegenotstand, fehlende Daseinfürsorge, kaputte Infrastruktur, Billiglohn/Leiharbeit, unterfinanziertes R&D in Schland und geht dem dahinsteckenden politischen Kalkül entsprechend bis zum Abgasbetrug.
Das sind die Folgen, wenn der Durchschnitt in Machtpositionen angekommen ist und Politik von Zwölf bis Mittag zum Wohle ihrer Klientel betreibt. Man beachte dazu alleine Tullners Einlassungen seit JAHREN zum Thema.

16.08.2019 09:47 Peter 4

@1 na so was: Es steht Ihnen frei, Meldungen, welche nicht in Ihr Weltbild passen, grundsätzlich anzuzweifeln.
Zum Thema: Heute stand in der LVZ, ich zitiere: "Zum Schuljahresbeginn am Montag werden 957 neue Lehrer vor den Klassen in Sachsen stehen. Hinzu kommen 198 Seiteneinsteiger, die noch eine Qualifizierung durchlaufen müssen ... Insgesamt waren 1100 Stellen ausgeschrieben worden. Damit liegt die Einstellungsquote weit über den Erwartungen. Ganz offensichtlich zahlten sich die neu eingeführte Verbeamtung und weitere Verbesserungen aus, meint der Minister."

16.08.2019 09:22 Wachtmeister Dimpfelmoser 3

Das ist dann sozusagen Klassenkampf.

16.08.2019 07:53 Leser 2

1. NC ist in Ordnung, aber dann bitte nicht mit allen Fächern sondern nur die relevanten. Denn Schüler die bspw Mathe auf Lehramt studieren wollen, dort Top sind und nur wegen Fächern, die nicht dazu gebraucht werden den NC nicht erreichen, werden abgelehnt.

2. Studienanfänger bringt nur Geld für die Uni. Von den Anfängern fliegen nach den ersten Jahren über 50% raus. Einerseits weil sie wiklich nicht geeignet sind, andereseits, weil die Unis sie gar nicht haben wollen. Das sieht man daran, dass es keine eigenen Studiengänge gibt, sondern alles mit Diplom oder Bachelor zusammen gelegt wird.
Dort werden dann Inhalte gelehrt, die für die Schule überhaupt nicht relevant sind und so werden viele vom Lehramststudium wieder verschreckt.

16.08.2019 07:42 na so was 1

Kein schönes Thema, gerade zum bevorstehenden Schulbeginn wieder in Sachsen. Was man nun den Medien eigentlich glauben soll, was ist Wahrheit, was ist Lüge, was ist ein durchdachter Versuch der Medien, uns Bürgern eine bewusste Falschdarstellung als Wahrheit zu verkaufen ? Gut, als "gelernter DDR-Bürger" weiß ich noch, dass so etwas vor 1990 gang und gäbe war und man manchmal Mühe hatte, Lüge und Wahrheit zu trennen bzw. nur die halbe Wahrheit den Bürgern kund getan wurde. Heutzutage ist das nicht anders. Einige Beispiele findet man in der heutigen Ausgabe der "Sächsischen Zeitung". 180 Lehrer fehlen zum Schuljahresstart, trotzdem ist Sachsen lt. Bildungsmonitor deutschlandweit spitze. "Dresdens Bildungslandschaft wächst", fünf neue Schulen werden im Bericht erwähnt. Die 74. Grundschule DD-Gompitz, die als Neubau mit einem Wahlversprechen vor der Landtagswahl 2014 von CDU und SPD groß gefeiert wurde ? 16.08.2019, 07:42