Eine Schülerin meldet sich in einem Klassenzimmer.
In Sachsen fehlt es vor allem im ländlichen Raum an Lehrern. Im Erzgebirge soll es besonders dramatisch sein. Dort soll es auf 185 Lehrer-Stellen nur knapp 90 Bewerber gegeben haben. Bildrechte: dpa

Lehrermangel in Sachsen Warum fehlen so viele Lehrer auf dem Land?

In Dresden oder Leipzig bewerben sich ausreichend Lehrer auf offene Stellen, im ländlichen Raum viel zu wenige. Ein Grund dafür ist die politische Lage im Freistaat, wie Untersuchungen ergaben.

Eine Schülerin meldet sich in einem Klassenzimmer.
In Sachsen fehlt es vor allem im ländlichen Raum an Lehrern. Im Erzgebirge soll es besonders dramatisch sein. Dort soll es auf 185 Lehrer-Stellen nur knapp 90 Bewerber gegeben haben. Bildrechte: dpa

Die Schule wollte die studierte Gymnasiallehrerin gern behalten.  Und auch sie wollte gern an der Grundschule in Leipzig bleiben, an der sie ein Jahr lang ausgeholfen hatte. Doch das Landesamt für Schule und Bildung (LaSub) spielte dabei nicht mit. Stattdessen bietet ihr das Amt eine feste Stelle in einer Förderschule weit weg von Leipzig an.

"Ich sollte nach Bautzen gehen", sagt Miriam Wegner. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Öffentlichkeit lesen. Die Mutter zweier Kinder befürchtet sonst berufliche Nachteile. Das LaSub habe ihr gesagt, es gebe keine Stelle für sie in Leipzig. Ostsachsen ist für sie allerdings keine Option.

Mangel an Lehrkräften jahrelang ignoriert

Ein Mann mit Brille, kurzen Haaren und gelbem Poloshirt sitzt in einem Büro und schaut ernst in Richtung Kamera.
Es gibt eine Unterversorgung im ländlichen Raum, sagt der Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung in Sachsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachdem der Freistaat den Mangel an Lehrkräften jahrelang ignoriert hat, werden jetzt Lehramtsabsolventen eingestellt und sofort verbeamtet. Es gibt inzwischen genügend Bewerber – rund 1200 auf 1100 offene Stellen. Trotzdem steht das Landesamt für Schule und Bildung vor einem Dilemma, räumt Pressesprecher Roman Schulz ein. "Wir haben in diesem Bewerberfeld eine enorme Verwerfung." So gebe es fast 600 Bewerbungen nur für die Stadt Leipzig, in Dresden sei es ähnlich. Auf der anderen Seite "haben wir momentan eine Unterversorgung vor allem in den Regionen in der Lausitz, Bautzen und Görlitz und südlich von Chemnitz." Im Erzgebirge sei es teilweise dramatisch. "Da haben wir auf 185 Stellen keine 90 Bewerber."

Offene Stellen und kein Nachwuchs – das kennt auch Cornelia Etzold. Sie ist Schulleiterin der Thomas Müntzer Grundschule in Limbach-Oberfrohna. Dort sind zwei Lehrer-Stellen offen. Doch es bewirbt sich niemand. Warum das so ist – Cornelia Etzold ist ratlos. "Limbach-Oberfrohna hat 26.000 Einwohner, ist also kein Dorf. Es hat eine Anbindung an zwei bei Autobahnen. Mann ist in 15 Minuten in Chemnitz und in einer knappen Stunde in Leipzig."

Ein Drittel geht wegen der politischen Lage aus Sachsen weg

In anderen Kleinstädten ist es ähnlich: In Bautzen etwa sollten in diesem Jahr insgesamt 185 neue Lehrer eingestellt werden – gerade einmal 86 Stellen wurden besetzt. Warum fällt jungen Absolventen der Schritt in die ländlichen Regionen und Kleinstädte Sachsens so schwer?

"Es haben alle Regionen schwer, wo es wirtschaftlich schwierig ist und vor allem Regionen, wo es politisch schwierig ist", sagt die Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen, Ursula-Marlen Kruse. Dazu komme: "Wenn junge Leute den Eindruck haben, dass 60 Prozent der Bevölkerung die AfD wählen, ist das für sie keine Option." Da die jungen Menschen genau wüssten, dass sie überall Arbeit finden, sei "das ein Ausschlusskriterium und das zeigen auch ganz deutlich alle Untersuchungen."

Das Landesamt soll Bewerber unter Druck gesetzt haben

Eine Studie des Wissenschaftsministeriums Sachsen zeigt: 35,4 Prozent aller Lehramtsstudenten, die sich in anderen Bundesländern für  das Referendariat bewerben, begründen dies mit der politischen Lage im Freistaat. Ursula-Marlen Kruse sieht aber auch noch andere, vor allem praktische Motive wie für die Entscheidung vieler Lehreramtsabsolventen in den Großstädten zu bleiben – etwa bei der beruflichen Perspektive für den Partner: "Und wenn jemand um Leipzig, Dresden oder Chemnitz Arbeit hat, dann ist es nicht mehr so einfach flexibel zu sein."

Eine junge Frau mit langen Haaren sitzt in einem Büro und schaut konzentriert auf etwas vor ihr.
Die Mutter zweier Kinder sollte aus Leipzig nach Bautzen gehen, um eine Stelle als Lehrerin zu erhalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei dieser Lehrerknappheit ist der Nachwuchs Gold wert. Doch das LaSub sieht das offenbar anders. Eine weitere junge Grundschullehrerin, die anonym bleiben möchte, berichtet MDR-exakt, dass ihr quasi die Pistole auf die Brust gesetzt worden sei, als sie mit neun anderen Bewerbern zum Gespräch eingeladen wurde. "Dort wurde mir Zwickau angeboten und gleichzeitig wurde auch gesagt, entweder ich nehme an oder sie werden kein weiteres Angebot für mich haben."

Landesamt: Schulen in ganz Sachsen sollen abgesichert werden

Dass das Landesamt Bewerber unter Druck gesetzt habe, weist Roman Schulz zurück. Die Behörde stehe vor einem Bewerberüberhang in den Großstädten und einem gravierenden Lehrermangel in anderen Regionen. "Es gibt das sogenannte Gespräch zum Umlenken. Denn unsere Aufgabe ist es, die Schulen in ganz Sachsen abzusichern." Die Schwierigkeit liege insbesondere darin, Lehrer für den ländlichen Raum zu begeistern.

Das Umlenken hat bei beiden jungen Lehrerinnen nicht funktioniert – in Regionen mit Lehrermangel geht keine von ihnen. Miriam Wegner erhielt zwei Wochen vor Beginn des neuen Schuljahres das Angebot für eine Stelle am Gymnasium – eine Viertelstunde von zu Hause entfernt. Die Grundschullehrerin bekam letztlich mit Hilfe der GEW eine Stelle an ihrer Wunschschule. Und an der Schule in Limbach-Oberfrohna haben inzwischen zwei Seiteneinsteiger angefangen. Doch in vielen Regionen herrscht nach wie vor ein Mangel an Lehrern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 28. August 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 05:00 Uhr

12 Kommentare

kennemich vor 10 Wochen

Wie brachten sie gestern Abend einen Bericht über zwei angehende Lehrerinnen, wo sie in eine 22.000 Einwohner Stadt gehen sollen oder nach Bautzen?

Sinngemäß wir wollen in Leipzig bleiben.

MaP vor 10 Wochen

Dass die Einrichtung dieses Portals nicht ganz unberechtigt ist, sieht man. Nur ein Beispiel, eine Hamburger Schule. Die Fotos aus der Schule zeigten Flyer, Aufkleber oder Schriftzüge - unter anderem mit Antifa-Logos oder gegen die AfD gerichtete Slogans. Und die Schulleitung und Lehrer haben das angeblich nicht bemerkt. Nach Meldung wurden die Aufkleber entfernt. Da das Neutralitätsgebot für Schulen nur von EINER politischen Richtung missachtet wird, ist es logisch, dass genau diese sich angegriffen fühlen. Getroffene Hunde bellen eben.
Und dass man im Osten empfindlich darauf reagiert, dass bereits in der Schule linkes Gedankengut als das allein richtige und einzig akzeptable verbreitet wird, ist nur zu verständlich. Das gab es schon mal.

kennemich vor 10 Wochen

Welche politische Lage in Sachsen?

Die CDU regiert doch seit vielen Jahren mit der SPD oder der FDP.

Wenn ich höre, lese oder sehe wer so alles friedlich auf den Straßen ist, kann ich die Überschrift nicht nachvollziehen.

Seht was am Wochenende so demonstrierte, es war die Rede von 25.000 - 40.000.