Wiedervereinigung Zwischen Jubel und Prügel: Der 7. Oktober 1989

Die Feiern zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung würden ohne diesen Tag nicht stattfinden: Das DDR-Regime schlug die Proteste in Leipzig brutal nieder. Doch die Menschen demonstrierten zwei Tage später erneut - und es kam zur Wende.

Polizisten rennenj mit Schildern, Helmen und Schlagstöcken durch die Grimmaische Straße in die Innenstadt von Leipzig um erste "Zusammenrottungen von Bürgern" aufzulösen.
Die Volkspolizei griff am 7. Oktober 1989 brutal durch und schlug auch mit Schlagstöcken auf Menschen ein. Bildrechte: dpa

Eigentlich ist der Gründungstag der DDR, der 7. Oktober, nicht als Meilenstein zur Wende bekannt. An jenem Tag im Jahr 1989 feierte die Staatsführung den 40. Geburtstag der DDR in Berlin. Doch währenddessen gingen in Leipzig Tausende Menschen auf die Straße. Dort fanden nach dem Friedensgebet schon regelmäßig Demonstrationen gegen das Regime statt. Doch an diesem Tag war die Atmosphäre besonders angespannt – die Volkspolizei griff hart durch und dieser Tag wurde der Wegbereiter für den 9. Oktober 1989. Also dem Tag, an dem Leipzig ganz Deutschland veränderte.

"Es ist kein normales Demonstrationsgeschehen, sondern eine Ansammlung", berichtet der Fotograf Martin Jehnichen, der das Geschehen am  7. Oktober mit der Kamera festgehalten hat. "Die Menschen sammelten sich auf dem eingeengten Platz hinter der Nikolaikirche und wussten eigentlich nicht richtig wussten, was sie dort machen sollen außer Dasein und sich angespannt fühlen."

Volkspolizei griff mit Hunden und Knüppeln durch

SW-Aufnahme von einer Frau und zwei Kindern zwischen anderen Menschen auf nassem Boden
Die Volkspolizei griff gegen alle Menschen durch - auch bei Familien und Kindern. Bildrechte: www.jehnichen.de

Für die Volkspolizei reichte schon die bloße Anwesenheit von mehreren Menschen, um einzugreifen. Einzelne werden aus der Menge herausgegriffen und auf Polizei-LKWs verfrachtet. "Die Menschen rannten weg, um nicht auf Lastwagen geladen zu werden, um nicht verhaftet zu werden", sagt Jehnichen. Es seien Familien und Kinder darunter gewesen, bei denen nicht klar war, ob sie überhaupt an der Demonstration teilnahmen. "Es spielte aber keine Rolle, die wurden über den Platz getrieben. Fielen, stürzten, waren entsetzt. Es war eine Gewalt, wie sie, glaube ich, der normale DDR-Bürger noch nicht erlebt hatte."

Die Polizei schlug brutal auf die Menschen ein, auch auf vollkommen Unbeteiligte. Der originale Polizeifunk ist teilweise erhalten geblieben: "Na zügig jetzt, zügig Unterstützung der 202, kommen. Schlagstock frei, nach unten alles rausdrücken. […] Die Vierbeiner dazu und das geht dann Leine lang hier." Die Polizei geht den ganzen Tag mit aller Härte gegen friedliche Demonstranten vor.

Demonstranten mussten in Pferdeställen übernachten

Doch es regt sich auch innerhalb der Bereitschaftspolizei Widerstand. Peter Römer war dort Wehrpflichtiger und beim Einsatz dabei. Er war und ist entsetzt über die Brutalität und weigerte sich mit dem Knüppel auf die Demonstranten einzuschlagen. "Bei diesem Einsatz habe ich gesehen, dass Demonstranten zusammengeschlagen wurden", berichtet er heute immer noch entsetzt. Sie seien an den Füßen gepackt, übers Pflaster gezerrt und auf den LKW geworfen wurden. "Dass der Oberkörper mit samt dem Kopf hinterher schliff und dann wurden sie wie Mehlsäcke auf den LKW hoch geworfen. Geworfen!"

So wurde auch der inzwischen verstorbene Schriftsteller Michael Szameit grundlos "zugeführt". In seiner Strafanzeige von damals sind die brutalen Übergriffe im Volkspolizeikreisamt dokumentiert. Zitat: "Später wurde ein blutüberströmter junger Mann herausgeführt [...] An seinem Schädel erkannte ich eine ungewöhnlich große Beule, über der eine stark blutende Platzwunde klaffte."

Der Schriftsteller Szameit musste die Nacht in Pferdeställen der DDR-Landwirtschaftsmesse Agra verbringen. Einer der damals ebenfalls grundlos Eingesperrten ist Frank Adler: "Wir sind auf die Pferdeställe mit einem großen LKW rückseitig an die Stelle ran und sind dann hinuntergestoßen worden." Dabei seien auch schon Tritte und Schläge mit dem Gummiknüppel verteilt worden. "Und es wurde gesagt: 'immer neun Stück in eine Box'."

Man hat von Stück gesprochen, nicht von Personen, nicht von Menschen. Das lässt schon darauf schließen, was dort passiert ist.

Frank Adler

Roland Jahn: Einsatz war das letzte Aufbäumen des DDR-Regimes

Die Inhaftierten mussten die ganze Nacht schlaflos, stehend und in der Kälte verbringen. "Ich erinnere mich auch, dass ich hinterher enorme Probleme mit den Nieren hatte", sagt Frank Adler. Doch diese körperliche Misshandlung war noch nicht das Schlimmste. "In der Pferdebox neben mir war eine junge Frau inhaftiert. Die ist mir bis zum heutigen Zeitpunkt in Erinnerung, weil sie die ganze Zeit in der Box auf und ablief." Sie habe gefleht hat, man möge ihr zuhören. "Sie hat ein kleines Baby zu Hause. Sie ist nur zum Einkaufen gewesen, ist vollkommen willkürlich verhaftet worden", so Adler. Nicht einer der Polizisten habe sich dieser Frau erbarmt.

Was aus der Frau und dem Baby geworden ist, konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Der Großteil der über 200 Eingesperrten wurde am nächsten Tag freigelassen. Der Bundesbeauftragte Roland Jahn bewundert den Mut der Demonstranten in Leipzig. Denn wenn am 7. Oktober noch 7.000 Menschen auf die Straße gingen, waren es zwei Tage später schon 70.000 – und das trotz der demonstrativen Brutalität der Staatsorgane.

"Der Einsatz in Leipzig war das letzte Aufbäumen des DDR-Staatsapparates, hier die Menschen zu unterdrücken. Es wurde versucht, Angst zu erzeugen. Angst ist der Kitt der Diktatur", sagt Jahn. Doch trotz der Erfahrungen und Bilder des 7. Oktobers hätten die Menschen am 9. Oktober 1989 den Weg auf die Straße gewagt. "Das ist bis heute bewundernswert. Und das ist der Wegbereiter der deutschen Einheit gewesen." Angesichts der zehnfachen Menschenmenge auf der Straße fehlte den Machthabern in der DDR dann am Ende offenbar doch die Skrupellosigkeit zum Massaker.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 07. Oktober 2020 | 20:15 Uhr

51 Kommentare

Bernd1951 vor 14 Wochen

An L.E.
Sie dürfen in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung wie ich frei Ihre Meinung äußern. Sie müssen es aber auch aushalten, dass andere in ihrem Leben andere Erfahrungen gemacht haben und diese kundtun.
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Reformdebatte am 07.02.2005 in Magdeburg Gründungsmitglied der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Chefökonom der Deutschen Bank Norbert Walter: Wir müssen, nachdem der Sozialismus der DDR überwunden wurde, den westdeutschen Sozialismus überwinden, damit wir die Zukunft gewinnen können“

ElBuffo vor 14 Wochen

Wohl mit dem Unterschied, dass dem Bürger sowohl hinsichtlich des Bahnhofs als auch anderer staatlichen Maßnahmen immer der Rechtsweg offen steht. Das gab in der Pupe gar nicht.
China brauchte nicht als Vorbild herhalten, wir hatten doch schon DDR 1953, Ungarn 1956, CSSR 1968 um im mitteleuropäischen Kulturkreis zu bleiben.
Wackersdorf sagt mir jetzt in diesem Zusammenhang nichts. Da wurde gegen eine Ein-Parteien-Diktatur und für mehr Freiheit demonstriert?

de facto vor 14 Wochen

Wer heute das politische System der DDR verharmlost, läuft Gefahr, mit Elementen des Totalitarismus aufzuwachen.
Ein Blick auf den Mikrokosmos des Senats Berlin hinsichtlich seiner sprachlichen Diktion, die für alle Verwaltungsmitarbeiter nun verbindlich sein soll, enthält nicht nur totalitäre Elemente, sondern ist nach meiner Auffassung sogar grenzwertig rechtswidrig, weil sie geltende juristische Definitionen, wie bspw. die Begrifflichkeit Ausländer in Form eines Staats im Staate aushebelt. Ich stelle mir gerade vor, wie die zuständige Ausländerbehörde einen Bescheid erlässt, in dem sie ihre Entscheidungsbegründung auf Paragraphen des Ausländergesetzes als einheitliches Bundesrecht zurückführen muss. Es gibt eben keine rechtliche Grundlage zu einem Gesetz über " Einwohnende ohne deutsche Staats-angehörigkeit". Hier schießt der Senat m.E. über seine Kompetenzen hinaus, wobei es ihm immer weniger gelingt, das Sicherheitsmonopol des Staates durchzusetzen. Mikrokosmos rot-rot-grün

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