Nach Moria-Bränden Zusammenstöße auf Lesbos

Rund 12.000 Asylsuchende sind seit den Bränden im Lager Moria obdachlos. Behörden errichten Notlager, stoßen aber auf Widerstand von Flüchtlingen und Einheimischen. Die Polizei ging nun mit Tränengas gegen Proteste vor. Unterdessen geht die Debatte um eine Aufnahme von Flüchtlingen weiter. Vizekanzler Olaf Scholz sagt: "Das muss mehr werden."

Migranten demonstrieren während eines Protestes nach den Nachrichten über die Schaffung eines neuen provisorischen Flüchtlingslagers auf der Insel Lesbos.
Nach dem verheerenden Brand des überfüllten Flüchtlingslagers Moria sind mehr als 12.000 Menschen obdachlos. Bildrechte: dpa

Auf der griechischen Insel Lesbos ist es am Samstag zu Zusammenstößen zwischen protestierenden Flüchtlingen und der Polizei gekommen. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hatten Geflüchtete zunächst Steine auf Polizisten geworfen. Diese hätten daraufhin Tränengas eingesetzt. Nahe der Inselhauptstadt Mytilini hatten Hunderte ehemalige Bewohner des zerstörten Lagers Moria dafür demonstriert, die Insel verlassen zu können. Auch in den vergangenen Tagen hatte es Demonstrationen gegeben. Auf Schildern war etwa zu lesen "Freiheit" und "Wir wollen kein neues Lager".

Nach den verheerenden Bränden des überfüllten Flüchtlingslagers Moria errichten die griechischen Behörden derzeit ein provisorisches Notlager auf der Insel. Der stellvertretende griechische Migrationsminister Georgios Koumoutsakos sagte örtlichen Medien, alle Menschen müssten dorthin gehen. Nur dann könnten sie richtig versorgt werden. Ähnlich äußerte sich Dimitris Patestos von der Hilfsorganisation Ärzte der Welt: "Das provisorische Lager muss so schnell wie möglich funktionieren", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Inselbewohner errichten Straßenblockaden

Neben den Geflüchteten lehnen aber auch viele Inselbewohner die Errichtung neuer Zelte ab. Das Militär setzte Hubschrauber ein, um die Straßensperren der Einheimischen zu überwinden und Material ins provisorische Zeltlager zu bringen.

In der Nacht zu Mittwoch hatten die Flammen in Moria das größte Flüchtlingslager Europas zerstört. Das ursprünglich für 2.800 Menschen geplante Lager war mit zuletzt etwa 12.600 Asylsuchenden heillos überfüllt. Die Spannungen hatten zuletzt zugenommen, nachdem vergangene Woche ein erster Corona-Fall bestätigt wurde und das Lager unter Quarantäne gestellt wurde. Am Dienstag wurden 34 weitere Infektionen bekannt. Wo diese sich nun befinden, ist nach dem Brand unklar.

Scholz fordert Aufnahme weiterer Migranten

Die akute Obdachlosigkeit der Schutzsuchenden von Moria hat auch in der EU Diskussionen um eine Aufnahme der Menschen wieder verstärkt.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) spricht bei einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. Bund und Länder legen im Kampf gegen die Folgen der Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 ein Konjunkturpaket im Umfang von 130 Milliarden Euro auf.
Bundesfinanzminister Olaf Scholz Bildrechte: dpa

Vizekanzler Olaf Scholz rief zur Aufnahme weiterer Geflüchteter auf. Dass zehn europäische Staaten 400 unbegleitete Minderjährige aufnehmen wollten, könne angesichts der schrecklichen Schicksale nur ein erster Schritt sein. "Das muss mehr werden." Die bisher genannten Zahlen seien "weit weg von den Anforderungen, die da sind". Auch Deutschland müsse daher zusagen, "in größerem Umfang weitere Flüchtlinge aufzunehmen".

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth warf Bundesinnenminister Horst Seehofer "Totalversagen" vor. Der CSU-Politiker hatte zuletzt angekündigt, rund 150 Minderjährige aus Moria in Deutschland aufzunehmen. Mehrere Bundesländer und Kommunen boten sogar die Aufnahme von insgesamt mehreren Tausend Flüchtlingen aus Moria an. Dazu benötigen sie jedoch die Zustimmung aus dem Innenministerium. Roth sagte der "Augsburger Allgemeinen", mit seiner Ablehnung mache Seehofer sich mitverantwortlich an dem unmenschlichen Leid an Europas Haustür.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. September 2020 | 03:05 Uhr