Probleme bei Lieferdiensten Gewerkschaft: "Lieferando und Durstexpress wollen keine Betriebsräte"

Mitarbeiter vom Getränkelieferanten Durstexpress beschweren sich über zu viel Druck von oben. Doch auch bei anderen Lieferdiensten gibt es ähnliche Probleme. Dahinter steckt ein systematisches Vorgehen der Unternehmen, kritisiert Rafael Mota Machado von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten im Interview.

Ein Radfahrer vom Lieferdienst 'Lieferando.de' fährt durch die Leipziger Innenstadt.
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Frage: Es gibt Probleme bei Durstexpress in Leipzig: Kranken- und Urlaubstage sollen verspätet und erst auf Nachhaken ausgezahlt werden. Warum passiert so etwas bei einem wachsenden Unternehmen, das nicht unter existentiellem Druck steht?

Rafael Mota Machado: "Solange es die Mitarbeiter hinnehmen, wird sich daran auch nichts ändern. Auch bei einem wachsenden Unternehmen wie Durstexpress wird versucht, die Kosten niedrig zu halten. Ein anderer Punkt ist, dass Verträge nach zwei Jahren entfristet werden müssten, wenn kein triftiger Grund dagegenspricht. Doch das wollen die Unternehmen nicht. Stattdessen wird das Stammpersonal durch neues ersetzt."

Aus welchem Grund?

Rafael Mota Machado
Rafael Mota Machado von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Bildrechte: Rafael Mota Machado

"Es bedeutet wieder höhere Kosten. Ein anderes Vorgehen ist, dass Mitarbeiter nicht mehr ihre Mindeststunden erhalten – also die Arbeit, die ihnen vertraglich zusteht. Da die Menschen aber auf das Einkommen angewiesen sind, kündigen sie irgendwann von sich aus und suchen sich einen neuen Job. Mit solchen Modellen arbeiten Durstexpress und Lieferando."

Doch in diesen Zeiten sind solche Lieferdienste doch gefragt, wie nie zuvor – und benötigen viele Mitarbeiter? Warum sollte ein Unternehmen da versuchen, Mitarbeiter schnell wieder loszuwerden?

"Diese Lieferdienste wollen keine Betriebsräte. Man kann das auch ein systematisches Vorgehen nennen. Mitbestimmung kann nerven. Es entstehen höhere Kosten, da gewählte Betriebsräte für ihre Tätigkeit bei voller Lohnfortzahlung freigestellt werden müssen. Das soll mit allen Mitteln vermieden werden."

Bei Lieferando gibt es doch bereits Betriebsräte?

"Bei Lieferando gab es keine, die sind mit der Übernahme von Foodora mehr oder weniger mit eingekauft worden.  Sonst hat der Essenslieferant eher versucht dies zu verhindern."

Und nun wiederholen sich ähnliche Probleme bei Durstexpress?

"Ja, wenn es darum geht gewerkschaftliche Strukturen und Betriebsräte aufzubauen, dann sind sich die beiden Unternehmen ähnlich. Wir wollen am Durstexpress-Standort in Berlin demnächst Betriebsratswahlen durchführen. Das wird spannend, wie der Arbeitgeber damit umgeht."

Warum?

"Hier in Berlin sind bereits Leute beim Versuch, dies aufzubauen, entlassen worden. Da haben andere Mitarbeiter mitbekommen, da brodelt etwas. Und dann sind Menschen gekündigt worden. Es sind auch ganz bewusst Verträge bestimmter Mitarbeiter nicht verlängert worden. Die Hoffnung dahinter: Die Leute so mundtot zu machen, dass andere ja nicht auf die Idee kommen, sich zu organisieren. Denn die Betriebsräte könnten ja den Finger drauflegen: Bei Mindeststunden, Personaleinsatzplänen, Kündigungen, Einstellungen, Versetzungen und so weiter."

Zur Person Rafael Mota Machado beschäftigt sich seit Jahren mit den Arbeitsbedingungen in der Lieferdienst-Branche und ist bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Bereich Berlin-Brandenburg tätig.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 02. Dezember 2020 | 20:15 Uhr

1 Kommentar

Sachsin vor 7 Wochen

irgendwie ist das verständlich - da vergeben Eigentümer Jobs und sollen sich in Entscheidungen von Pappnasen reinquatschen lassen - klar das Produktion wenn möglich ausgelagert wird wo solche .... und Kosten nicht anfallen
die sollten Werkverträge wie Tönnis machen die 500 Rümänen einstellen und für Appk und Ei 12 Std. schuften ohne zu murren