Luftwerte in der Corona-Krise Streit um Feinstaub-Werte: Sind es doch nicht die Autos?

Durch die Corona-Krise sind weniger Autos unterwegs. Trotzdem ist die Feinstaub-Konzentration in der Luft vielerorts sogar gestiegen. Kommen die Schadstoffe also gar nicht vom Verkehr? Oder gibt es eine andere Erklärung?

Die Bergstraße in Dresden ist eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Wie vielerorts sind auch hier seit Beginn der Corona-Beschränkungen deutlich weniger Autos unterwegs. Wie hat sich das auf die Schadstoffbelastung der Luft ausgewirkt? Die Messstation an der Straße hat den Verlauf genau erfasst – und zeigt eine unerwartete Entwicklung: Die Feinstaub-Werte sind nach dem Beginn der Beschränkungen gestiegen, die Werte für Stickoxid kaum gesunken. Wie kann das sein?

Feuer statt Verbrenner?

Kaminfeuer
Ist die Holzverbrennung für den Feinstaubanstieg verantwortlich? Bildrechte: imago/imagebroker

Dorothee Saar von der Deutschen Umwelthilfe, die sich deutschlandweit für Fahrverbote einsetzt, hat das kühle Wetter und die Beschränkungen im Verdacht: "Wir vermuten, dass insbesondere die Holzfeuerung einen wesentlichen Anteil hat, vielleicht auch, weil die Menschen einfach mehr zu Hause geblieben sind und weil es nicht durchgehend warm war in den letzten Wochen."

Wetter und Lkws?

An der Paracelsusstraße in Halle (Saale) zeigt sich ein ähnliches Bild. Auch hier hat der Verkehr seit den Beschränkungen abgenommen – und auch hier haben sich die Messwerte nicht verbessert. Die Messstation hat ebenfalls eine Zunahme an Feinstaub registriert und eine fast gleich gebliebene Stickoxidkonzentration. Der zuständige Umweltstaatssekretär Klaus Rheda (Bündnis 90/Die Grünen) sucht die Ursache beim Wetter und bei den Lkws: "Wir haben eben festgestellt, auch in der Vergangenheit schon, dass sehr stark immer auch meteorologische Ursachen eine Rolle spielen und gerade bei Feinstaub auch Ferntransporte."

Industrie und Heizung?

Ein Schornstein der Dow Chemical Company Schkopau
Stammt der Feinstaub von der Industrie? Bildrechte: dpa

Wie in der Bergstraße in Dresden ist auch in der Bergstraße in Erfurt der Verkehr stark zurückgegangen. Trotzdem ist hier ebenfalls ein Anstieg beim Feinstaub zu verzeichnen. Auch die Stickoxid-Werte sind direkt nach den Corona-Beschränkungen am 22. März etwas angestiegen. Frank Helbig, der Verkehrsverantwortliche der Stadt, sieht ebenfalls eine der Ursachen in der Beheizung: "Zudem gab es eben auch noch andere Emittenten wie zum Beispiel die Industrie oder den Hausbrand, die weiterhin aktiv gewesen sind und demzufolge weiterhin Luftschadstoffe ausgestoßen haben."

Natürliche Ursachen?

Symbolbild Abgase, Rauchschwaden strömen aus dem Auspuff eines Autos Feinstaubbelastung.
Sind die Autos doch nicht schuld? Bildrechte: imago/Martin Bäuml Fotodesign

Seit Jahren gelten Autos als Hauptverursacher von Luftverschmutzung. Diesel-Fahrverbote wurden verhängt. Umweltzonen eingerichtet. Luftreinhaltepläne geschmiedet. Doch die Entwicklung der Luftwerte während der Corona-Krise hebelt die Argumente der Befürworter nun aus. Der Verkehrsforscher Prof. Matthias Klingner vom Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI) kritisiert die Fahrverbote seit langem: "In so einer Situation hat sich gezeigt, dass eben die Ursache für die Feinstaubbelastung nicht der Verkehr ist, dass selbst die Industrie nicht unbedingt die Ursache ist, sondern dass das ganz natürliche Ursachen hat."

Argument gegen Fahrverbote und Umweltzonen?

Die "Umschau" hat die Werte von mehr als 100 verkehrsnahen Luftmessstationen gemittelt. Im Ergebnis gibt es seit dem 22. März trotz weniger Verkehr mehr Feinstaub und nur minimal weniger Stickoxide in der Luft. Das ist eine Steilvorlage für alle, die den Auto-Verkehr nicht noch weiter beschneiden wollen, wie den CDU-Bundestagsabgeordneten Joachim Pfeiffer: "Diesen Fahrzeugen zuzuschreiben, sie wären hier zu 80 Prozent an der Stickoxidbelastung schuld, ist geradezu abenteuerlich und aus meiner Sicht eindeutig widerlegt. Deshalb ist für mich klar, die bestehenden Fahrverbote sind aufzuheben und es darf keinesfalls neue Fahrverbote für Euro 5 geben."

Meteorologischen Bedingungen?

Umweltschützer überzeugt das nicht. Als Gegenargument verweisen sie auf Satelliten-Filme, der zeigen, wie die Stickoxid-Belastung über China während der Corona-Maßnahmen deutlich zurückgegangen ist. Zum anderen betonen sie, dass die Wochen der Einschränkungen zu kurz für seriöse Messungen waren. Für Ute Dauert vom Bundesumweltamt sind die Daten deshalb nicht aussagekräftig: "Das sind einfach die meteorologischen Bedingungen, die diese Effekte überlagern und auf den ersten Blick quasi eine Emissionsminderung nicht sichtbar erscheinen lassen."

Feinstaubanstieg durch Wetterwechsel?

Touristen laufen bei Regen unter Schirmen am Fürstenzug entlang.
Waren Februar und März sauberer, weil es mehr geregnet hat? Bildrechte: dpa

Hängt es wirklich mit dem Wetter zusammen? Die Umschau bittet den Leipziger Feinstaub-Experten Prof. Alfred Wiedensohler vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung und Diana Weise vom MDR-Wetterstudio, sich das Wetter während der Corona-Zeit anzuschauen. Die Meteorologin Weise beschreibt die Wetterentwicklung der vergangenen Monate: "Wir hatten im Februar und auch Anfang März noch sehr viele Tiefs vom Atlantik. Es gab immer wieder Niederschläge, Regen, und damit war natürlich die Luft auch reingewaschen. Das sieht man auch bei den Partikeln." Entsprechend gering seien bis in den März hinein auch die Feinstaubkonzentrationen, so Wiedensohler.

Das feuchte Wetter – so die These der beiden – hat also den Feinstaub aus der Luft gewaschen. Zeitgleich mit den Corona-Beschränkungen ändert sich aber die Großwetterlage. Nun dominieren Hochdruck-Gebiete, was nicht folgenlos bleibt, wie der Troposphärenforscher erklärt: "Bei Hochdruck-Wetterlagen akkumuliert sich der Feinstaub in der Atmosphäre und wird herangetragen. Je länger der trocken über den Kontinent kommt, desto höher werden die Konzentrationen."

Auf dem Land wie in der Stadt

Demnach hat der trockene Ostwind die natürliche Feinstaubbelastung bei uns erhöht. Ob der Verkehr mehr oder weniger ausgestoßen hat, lässt sich deshalb schwer messen, weil Feinstaub nicht nur durch Autos entsteht, sondern auch durch Pflanzen oder die Erosion von Gestein. Dieser natürliche Feinstaub wird fernab des Verkehrs gemessen, zum Beispiel in Melpitz bei Torgau. Wenn es wirklich die Autos sind, die den Großteil des Feinstaubs erzeugen, müssten die Werte hier, jenseits des Straßenverkehrs doch niedriger sein, erst recht im Vergleich mit Messwerten aus dem Zentrum von Leipzig. Doch die Entwicklung der Werte ist an beiden Orten gleich, wie Prof. Wiedensohler beschreibt: "Man sieht dieses periodische Auf und Ab ist an beiden Messstationen gleich." "Selbst in der Zeit mit wenig Autoverkehr hat sich das nicht sehr verringert", fügt Meteorologin Diana Weise zu.

Moderne Autos stoßen weniger aus

Dass der Autoverkehrt in dem von uns gemessenen Zeitraum nur einen sehr geringen Einfluss auf den Feinstaub hatte, ist für Wiedensohler keine große Überraschung: "Heutzutage mit den Partikelfiltern oder auch den neuen Benzineinspritzungen mit dem Partikelfilter, da gibt es natürlich sehr wenig Feinstaub-Emissionen direkt vom Auspuff und deshalb sieht man eigentlich sehr wenig."

Umweltschützer halten an Einschränkungen fest

Verbotsschild und Autoauspuff mit Abgasen
Sind Fahrverbote weiterhin sinnvoll? Bildrechte: imago/Christian Ohde

Mit anderen Worten: Das Auto ist längst nicht mehr so schmutzig wie noch vor einigen Jahren. Trotzdem bleibt die Deutsche Umwelthilfe bei ihrem Kurs, so Dorothee Saar: "Wir sehen keinen Anlass, irgendwelche Maßnahmen aufzuheben, seien es Fahrverbote, sei es die Einrichtung von Busspuren oder mehr Maßnahmen für den Radverkehr." Diese Einschätzung teilt auch das Umweltbundesamt. Ute Dauert warnt man davor, schnelle Schlüsse aus den Messwerten zu ziehen: "Es wäre jetzt fatal, auf Maßnahmen, die dauerhaft und nachhaltig angelegt sind, zu verzichten in der Hoffnung, dass vier Wochen Corona-Maßnahmen vielleicht ausreichen könnten, den Grenzwert am Ende des Jahres einzuhalten."

Bund nimmt Werte unter die Lupe

Inzwischen sind die Corona-Beschränkungen fast vorbei und der Verkehr auf den Straßen fließt fast wieder wie vorher. Doch das Phänomen der nur wenig veränderten Schadstoff-Werte trotz Corona wird ein Nachspiel haben: Das Bundesverkehrsministerium will die Werte prüfen. Befürworter des Individual-Verkehrs in den Städten wie Prof. Matthias Klingner fühlen sich bestärkt: "Die Schlussfolgerung ist, jetzt wirklich diese Datensätze zu nehmen, unabhängig auszuwerten, mit der Europäischen Kommission, mit dem Europäischen Parlament zu verhandeln, dass eben diese Grenzwerte einfach vom Tisch kommen."

Vorerst bleibt alles, wie es ist

In den mitteldeutschen Großstädten wird sich vorerst aber nichts ändern. Die Daten müssten erst geprüft werden, heißt es aus Dresden und Erfurt. Auch in Halle will man die bisherigen Maßnahmen zur Luftreinhaltung beibehalten, wie Umweltstaatssekretär Klaus Rheda erklärt: "Sie dienen auch so ein bisschen zur Verbesserung der Lebensqualität insgesamt in der Stadt. Das würde auch keiner mehr zurückdrehen und sagen: 'Wir schaffen die Radwege in der Stadt wieder ab'."

Hintergründe und frühere Meldungen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 19. Mai 2020 | 20:15 Uhr