Auf einem Grenzschild der DDR mit der Aufschrift "HALT Staatsgrenze! Passieren verboten!" klebt 2000 ein Preisschild.
Auch während der einschüchternden Grenzkontrollen verstarben Menschen. Bildrechte: IMAGO

DDR nach dem Mauerbau Verschwiegene Opfer: "Natürlicher Tod" während der Grenzkontrollen

Die Kontrollen an den Grenzen zur DDR waren scharf, die psychische Belastung für die Betroffenen hoch. Das hielten nicht alle aus. Hunderte Menschen starben dabei. Doch nicht alle zählen diese Toten zu den Grenzopfern.

Auf einem Grenzschild der DDR mit der Aufschrift "HALT Staatsgrenze! Passieren verboten!" klebt 2000 ein Preisschild.
Auch während der einschüchternden Grenzkontrollen verstarben Menschen. Bildrechte: IMAGO

Vor genau 58 Jahren – am 13. August 1961 – zog die DDR eine Mauer um Westberlin. Dazu war die innerdeutsche Grenze zur Bundessrepublik  auf 900 Kilometern Länge durch einen Grenzzaun gesichert und davor wurden 1,3 Millionen Landminen vergraben. Hunderte Todesopfer hat es an der sogenannten Grünen Grenze und an der Mauer gegeben. Doch in der Statistik werden häufig die Menschen nicht mitgezählt, die bei oder nach der Grenzkontrolle eines "natürlichen Todes" – meist durch einen Herzinfarkt – gestorben sind.

Grenzbeamte der DDR kontrollieren PKWs.
Die Grenze wurde scharf kontrolliert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Übergangsstellen wurden scharf bewacht und alle Ein- und Ausreisen kontrolliert. "Ganz allein, ohne jeglichen Schutz in stickigen Baracken und stickigen Räumen", beschreibt die Leiterin des Berliner Mauermuseums, Alexandra Hildebrandt, die bedrückende Atmosphäre bei den Kontrollen am ehemaligen Grenzübergang "Checkpoint Charlie".

Kaum erforscht: Tod durch psychische Belastungen bei Kontrollen

Das Mauermuseum führt eine eigene Liste der Todesopfer an der Grenze. Weitgehend unbekannt und kaum erforscht ist die Tatsache, dass auch während der einschüchternden Grenzkontrollen Menschen verstarben – und zwar an Herzinfarkten, wegen der außergewöhnlichen psychischen Belastungen.

So sind an den Grenzübergängen der Berliner Mauer nach Zählung des Museums 264 Menschen aus Ost und West während der Kontrolle verstorben. An der innerdeutschen Grenze kennt man die Namen von 97 Toten infolge von Kontrollen. Doch die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen, denn dieses Thema ist bislang nicht systematisch erforscht.

Ein Fall erregte besondere Aufmerksamkeit

Tagesschau Sprecher Werner Veigl verließt Nachricht zum Fall Burkert
Der mysteriöse Fall Burkert war auch ein Thema in der Tagesschau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der breiten Öffentlichkeit ist bislang vor allem ein besonders mysteriöser Fall bekannt geworden. Am 10. April 1983 verstarb Rudolf Burkert während eines Verhörs in der Grenzbaracke Drewitz. Der damals 45-Jährige hatte sich zuvor auf der Transitstrecke mit Verwandten aus der DDR getroffen und ihnen Geschenke wie Sicherheitsgurte, Lautsprecherboxen und Schokolade übergeben.

Der Staatssicherheit war das nicht entgangen. Am Grenzübergang fischte sie Burkert aus der Schlange und verhörte ihn bis er mit einem Herzinfarkt tot zusammenbrach. Anschließend gab es zahlreiche Untersuchungen in Ost und West. Die genauen Todesumstände konnten allerdings nie zweifelsfrei geklärt werden. Die Allianz jedenfalls weigerte sich, die Lebensversicherung voll auszubezahlen.

Es ist ein Todesfall von mindestens 350. Die anderen Schicksale bleiben im Dunkeln. Auf den Todesscheinen stand häufig "natürlicher Tod durch Herzinfarkt" und keiner schaute dahinter.

Transit Von West nach West durch die DDR

Westberlin im Herzen der DDR - war immer ein Problem und kompliziert zu erreichen. Erst das Transitabkommen zwischen DDR und BRD vom 17. Dezember 1971 erleichterte Westdeutschen und Westberlinern das Hin- und Herkommen.

Im Gobelin-Saal im Palais Schaumburg in Bonn wurde das Berlin-Transit-Abkommen durch Staatssekretär Egon Bahr vom Bundeskanzleramt (rechts) und Staatssekretär Michael Kohl vom DDR-Ministerrat (links) unterzeichnet.
Die Durchreise von der BRD nach Westberlin über das Gebiet der DDR und umgekehrt war jahrezehntelang eine heikle Angelegenheit und anfällig für politische Störmanöver. Erleichterungen brachte erst das Transitabkommen zwischen beiden Staaten, unterzeichnet am 17. Dezember 1971 von den beiden Chefunterhändlern Michael Kohl (DDR) und Egon Bahr (BRD) im Schaumburg-Palais in Bonn. Das Abkommen war der erste Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten. Es wurde noch vor dem Grundlagenvertrag von 1972 geschlossen. Die Regelungen betrafen rund 1.000 Kilometer Straße, gut 1.200 Kilometer Zugstrecken und knapp 600 Kilometer Flusswege. Bildrechte: dpa
Grenzübergangsstelle Wartha-Herleshausen
Für den Transit zwischen Bundesrepublik und Westberlin wurden Strecken vorgegeben, die die Reisenden nicht verlassen durften. So gab es für Autofahrer nur vier Transitstrecken mit den dazugehörigen Grenzkontrollstellen. Der Übergang mit der größten Abfertigungskapazität war Marienborn – Helmstedt an der heutigen A2. Nach Hessen und Frankfurt am Main ging es bei Wartha – Herleshausen über die Grenze, ab 1984 auf der A4. Ein weiterer Korridor nach Süden führte über die A9 bis Hirschberg - Rudolphstein Richtung München. Die nördlichste Transitstrecke wurde auf der Fernverkehrsstraße 5 bis Lauenburg / Horst eingerichtet und war bis 1982 zur Einweihung der neuen Autobahn vom Grenzübergang Zarrentin – Gudow nach Wittstock (heute Teilstück der A24) der einzige Transitkorridor, der – unter Auflagen - auch mit Moped oder Fahrrad benutzt werde durfte. Bildrechte: IMAGO
Verlassener, ehemaliger Grenzkontrollpunkt Marienborn-Helmstedt.
Viel Platz, viel Beton, viele Scheinwerfer - beim Neubau der Grenzübergangsstelle Marienborn von 1972 bis 1974 hat die DDR-Staatsmacht nicht gekleckert. Der gesamte Grenzübergang war 35 Hektar groß. Rund 1.000 Angehörige der DDR-Sicherheitskräfte arbeiteten hier im Schichtsystem. Ein kleiner Teil des Areals wie die Abfertigungsanlagen für Pkw und Lkw (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2000) wurde als Freilichtmuseum erhalten und gehört zur Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Auch das gehört zur Geschichte Marienborns: Auf Helmstedter Seite befand sich der Checkpoint Alpha der West-Alliierten. Und am Abend des 9. November 1989 war Annemarie Reffert vermutlich die erste DDR-Bürgerin, die nach dem Mauerfall eine Stippvisite in den Westen unternahm; sie wurde in Marienborn weder an der Aus- noch an der Wiedereinreise gehindert. Bildrechte: IMAGO
Transit-Stempel in einem DDR-Pass
Die Einrichtung von Transitkorridoren bedeutete nun aber nicht, dass die Reisenden und der Warenverkehr zwischen Bundesrepublik und Westberlin nicht mehr an der deutsch-deutschen Grenze kontrolliert wurden. Bei jeder Einreise in die DDR wurde der Reisepass gestempelt. Neben dem Datum wurde auch die Stunde der Einreise eingestempelt. Beim Verlassen des DDR-Gebietes wurde dann kontrolliert, ob der Transitreisende die Strecke in angemessener Zeit absolviert hatte. Abweichungen waren nicht erlaubt. Ebenso wenig Kontakte zu DDR-Bürgen etwa an den Raststätten und Parkplätzen oder die Mitnahme von Anhaltern. Wer erwischt wurde, musste mit einer Transitsperre rechnen. Abstecher zu Verwandten in der Nähe der Transitkorridore oder Treffen in der Nähe der Autobahnen waren dennoch nicht ungewöhnlich. Da wurde dem kontrollierenden Vertreter der DDR-Sicherheitsorgane schon mal ein DM-Schein in die Hand gedrückt. Für Transitreisende hatten diese kleinen Besuche den Vorteil, dass sie nicht dem Zwangsumtausch von 25 DM pro Tag zum Kurs 1:1 unterlagen. Bildrechte: IMAGO
Im Gobelin-Saal im Palais Schaumburg in Bonn wurde das Berlin-Transit-Abkommen durch Staatssekretär Egon Bahr vom Bundeskanzleramt (rechts) und Staatssekretär Michael Kohl vom DDR-Ministerrat (links) unterzeichnet.
Die Durchreise von der BRD nach Westberlin über das Gebiet der DDR und umgekehrt war jahrezehntelang eine heikle Angelegenheit und anfällig für politische Störmanöver. Erleichterungen brachte erst das Transitabkommen zwischen beiden Staaten, unterzeichnet am 17. Dezember 1971 von den beiden Chefunterhändlern Michael Kohl (DDR) und Egon Bahr (BRD) im Schaumburg-Palais in Bonn. Das Abkommen war der erste Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten. Es wurde noch vor dem Grundlagenvertrag von 1972 geschlossen. Die Regelungen betrafen rund 1.000 Kilometer Straße, gut 1.200 Kilometer Zugstrecken und knapp 600 Kilometer Flusswege. Bildrechte: dpa
Kontrollpunkt Dreilinden an der Transitautobahn Westberlin-Westdeutschland
Die Transitkorridore endeten auch an der Westberliner Grenze an festgelegten Übergängen. Der Grenzkontrollpunkt Dreilinden – Drewitz, ab 1969 gelegen in Kleinmachnow / Berlin-Zehlendorf und zugleich Checkpoint Bravo der West-Alliierten, war der größte Transitübergang. Von hier ging es Richtung Hannover, Frankfurt am Main und München, aber auch nach Skandinavien, Polen und in die ČSSR. Wer in den Norden Westdeutschlands wollte, musste bis 1987 die Heerstraße in Berlin-Staaken/Staaken und dann den neuen Autobahnübergang Berlin-Heiligensee/Stolpe nehmen. Bildrechte: IMAGO
Pass-Luke
Eine weitere Erleichterung für Transitreisende von und nach Westberlin bestand darin, dass sie am Grenzübergang nicht mehr aussteigen mussten. An der Kontrollstelle Marienborn wurden die Pässe zur Kontrolle in diese Luke gegeben und sozusagen hinter den Kulissen ausgiebig geprüft. Mit dem Transitabkommen entfiel für Durchreisende auch die Zahlung von Gebühren. Diese leistete die Bundesrepublik pauschal an die DDR-Staatskasse. Auf routinemäßige Gepäckkontrollen wurde verzichtet. Reisebussen wurde außerdem die Möglichkeit eingeräumt, Pausen einzulegen. Bildrechte: IMAGO
Blick auf die Raststätte Quitzow
Das deutsch-deutsche Transitabkommen führte auf den Transitautobahnen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Autofahrer ein. An den Strecken gab es besondere Raststätten für den Transitverkehr. Auch die Raststätte Quitzow an der nördlichsten Route gehörte dazu, beherbergte zum Beispiel einen Intershop. Arbeitsplätze als Servicekraft an solchen Raststätten und Tankstellen waren sehr begehrt, auch wenn das Trinkgeld in DDR-Mark umgetauscht werden musste. DDR-Autofahrern war es jedoch nicht erlaubt, diese Rastplätze zu nutzen. Dies kontrollierten offizielle wie inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit und die Volkspolizei. Bildrechte: dpa
Luftbild der Werratalbrücke der Autobahn 4 bei Hörschel westlich von Eisenach
Die Werratalbrücke in Hörschel bei Eisenach (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2003) ist keineswegs ein Verkehrsprojekt Deutsche Einheit! Sie wurde als Teil der Transitautobahn A4 mit Geld der Bundesrepublik gebaut und am 15. Dezember 1984 samt der neuen Grenzkontrollstelle Wartha – Herleshausen ohne weiteres Brimborium für den Verkehr freigegeben, DDR-Bürger durften sowieso nicht darauf fahren. Sie mussten die A4 vorher verlassen. Bildrechte: dpa
Grenzübergang bei Zarrentin
Den Transit von und nach Westberlin ließ sich die Bundesrepublik eine Milliardensumme kosten. Sie bezahlte nicht nur die Weiterführung der A4 bis Wartha – Herleshausen, sondern auch die neue Autobahn (heute Teilstück der A24) vom Grenzübergang Zarrentin nach Wittstock (hier im Bild), die Ende 1982 in Betrieb genommen wurde. Weiter wurde der Berliner Ring mit westdeutscher Finanzspritze grunderneuert und zum Teil sechsspurig ausgebaut. Und auch die Grenzkontrollstelle Marienborn – Helmstedt wurde großzügig erweitert und verkehrstechnisch besser angebunden. Bildrechte: IMAGO
DDR-Bürger 1989 mit ihren Pkws auf der A9 in Höhe Rasthaus Frankenwald
Trabi-Kolonnen an den Transit-Grenzübergängen? Undenkbar bis zum Abend des 9. November 1989! Nach dem Mauerfall "stürmten" DDR-Bürger in Trabant und Co. auch den Grenzübergang Hirschberg – Rudolphstein gen West. Gleich auf der bayerischen Seite wurde in der Poststelle im Brückenrasthaus Frankenwalde Begrüßungsgeld ausgezahlt. Bildrechte: dpa
Letze Schicht der DDR Grenztruppen an der Deutsch-Deutschen Grenze, hier die Grenzübergangsstelle Wartha-Herleshausen, Autobahn A4.
Noch ein letztes Gruppenfoto an der Grenzkontrollstelle Wartha, bevor am 30. Juni 1990 Schicht am Schlagbaum ist. Wenige Stunden vor Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion wird der Betrieb an den Grenzstellen der DDR zur Bundesrepublik eingestellt. Bildrechte: IMAGO
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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 13. August 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. August 2019, 05:00 Uhr