Apotheke
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Apothekerverbände besorgt Medikamentenknappheit in Mitteldeutschland verschärft sich

In Mitteldeutschland häufen sich Medikamentenengpässe. Apothekenverbände aller drei Länder bestätigen, dass mittlerweile auch Schmerzmittel teilweise nicht mehr vorrätig sind.

von Ann-Kathrin Canjé, MDR AKTUELL

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Menschen, die an Bluthochdruck, Asthma oder Gicht leiden oder einfach Schmerzmittel beziehungsweise Antibiotika benötigen, müssen mit Schwierigkeiten bei der Beschaffung rechnen. Grund dafür sind die bereits seit längerer Zeit andauernden Lieferengpässe innerhalb der Pharmaindustrie. Mittlerweile hat sich die Lage zugespitzt, Apothekenverbände befürchten Versorgungsschwierigkeiten. So seien nicht mehr nur Krankenhäuser betroffen, sondern auch normale Apotheken.

Die Listen von fehlenden Medikamenten werden immer länger. Lutz Gebert leitet die Osterland Apotheke im thüringischen Schmölln und saß bis zum Frühjahr noch im Vorstand der Landesapothekerkammer Thüringem. Im November 2019 stehen auf seiner Liste über 100 Medikamente. Auch sein Kollege Göran Donner, Vizepräsident der Sächsischen Landesapothekerkammer und Inhaber der Löwenapotheke im sächsischen Dippoldiswalde, vermisst etliche Medikamente. In seinen Apothekerschränken fehlen etwa Mittel gegen Depression. Und auch die Apothekerkammer Sachsen-Anhalt bestätigte dem MDR eine schlechter werdende Versorgung, einem Apotheker aus der Gemeinde Sülzetal fehlen demnach zurzeit sogar 150 Medikamente.

Wie kommt es zu Medikamentenengpässen?

Eine fast leere Medikamenten-Schublade.
Gähnende Leere in der Apotheken-Schublade. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gefragt nach den Gründen für die Engpässe antworten die befragten Verbände nahezu gleichlautend: Starker Kostendruck führe dazu, dass selbst lebenswichtige Medikamente möglichst kostengünstig angeboten werden müssen. Das verleite viele Pharmahersteller letztlich dazu, die Arzneistoffe im Ausland zu produzieren. Lutz Gebert sieht hier das Hauptproblem. Er sagt, dass die globalisierte Grundstoffherstellung in asiatischen Ländern wie Indien oder China dazu führe, dass es in Europa zu Engpässen komme.

Besonders, wenn die großen Hersteller an einer Hand abzählbar seien. Wenn bei der Arzneistoff-Herstellung im Ausland etwas schief gehe, und das sei schon öfter vorgekommen, würden alle nachfolgenden Produzenten an der Weiterverarbeitung der Stoffe zu fertigen Medikamenten gehindert. So berichtete die "Wirtschaftswoche" im vergangenen Jahr von einem BASF-Werk in den USA, das wegen eines Defekts kein Ibuprofen herstellen konnte.

Göran Donner (52) ist der Inhaber der Löwenapotheke auf dem Marktplatz in Dippoldiswalde
Göran Donner ist Inhaber der Löwenapotheke auf dem Marktplatz in Dippoldiswalde Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Laut den Apothekerkammern könnten sogenannte Rabattverträge, die deutsche Krankenkassen mit Pharmaherstellern abschließen können, ebenfalls eine Ursache für die Lieferengpässe sein. Laut einem Gutachten des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie führen Rabattverträge zu einer Konzentration von Marktmacht bei wenigen Anbietern.

Ein weiterer, sehr simpler Grund ist für den Apotheker Göran Donner auch, dass die Menschen heutzutage älter würden und deshalb länger und öfter auf Medikamente angewiesen seien. Und das weltweit. Das habe zur Folge, dass auch die Nachfrage in Ländern wie China steige. Produziere eine Firma schon vor Ort, schlussfolgert Donner, würden die Medikamente nach Möglichkeit auch eher dort vertrieben.

Auch Krankenhäuser weiterhin betroffen

Schon lange von den Engpässen betroffen sind die Krankenhäuser. Auch in der Krankenhausapotheke des St.Georg Klinikums in Leipzig, die Maike Fedders leitet, fehlen derzeit Medikamente aus allen Arzneimittel-Gruppen. Egal ob Onkologie, Infektiologie, Psychiatrie oder im OP – Maike Fedders sagt, sie wisse heute nicht, "was morgen noch lieferbar ist".

Der Medikamentenmangel wirke sich auch in der Anästhesie aus. Dass dort heutzutage keine Auswahl mehr zwischen verschiedenen Medikamenten bestehe, sondern die genommen werden müssten, die da seien, sieht Fedders kritisch. Denn besonders im Krankenhaus treffe die Medikamentenknappheit schwerkranke Patientinnen und Patienten.

Das Apotheken-A hängt an einer Apotheke.
Von außen scheint alles normal, doch der Schein trügt. In den Apotheken müssen immer mehr Menschen auf wichtige Medikamente warten. Bildrechte: dpa

Gerade bei jenen, die auf psychiatrische Hilfe durch Medikamente angewiesen seien, sorgen Lieferengpässe oder der Wechsel zu Medikamenten anderer Anbieter häufig für Irritationen. Diese Patienten sind nach Einschätzung der Pharmazeutin sehr sensibel und reagieren häufig mit Verunsicherung, wenn ihre Tabletten auf einmal eine andere Form oder Farbe hätten. Dies könne sogar dazu führen, dass die Patientinnen und Patienten die Medikamente nicht mehr einnähmen oder falsch dosieren würden. Hier sollte keine Medikamentenumstellung vorgenommen werden. Doch was tun, wenn die gewohnten Tabletten nicht mehr lieferbar sind?

Lösungsansätze

Als Lösung kommt für den Thüringer Apotheker Gebert nur eine regionalisierte Grundstoffproduktion in Frage. So könnte auch auf politischer Ebene mehr Einfluss auf die Hersteller ausgeübt werden. Gebert wird nächste Woche an der jährlichen Konferenz der Thüringer Landesapothekerkammer in Erfurt teilnehmen. Auf der Tagesordnung steht auf jeden Fall das Thema Medikamentenengpässe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 29. August 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2019, 11:32 Uhr

23 Kommentare

Fakt vor 3 Wochen

Natürlich spielt auch Profitstreben der Pharmaunternehmen eine Rolle. Falls Maximale Gewinnerzielung ist in der Marktwirtschaft natürlich Sinn und Zweck eines Unternehmens. Oder meinen Sie, Pharmaunternehmen sind gemeinnützige Organisationen? Ob alle Maßnahmen der Pharmaunternehmen dabei die richtigen sind, wäre wohl eher zu verneinen, aus wirtschaftlicher Sicht der Unternehmen ist es aber zum Teil nachvollziehbar.

Rasselbock vor 3 Wochen

Einer unserer Studenten, Hodenkrebs, brauchte eine teure Chemo, wurde in Halle an der Uni behandelt, war immer vorhanden, meist aus der Schweiz bezogen. Die DDR besass eine eigene Lithiumbatteriestrecke für Herzschrittmacher,notwendige Bauelemente kamen wenn nötig auch aus dem NSW. So ganz richtig liegen können Sie offenbar doch nicht. Wenn nötig und dringend lkam schon einiges heran. Selbst hartnäckige Fälle bei Kindern mit Schuppenflechte kamen zur Kur ans Tote Meer nach Israel. Und das waren nicht nur Bonzenkinder. Was nun?

mattotaupa vor 3 Wochen

wenn die apotheker leere schubfächer haben, so ist ein produkt mangels angebot der entsprechenden bezugsquelle nicht aufzutreiben und hat erstmal gar nichts mit der kasse zu tun, privatpatienten z.b. bezahlen direkt selbst und bekommen auch nichts und ibu z.b bekommt man ohne kassenrezept - wenn es denn da ist. erzählen sie nun, daß flüchtlinge die medikamente alle aufgebraucht haben und die medikamente eine begrenzte nicht nachzuproduzierende ressource wären? es sind halt einfach kapitalistsch organisierte und handelnde hersteller, denen ist es völlig rille, ob jemand 50, 30, 5 jahre oder gar nicht gearbeitet hat, die wollen geld verdienen und eine angebotsverknappung steigert die gewinnquoten ... so ist das nunmal in der marktwirtschaft.