Forderung Angehende Mediziner sollen mehr über NS-Ärzteverbrechen lernen

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Klein, fordert, im Medizinstudium mehr über die Verbrechen von Ärzten während der NS-Zeit zu lehren und mehr über ethische Fragen zu diskutieren. Unterstützung bekommt er von Historikern und auch den Hochschulen selbst.

In einem Anatomie-Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verfolgen Medizin-und Zahnmedizinstudenten des ersten Studienjahres die Vorlesung zu Gelenken und Muskeln von der Direktorin des Instituts für Anatomie und Zellbiologie, Prof. Dr. med. Heike Kielstein. Zu den über 270 Studienanfängern gehören auch 40 Studierende, die ein dem Regelstudiengang ergänzendes Ausbildungsangebot für eine «Klasse Allgemeinmedizin» erhalten. Seit 2011 gibt es an der Fakultät dieses erfolgreiche Lehrprojekt, um den drohenden Hausärztemangel entgegen zu wirken. In fünf laufenden Jahrgängen lernen hier gegenwärtig rund 140 Studierende, was sie als Hausarzt wissen müssen. An der Fakultät Medizin in Halle sind rund 2000 Studierende in den Fächern Medizin, Zahnmedizin und Evidenzbasierte Pflege eingeschrieben.
Medizin-Vorlesung an der MLU Halle (Archivbild). Bildrechte: dpa

Er ist vielleicht nicht so bekannt wie NS-Arzt Josef Mengele, doch auch SS-Arzt Horst Schumann aus Halle hat grausame Experimente an Häftlingen in Auschwitz durchgeführt.

Im Auftrag Hitlers sollte er eine Methode finden, um erbkranke und "rassisch unerwünschte" Menschen durch Sterilisation unfruchtbar zu machen.

In den 1970er-Jahren wurde der ehemalige SS-Arzt zwar vor Gericht gestellt, das Verfahren wurde aber wegen zu hohen Blutdrucks des Angeklagten eingestellt.

"KZ-Insassen waren für Ärzte Versuchskaninchen"

Schumann sei nur einer von vielen Ärzten gewesen, die in der NS-Diktatur Häftlinge für Experimente missbraucht hätten, sagt Dr. Bogdan Musial.

Die Fotografien im Lili-Jacob-Album bilden Momente kurz vor der Ankunft, danach, während der Selektion und die Gänge zu den Gaskammern ab.
Selektion der Gefangenen im KZ Auschwitz-Birkenau. Bildrechte: Bilder des Lili-Jacobs-Album aus dem Buch "Die fotografische Inszenierung des Verbrechens - Ein Album aus Auschwitz"

Der Historiker hat sich in seinem Buch "Mengeles Koffer" intensiv mit diesem Thema beschäftigt.

Er erzählt, die SS-Ärzte hätten einfach die Gelegenheit gehabt und solche Experimente "toll gefunden". Nach seinen Worten betrachteten sie die Insassen als "Versuchskaninchen, mit denen man alles machen kann". Nach den Versuchen hätten die Mediziner die Häftlinge dann selektiert und in die Gaskammer geschickt.

Studierende zu selten mit ethischen Fragen konfrontiert

Medizinstudierende sollten sich mit dieser Geschichte stärker als bisher beschäftigen, findet Bogdan Musial. Nicht nur, um die Fakten zu kennen. Sondern auch, um zu wissen, wie weit Medizin gehen könne, wenn es keine ethischen Grenzen gebe.

Der Historiker unterstützt deshalb den Vorschlag von Dr. Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, die Geschichte um die NS-Ärzte stärker als bisher im Medizinstudium einzubinden.

Mangelndes Bewusstsein über Verführbarkeit der Medizin

Klein meint, viele Medizinstudierende würden sich zu selten mit ethischen Fragen auseinandersetzen.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Bildrechte: imago/epd

Er sagt: "Eine Untersuchung der Universität Aachen hat gezeigt, dass viele angehende Mediziner keine Meinung darüber haben, wie man mit den Ergebnissen von Forschung manchmal umgehen sollte. Sie haben ein mangelndes Bewusstsein über die Verführbarkeit ihres Fachs. Und das ist vor dem Hintergrund zukünftiger gesellschaftlicher und medizinischer Entwicklungen eine große Lücke."

Ein Drittel kannte Mengele nicht

Ein Drittel der befragten Studierenden habe zudem den Namen Josef Mengele nicht gekannt, erklärt der Antisemitismusbeauftragte. Deshalb müsse sich in der Ausbildung etwas ändern.

Porträt Josef Mengele
Lagerarzt Mengele ging als "Todesengel" in die Geschichtsbücher ein. Er wurde nie gefasst und starb 1979 in Brasilien. Bildrechte: imago images/Christian Spicker

Klein fordert, sowohl die Lehrpläne als auch die Prüfungsordnung dahingehend anzupassen: "Ich stelle mir vor, dass beim zweiten Staatsexamen verbindlich das Fach Geschichte der Medizin als Zulassungsvoraussetzung angegeben werden muss. Und dass dann in dem Staatsexamen selbst mehr als bisher Fragen dazu Gegenstand der Prüfung sind."

Auch Uni Halle für mehr Geschichtsbezüge im Studium

Medizinstudenten und Tutoren im Seziersaal des anatomischen Instituts der MLU in Halle.
Studierende im Seziersaal der MLU Halle Bildrechte: Saskia Hölzel

Dieser Vorstoß wird auch an der Martin-Luther-Universität Halle begrüßt. Florian Bruns, Medizinethiker am Universitätsklinikum Halle, sagt, zwar gebe es für die angehenden Ärzte in Halle drei 90-minütige Blockseminare zur Medizinethik und zur NS-Medizin; das reiche aber nicht.

Wichtig wäre es seiner Ansicht nach, es nicht bei dem einmaligen Block zu belassen, sondern auch in den verschiedenen Fächern die historischen Bezüge stärker herauszustellen, zum Beispiel in der Humangenetik und der Psychiatrie. Derzeit werde der nationale Lernzielkatalog für die Medizin, an dem sich die Universitäten orientieren können, überarbeitet.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Klein, ist zuversichtlich, dass seine Vorschläge dort eingearbeitet werden und bis Ende nächsten Jahres dann auch erste Erfolge zu sehen sein werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. September 2020 | 05:00 Uhr