Allensbach-Studie Diskussion um Meinungsfreiheit an Hochschulen

Die Universität als Ort der freien Meinungsbildung und Forschung: Das ist das Idealbild. Die Freiheit der Wissenschaft ist auch durch das Grundgesetz garantiert. Eine Umfrage unter Hochschullehrern kommt jetzt aber zu dem Ergebnis: Ein Drittel empfindet das Meinungsklima als intolerant. Nachgefragt in Mitteldeutschland.

Michael Schreiber ist Physik-Professor an der TU Chemnitz und Vorsitzender des Hochschulverbandes Sachsen. Die Ergebnisse einer neuen Umfrage des Allensbach-Instituts beunruhigen ihn: "Die Universitäten sind die Stellen, an denen frei und offen auch über konträre Meinungen diskutiert werden muss. Wo, wenn nicht an unseren Universitäten?"

Proteste bei Lucke-Vorlesung

Im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und des Deutschen Hochschulverbandes befragte das Allensbach-Institut gut 1.000 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter. Das Ergebnis: Knapp ein Drittel fühlt sich durch formelle oder informelle Vorgaben eingeschränkt, vor allem in politischen, religiösen und Gender-Fragen.

79 Prozent sind beispielsweise der Meinung, es müsse erlaubt sein, Rechtspopulisten zu einer Podiumsdiskussion einzuladen. 74 Prozent rechnen dabei aber mit erheblichem Widerstand. Immerhin 13 Prozent sagen, dass das Meinungsklima sie davon abhalte, bestimmten Forschungsfragen nachzugehen.

Als Beispiel nennt Schreiber den Fall von AfD-Gründer Bernd Lucke, der auch Wirtschaftsprofessor ist. Im Oktober hatten Studenten eine Vorlesung Luckes an der Uni Hamburg durch Proteste verhindert: "Und das zu einem Zeitpunkt, wo Herr Lucke ja keine parteipolitischen Statements abgab", meint Schreiber. "Er wollte über sein Fach, über die Wirtschaftspolitik reden und dass das dann nicht mehr möglich ist, das ist eine krasse Einschränkung."

RCDS: Massive Anfeindung in sozialen Netzwerken

Auch Peter Flaske sagt, er sorge sich um das Meinungsklima an den Hochschulen. Flaske studiert in Dresden und ist Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS): "Das sind Themen wie das Gendern von Sprache, wie Quotenregelungen bei der Besetzung von Führungspositionen oder auch die Gebührenfreiheit beim Studium von Nicht-EU-Ausländern. Zu diesen Themen haben wir eine kritische Meinung und deswegen werden wir in den sozialen Netzwerken massiv angefeindet."

Kritik an der Studie

Die Freiheit der Wissenschaft sei elementar und müsse verteidigt werden, sagt auch die hochschulpolitische Sprecherin der sächsischen Grünen, Claudia Maicher. Für sie seie es aber so,

(...) dass nicht alles, was als Einschränkung von Meinungsfreiheit gesehen oder gefühlt wird, tatsächlich eine Einschränkung ist.

Claudia Maicher Hochschulpolitische Sprecherin der sächsischen Grünen

Auch an sächsischen Hochschulen und Universitäten sei es natürlich überall möglich, Diskurse und Debatten zu führen, sagt Maicher weiter. Es sei eben auch das Recht der Studierenden, gegen Meinungen zu protestieren - Blockaden von Vorträgen, wie im Fall von Lucke, lehne sie allerdings ab.

Jusos fordern Besinnung auf demokratischen Grundkonsens

Nein, das könne im Einzelfall ein legitimes Mittel sein, sagt dagegen Julius Reim, Student an der Uni Leipzig und Landeskoordinator der Juso-Hochschulgruppen in Sachsen:

"Gerade bei Herrn Lucke finde ich es absolut legitim und nachvollziehbar, dagegen laut zu werden und das gehört auch zur Freiheit der Studierenden dazu, dort ihre Meinung zu sagen. Meinungsfreiheit heißt nicht Widerspruchsfreiheit und ich denke, das sollte auch den Professorinnen klar sein." Reim verweist auf weitere Ergebnisse der Allensbach-Umfrage: So finden 27 Prozent, es solle erlaubt sein, den Islam als Religion abzulehnen. 20 Prozent wollen den Staat Israel ablehnen dürfen und immerhin sieben Prozent das Grundgesetz. Dazu sagt er: "Einige Professorinnen und Professoren sollten sich offensichtlich eher auf den demokratischen und wissenschaftlichen Grundkonsens besinnen und nicht angeblich fehlende Meinungsfreiheit beklagen."

Studierenden-Vertreter irritiert und erschrocken

Auch aus dem  Studierendenrat der Uni Halle heißt es auf Nachfrage, man sei erschrocken, wie viele Lehrkräfte glaubten, ohne Gegenwind "groben Unsinn behaupten zu können".

Ein studentischer Vertreter im Senat der TU Dresden berichtet, dass die Studie dort mit einigem Kopfschütteln aufgenommen wurde – auch von den Hochschullehrern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Februar 2020 | 05:00 Uhr