Story im Ersten: Messerland Deutschland?
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Doku im Ersten Messerland Deutschland?

Die Berichte über Angriffe mit Messern scheinen sich zu häufen. Viele solcher Attacken enden tödlich. Einer Bundesratsinitiative nach, sollten Waffenverbotszonen im öffentlichen Raum leichter errichtet, sowie Messer jeglicher Art einfacher verboten werden können. Besonders bei jungen Menschen scheint das Tragen eines Messers „in“ zu sein.

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Der heute 16-jährige Erik aus Thüringen wurde vor zwei Jahren in der Schule von einem Mitschüler mit Tötungsabsicht mit einem Messer attackiert. Sein Leben lang wird er gesundheitliche Probleme haben. Ende August ersticht eine 63-Jährige im Landkreis Börde ihren Ehemann und ein Rentner in Pößneck Angang des Jahres seinen Gartennachbarn. Besondere Bekanntheit erlangte der Fall des Chemnitzers Daniel H., der vor gut einem Jahr nach einer Messerattacke verstarb. Hat Deutschland ein neues Problem? Werden Stichwaffen heute schneller gezückt?


Statistik zeigt steigende Zahlen

Die meisten Bundesländer registrieren seit einigen Jahren bekanntgewordene Straftaten mit Stichwaffen in ihren Polizeidatenbanken. Erst ab 2020 sollen diese Delikte in einer bundesweiten Datenbank einheitlich erfasst werden. Bereits schon heute vergleichbare Zahlen gibt es aus Baden-Württemberg, Berlin und Thüringen.

Diagramm: Anzhal der Messer in den Bundesländern Baden-Württemberg, Berlin udn Thüringen.
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Demnach nahm die Zahl der Messerattacken seit 2013 tatsächlich zu – wenn sie auch in Baden-Württemberg nach einem Hoch 2016 wieder rückläufig war. Und die Statistik zeigt auch: Bei Straftaten, die mit einer Stichwaffe begangen werden, ist der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen hoch. In Nordrhein-Westfalen etwa lag dieser Anteil im ersten Halbjahr 2019 bei knapp 38 Prozent.

Dass das nicht unbedingt etwas mit der großen Flüchtlingswelle 2015 zu tun haben muss, zeigen die Zahlen aus Hessen. Dort war der Anteil der Strafverdächtigen mit nichtdeutschem Hintergrund schon 2012 mit 44 Prozent sehr hoch und lag auch im Jahr 2015 bereits bei 54 Prozent. Den von Rechtspopulisten oft gemachte Vorwurf, die Flüchtlinge hätten diese Art der Kriminalität ab 2015 verstärkt, kann man laut dem Gewaltforscher Dirk Baier von der Hochschule Zürich nicht stehen lassen.

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Prof. Dirk Baier, Inst. für Delinquenz und Kriminalprävention ZHAW Soziale Arbeit Zürich Bildrechte: Das Erste/MDR

Die Flüchtlinge haben die Messer nicht nach Deutschland gebracht. In unseren Jugendbefragungen, die wir seit 2013 durchführen, hat sich schon gezeigt, noch bevor die 'Flüchtlingswelle' kam, dass jeder vierte junge, männliche Jugendliche ein Messer mit sich führt. Vor der 'Flüchtlingswelle'. Danach ist es gestiegen. Es sind jetzt mehr junge Menschen, die jetzt Messer mit sich tragen. Aber [sie ist] auch nicht besonders dynamisch die Entwicklung durch die Flüchtlinge. Es ist kein Flüchtlingsthema, es ist ein Jugendthema, über das wir hier reden.

Dirk Baier, Gewaltforscher Hochschule Zürich Story im Ersten: Messerland Deutschland?

Dirk Baier, Kriminologe und Experte für Gewalt- und Jugendkriminalität, sieht zwei Ursachen dafür, dass junge Menschen Messer mit sich tragen: Zum einen suggeriere das Messer einen Schutz. Zweitens sei das Messer oft Teil einer Selbstdarstellung. Etwas, womit besonders Jugendliche ihre Identität unterstreichen wollen – und ein Symbol für Männlichkeit.


Mit dem Messer in die Schule

Es wird üblich, Messer auch mit in die Schule zu nehmen. So das Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Ergebnis: Der Anteil der Schüler, welche Messer dabei haben, stieg von von 8,3 Prozent im Jahr 2013 auf 12,5 Prozent im Jahr 2017. In der Freizeit sind die Zahlen noch gravierender. 2013 führten 27,2 Prozent der Schüler ein Messer mit sich. 2017 stieg die Zahl auf 31,1 Prozent. Laut dem Gewaltforscher Dirk Baier von der Hochschule Zürich erhöht das bloße Mittragen eines Messers das Risiko, es auch einzusetzen. Jugendliche, die ein Messer tragen, würden sich oft in gefährlichere Situationen begeben, weil sie sich durch das Messer geschützt fühlten.


Viele minderjährige Täter

Zahlen des hessischen Innenministeriums zeigen, dass der Anteil der unter 21-jährigen Tatverdächtigen seit Jahren wächst. So waren 2012 in Hessen noch 17,1 Prozent der Verdächtigen unter 21-Jährige, 6,6 Prozent davon sogar unter 18 Jahre alt. 2018 waren schon insgesamt 23 Prozent unter 21 und rund 9 Prozent jünger als 18 Jahre.

Die Statistik des sächsischen Innenministeriums zeigt, dass zum Beispiel im 1. Halbjahr 2019 von insgesamt 489 Tatverdächtigen 137 unter 21 Jahre alt waren und davon 27 sogar unter 14.


Projekt "Messer machen Mörder"

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Polizeioberkommissar Gordon Roloff Bildrechte: Das Erste/MDR

In Berlin wurde vor sieben Jahren das Projekt "Messer machen Mörder" ins Leben gerufen, um Schüler für die Gefährlichkeit von Stichwaffen zu sensibilisieren. Polizisten wie Polizeioberkommissar Gordon Roloff, versuchen an Schulen aufzuklären. Ziel ist es, dass die Schüler jegliche Waffen zu Hause lassen.

Es ist nicht die falsche Entscheidung, das Messer einzusetzen. Die falsche Entscheidung fand schon zu Hause im Zimmer statt: 'Ich bewaffne mich'. Das war die falsche Entscheidung.

Polizeioberkommissar Gordon Roloff, Berlin Story im Ersten: Messerland Deutschland?

Sind Waffenverbotszonen die Lösung?

Auf die steigende Anzahl von Messerangriffen reagierten einige Bundesländer mit der Einrichtung von Waffenverbotszonen für Orte mit einer hohen Kriminalitätsrate. Vorreiter war Hamburg. Auf der Reeperbahn ist es seit 2007 verboten, Messer oder Schusswaffen mit sich zu führen. In Bremen gilt seit 2009 eine solche Waffenverbotszone um den Hauptbahnhof und in der sogenannten Diskomeile. Ab 22 Uhr kontrolliert hier die Polizei. Diese Regelung habe dazu geführt, dass sich die Lage deutlich entspannte, bestätigt Bremens Innensenator.

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Bremen und Niedersachsen starteten im Mai 2019 eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Waffengesetzes. Kommunen soll es erleichtert werden, Waffenverbotszonen einzurichten. Aus Thüringen kam diesbezüglich Kritik. Der innenpolitische Sprecher der Regierungspartei Die Linke, Steffen Dittes, befürchtet die Einschränkung von Bürgerrechten, wenn jeder auch unbescholtene Passant in solchen Zonen auf Waffen kontrolliert werden könnte.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Die Story im Ersten: Messerland Deutschland? | 23. September 2019 | 22:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 12:30 Uhr

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