Strafverfahren Missbrauch von Kindern: Keine Therapie vor Ende des Prozesses?

Opfer eines Missbrauchs zu werden, ist schlimm genug – insbesondere für Kinder. Doch in vielen Fällen wird den Eltern auch davon abgeraten, vor Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen Täter eine Therapie anzufangen. Die Sorge: Die Wahrheitsfindung wird manipuliert. Für die Kinder kann das fatale Folgen haben: lebenslange Trauma oder soziale Isolation.

Eine leere Kinderschaukel schwingt auf einem Spielplatz.
2019 stieg die Zahl der angezeigten Missbrauchsfälle um neun Prozent. Das heißt, im Schnitt werden jeden Tag 43 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt. Bildrechte: dpa

An manchen Tagen ist plötzlich alles anders. So wie an diesem Tag im August 2019, als der Sohn von Michaela und Olaf aus der Schule im Landkreis Börde kommt und völlig aufgelöst ist. Er berichtet davon, wie ein externer Kursleiter ihn sexuell missbraucht hat.

Gegen diesen Kursleiter erstatten die Eltern sofort Anzeige. Ein Verfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs wird eröffnet. Doch das zieht sich. Immer wieder muss der Neunjährige gegenüber der Polizei und einer Gutachterin aussagen und Fragen beantworten. Doch einen Prozesstermin gibt es bis heute – 14 Monate danach – nicht.

Am meisten belastet die Familie allerdings, dass das Kind immer noch keine psychologische Hilfe bekommen hat. Die Gutachterin und der Anwalt haben davon abgeraten, vor Prozessbeginn eine Trauma-Therapie zu starten. "Weil wir dadurch höchstwahrscheinlich das Erinnerungsvermögen unseres Sohnes manipulieren könnten und die gegnerische Seite jederzeit die Glaubhaftigkeit unseres Sohnes anzweifeln kann und somit den Gerichtstermin canceln könnte", sagt Mutter Manuela.

Leitfaden für Schule, Kita und Vereine

Kein Einzelfall: Im sogenannten Lüdge-Prozess ging es um die Aufarbeitung des jahrelangen Missbrauchs von Kindern auf einem Campingplatz. Polizei und Staatsanwaltschaft vermittelten den Eltern den Eindruck, ihre Kinder sollten das Erlebte nicht in Therapien aufarbeiten, bevor der Prozess abgeschlossen ist.  

Diese Schlussfolgerung kann auch aus einem erst im Herbst 2019 online gestellten Leitfaden des Justizministeriums für Schulen, Kitas und Vereinen gezogen werden. Darin wird im Falle eines sexuellen Missbrauchs einerseits die Bedeutung psychologischer Hilfe hervorgehoben, doch andererseits vor einer Trauma-Therapie vor Abschluss des Strafverfahrens gewarnt: "Dadurch kann die Aussage des Opfers an Beweiskraft verlieren. […] Möglicherweise […] hat dies zur Folge, dass der Täter oder die Täterin nicht mehr verurteilt werden kann."

Hintergrund sind mehrere Gerichtsverfahren in den Neunziger Jahren. bei denen Verdächtige zu Unrecht verurteilt worden waren – allein aufgrund kindlicher Aussagen. Seit 1999 gelten deshalb strengere Mindestanforderungen für Glaubhaftigkeitsgutachten. Dazu gehört auch, zunächst immer in Zweifel zu ziehen, dass die Aussagen durch eigenes Erleben des Kindes entstanden sind.

Experte: Kinder werden zu Beweismitteln

Doch dies kann wiederum für die Kinder fatale Folgen haben. Professor Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Ulm, und einer der führenden Trauma-Forscher in Deutschland, warnt vor den Folgen der aktuellen Praxis: "Man dreht praktisch die Beweislast um, weil der Angeklagte sich ja auch nicht äußern muss. Er kann schweigen. Der Staat muss ihm seine Taten vorwerfen und muss diese Taten auch beweisen können. Damit werden Kinder zum Beweismittel." Durch einen zu späten Therapiebeginn und die Belastungen durch das Verfahren würden die Opfer von Missbrauch so auch noch zu Opfern des deutschen Strafrechts.

Eine aufgeschobene Therapie kann dazu führen, dass die Schäden, die die Kinder erlitten haben, sich verfestigen. Die Folge können Rückzug, soziale Isolation und lebenslange Traumata sein. Und das in einer Opfergruppe, die laut Bundeskriminalamt immer größer wird. 2019 stieg die Zahl der angezeigten Missbräuche um neun Prozent. Das heißt, im Schnitt werden jeden Tag 43 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt. Und das Dunkelfeld ist mindestens zehnmal so groß. Denn viele Fälle werden aus Angst oder Scham gar nicht erst angezeigt.

Missbrauch: Viele Anzeigen, wenige Verurteilungen

So gab es 2018 in Deutschland zwar über 14.000 Strafanzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern, aber nur etwas mehr als 1.700 Verurteilungen. Freiheitsstrafen von mehr als zwei Jahren wurden nur in cirka 400 Fällen ausgesprochen.

Erst im Oktober diesen Jahres hatte deshalb das Bundeskabinett vorgeschlagen, die Strafen bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder zu erhöhen. Einige Experten sehen allerdings keine Verbesserung der Lage, solange die Straftaten nicht verfolgt werden können oder das Verfahren die Opfer retraumatisiert. So forderte etwa der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, gegenüber dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" eine kindergerechtere Justiz:  

Es muss künftig ausreichend sein, dass ein betroffenes Kind von geschulten Staatsanwältinnen und Richtern einmalig befragt wird, die Aussage auf Video dokumentiert wird und das Kind dann sehr schnell therapeutische Hilfe erhält.

Heinz Hilgers Präsident des Kinderschutzbundes

Denn so könnten die fatalen Folgen gelindert werden. So hat etwa auch der Sohn von Michaela und Olaf immer wieder sogenannte Flashbacks: Gerüche, Farben oder Geräusche lösen bei ihm Erinnerungen an die Tat aus. Seine Mutter sagt heute: "Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, ob ich im Nachhinein noch Anzeige erheben würde – um mein Kind zu schützen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 11. November 2020 | 20:15 Uhr