Unterwegs mit "Mission Lifeline" Seenotrettung immer schwieriger

Die letzte Fahrt des Vereins "Mission Lifeline" Ende August hat gezeigt: Flüchtlinge in einen sicheren Hafen zu bringen, ist mittlerweile fast unmöglich. Ende August fischt die "Eleonore" mehr als 100 Schiffbrüchige aus dem Meer. Tagelang kann das Schiff nicht anlegen, weil Häfen in Italien und Malta die Einfahrt verwehren. Der Kapitän erklärt aufgrund der Zustände an Bord den Notstand und fährt in einen Hafen. Die "Eleonore" wird beschlagnahmt – Kapitän Reisch soll 300.000 Euro Strafe zahlen.

Die Rettungsaktion war dramatisch: Am 25. August entdecken Crewmitglieder des Seenotrettungsschiffes "Eleonore" im Meer treibende Reste eines Schlauchbootes. Sie machen sich auf die Suche, sind auf das Schlimmste gefasst. In der ersten Nacht finden sie nichts. Nach einem erneuten Notruf entdecken sie dann ein Schlauchboot, darauf sitzen dicht an dicht 104 Flüchtlinge aus den Konfliktstaaten Sudan und Süd-Sudan. Ein Drittel ist nach eigenen Angaben minderjährig. Zwei Tage zuvor waren sie von der libyschen Küste aus gestartet, das Boot hat Luft verloren, ist teilweise kaputt. Der Motor sei ausgefallen und auch das Trinkwasser und die Kekse seien bald alle gewesen, erzählt einer der Passagiere.

Wir sind nach Norden gefahren, indem wir auf den Mond geschaut haben. Wenn er auf der rechten Seite war, wussten wir, dass wir uns nordwärts bewegen. Am Tag orientierten wir uns an der Sonne.

Goal, schiffbrüchiger Flüchtling MDR exakt | 25.09.2019

Noch während die Crew darum kämpft die Schiffbrüchigen zu retten, taucht die libysche Küstenwache auf. Sie ist bekannt dafür, Leute auf See zu retten und dann in berüchtigte Lager im Bürgerkriegsland Libyen zu schaffen. Kapitän Claus-Peter Reisch gelingt es, die Libyer unter Verweis auf einen laufende Seenotrettung in internationalen Gewässern auf Abstand zu halten.

Ungewisse Sicherheit auf hoher See

Was folgt, sind Tage voller Ungewissheit, in denen die völlig überfüllte "Eleonore" übers Mittelmeer schippert, ohne in einen Hafen einfahren zu können. Kapitän Reisch fragt Malta und Italien an, schildert die Situation - doch die Länder verweigern die Einfahrt. Während in der EU wieder einmal mehr über die Verteilung der Menschen verhandelt wird, spitzt sich auf hoher See die Lage zu. Die Küche ist zu klein, um Portionen für alle auf einmal zu kochen. Die Passagiere werden in Schichten verpflegt. Jeder an Bord hat gerade mal einen halben Quadratmeter Platz. Die Menschen schlafen festgezurrt auf der Aussichtsplattform oder auf dem Brückendach. Immer wieder haben die neun Besatzungsmitglieder Angst, dass einer der Geretteten durchdreht. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen wächst die Sorge vor Krankheiten.

Unstimmigkeiten bei der Crew

Nach vier Tagen kommt die Besatzung zu einem Krisengespräch zusammen. Während einige dafür plädieren, trotz Einfahrtsverbots in einen der nahe liegenden Häfen einzufahren, lehnt Kapitän Reisch dies ab. Andere wollen die Mission per SOS beenden. Doch dies ist nur bei extremen Wetterbedingungen möglich. Es wird diskutiert, ob man aufgrund der hygienischen Bedingungen einen medizinischen Notfall erklären könnte. Doch es gibt keine Einigung, erzählt der Kameramann Jonathan Schörnig, der die Mission mit der Kamera begleitet hat.

Es war hauptsächlich ein Platzproblem einfach. Man ist ständig auf irgendwelche Hände oder teilweise Köpfe drauf getreten, musste sich irgendwie den Weg bahnen. Und das haben viele aus der Crew als unmenschlich empfunden und wollten unbedingt in einen Hafen. Der Kapitän war aber der Meinung, dass er erst in den Hafen einfahren kann, wenn es einen Notfall gibt.

Jonathan Schörnig, Kameramann MDR exakt | 25.09.2019

Wetterumschwung erzwingt Hafeneinfahrt

Am siebten Tag nach der Rettung wird das Wetter schlechter. Am Abend kommen Wind und Regen auf, Rettungsdecken sollen die Menschen an Deck schützen. Doch dann beginnt es zu gewittern. Alle Menschen an Bord sind durchnässt. Die Crew bringt sie unter Deck, die ersten werden seekrank.

Es war ein Weltuntergangsszenario. So hatte ich das tatsächlich noch nie erlebt. Es waren Blitze um uns rum und es war total laut. Und man musste sich anschreien, um miteinander zu kommunizieren. Und ich konnte dementsprechend jetzt nicht die Situation so dokumentieren, wie ich es eigentlich gern gemacht hätte. Ich musste der Crew helfen, die Leute in Sicherheit zu bringen von Deck, in jeden möglichen Winkel des Schiffes unter Deck zu bekommen.

Jonathan Schörnig, Kameramann MDR exakt | 25.09.2019

Kapitän Claus-Peter Reisch fährt Richtung Sizilien und ruft den Notstand aus. Vom Einfahrtsverbot der Italiener lässt er sich jetzt nicht mehr aufhalten. Bis zum Schluss heißt die Antwort der Küstenwache auf die Einfahrtsersuchen "negativ".

Italienische Marine- und Polizeibeamte kommen an Bord und leiten die "Eleonore" in den Hafen von Pozzallo. Dort können die Geretteten nach zehn Tagen auf See an Land gehen. Der Kapitän wird von der Polizei zur Befragung mitgenommen´. Er soll 300.000 Euro Strafe zahlen. Das Schiff wird beschlagnahmt. Die Migranten werden in einem Lager untergebracht. Inzwischen hat die EU sich auch auf ihre Verteilung geeinigt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 25. September 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 12:30 Uhr

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