Mord an Frauen Femizid: Es sind keine Einzelfälle

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet. Ein Problem, das seit langem bekannt ist. Doch es wird nicht genug getan, um die Frauen zu schützen.

Femizide
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Der Mann hat seine Frau von hinten angesprungen. Beide fallen mit einem lauten Platschen ins Wasser. Der Nachbar rennt aus dem Haus. "Ich habe ihn angeschrien", sagt Axel Fries. "Wolfgang, lass das." Der Brandenburger habe im ersten Moment nicht gesehen, dass die Frau blutet. "Ich dachte, dass wäre ein übertriebener Streit." Dann wurde ihm klar, dass der Mann seine Frau töten will.

"Ich hatte die ganze Zeit die Polizei am Ohr", berichtet Axel Fries. Dann habe sein Nachbar erst ein Messer und dann eine Schusswaffe gezogen "und auf mich geschossen, damit ich nicht in den Teich springe und eingreife". Axel Fries will sein Leben retten und rennt zurück ins Haus. Er kümmert sich um die zehn und 14 Jahre alten Kinder des Paares. Sie mussten mit ansehen, wie der Vater die Mutter immer wieder unter Wasser drückt – bis sie sich nicht mehr regt. Erst dann ließ er von ihr ab und flüchtet mit dem Auto.

Axel Fries und seiner Frau Estera, die ebenfalls Augenzeugin war, hat sich ein Bild tief ins Gedächtnis gebrannt. "Der Täter hat gelächelt, als wäre es eine Art Erlösung für ihn. So als wollte er sagen: Jetzt habe ich dich.", sagt Axel Fries. Seine Frau ergänzt:

Er wusste, dass sie einen neuen Mann hat, dass sie glücklich ist.

Estera Fries Augenzeugin und Nachbarin
Vor einem Transparent mit der Auschrift 'Femizid' stehen Blumen 11 min
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Exakt Mi 10.06.2020 20:15Uhr 11:01 min

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Femizid in Leipzig – das Baby war dabei

Es klingt wie ein dramatischer Einzelfall, doch das ist er nicht. Erst vor Kurzem ist auch in Leipzig ein ähnliches Verbrechen begangen worden. Ein junge Frau war mit ihrem Baby am Körper im Leipziger Auwald spazieren – mittags, bei Sonnenschein und mitten unter vielen weiteren Menschen. Zwischen Spaziergängern und Radfahrern verletzt sie der Täter so schwer am Kopf, dass sie kurz darauf im Krankenhaus stirbt. Dringend verdächtig ist ihr Ex-Freund, der sie zuvor bereits mehrfach bedroht hatte.

In Leipzig Connewitz, dem Wohnort des Opfers, tauchen daraufhin überall Plakate und Graffiti auf: "Es ist Femizid", steht auf vielen. "Wir sprechen von Femiziden, wenn eine Frau getötet wird, weil sie eine Frau ist", sagt die Soziologin Monika Schröttle von der Universität Nürnberg-Erlangen. Sie forscht seit Jahren zu diesem Thema. Die Vorstellung dahinter sei: "Die Frau gehört mir und ohne mich darf sie nicht leben. Das sind sozusagen Arten von Tötungsdelikten, die eindeutig auch mit einer patriarchalisch verfassten Gesellschaft zu tun haben."

111 Morde und 192 Mordversuche an (Ex-)Partnerinnen im Jahr 2019

Rund 130 Frauen werden pro Jahr von ihren Partnern oder Ex-Partner umgebracht. Das ist der Durchschnitt der Zahlen des Bundeskriminalamtes von 2016 bis 2019. Die jüngsten Zahlen sind erst vor wenigen Tagen veröffentlicht worden. Sie bedeuten: Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Hinzu kommt, dass es etwa im vergangenen Jahr auch noch 192 Mordversuche an (Ex-)Lebensgefährtinnen gegeben hat. Ein Problem, das seit langem bekannt ist. Doch es wird nicht genug getan, um die Frauen zu schützen.

Im Brandenburger Fall habe die Frau ihren Bekannten bereits zuvor von Bedrohungsszenarien berichtet. "Sie hat gesagt, dass der Täter mit einer Waffe auf sie gegangen ist", sagt Estera.

Das war der Impuls, wo sie sagte: Jetzt will ich raus. Ich muss meine Kinder schützen.

Estera Fries Nachbarin des Täters

Vier Wochen lang hatte die Frau mit den gemeinsamen Kindern  bei den Bekannten gelebt. Der Vater kam ab und an zu Besuch. Die Fries hatten mit Beiden über die Trennung gesprochen: "Das war ja ein sehr eloquenter intelligenter Mann. In dem ganzen Gespräch hat er ein einziges Mal ganz kurz gesagt: Am liebsten würde ich alle umbringen“, sagt Axel Fries. Das sei in einem Nebensatz gefallen und er habe es nicht wirklich als Bedrohung empfunden.

Experte: Erste Monate nach der Trennung am gefährlichsten

Dabei seien das Anzeichen, die ernst zu nehmen sind, sagt Max Lindner von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Täterarbeit. Er berät seit zehn Jahren Männer, die häusliche Gewalt ausüben. In den ersten drei Monaten nach der Trennung  sei die Gefahr für die Frauen am höchsten, dass sie umgebracht werden.

"Die existenziellen Krisen, in der sich diese Männer befinden, wirken da am stärksten", sagt Max Lindner. Es werde von einem Lebensbankrott gesprochen. Wenn langfristige Beziehungen wegbrechen würden und damit auch die von den Männern aufgebaute Existenz, dann sei die Ausnahmesituation extrem groß. "So groß, dass nicht mehr rational agiert wird." Stattdessen bestehe die Annahme: "Wenn ich dieses Leben beende, beende ich auch die Ursache der Krise."

Eine Frau blickt in einem Frauenhaus aus dem Fenster
Bei Fallkonferenzne sollen alle Beteiligten an einen Tisch. Dazu gehören auch Opferschutzeinrichtungen wie Frauenhäuser. Bildrechte: dpa

Doch kann man die Frauen schützen? "Theoretisch, ja. Zumnindest einen Teil von ihnen. Bei 30 Prozent der Femizide sind Täter bereits durch häufige Gewalt aufgefallen und waren aktenkundig. Sogenannte Fallkonferenzen können helfen, besser solche Auffälligkeiten zu erkennen. Dafür werden systematisch bei jedem Fall von häuslicher Gewalt alle Beteiligten an einen Tisch geholt. "Dazu gehören dann natürlich Opferschutzeinrichtungen wie Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen und die Polizei", sagt Max Linder von der BAG Täterarbeit. Dazu gehörten ebenso die Jugendämter, wenn Kinder im Spiel sind.

Prävention in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

In Thüringen hat es vor Kurzem eine Schulung zu ODARA gegeben, für Fachkräfte in diesem Bereich. In Sachsen-Anhalt findet dazu demnächst eine statt. In Sachsen soll es im September einen Fachtag zur Hochrisiko-Einschätzung geben.

"Wir haben vor allen Dingen eine Lücke, dass wir kein funktionierendes Netzwerk für Hochrisiko-Fälle haben", sagt die Vorsitzende des Landesfrauenrates, Susanne Köhler. Sie kämpft schon lange für mehr Prävention – auch um solche Fälle, wie den in Leipzig zu verhindern. Andere Bundesländer seien da schon weiter.

Doch bislang gibt es diese Fallkonferenzen systematisch nur in Rheinland-Pfalz. Dort wird dann eine Checkliste durchgegangen: Das sogenannte ODARA - ein Instrument zum Einschätzen von Hochrisikotätern. Im Fall des Brandenburgers ergeben die Antworten auf die 13 Fragen: Der Täter wäre in die Hochrisikogruppe eingeordnet worden. Er hätte eine Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent gehabt, dass er eine schwere Gewalttat gegen ein Familienmitglied begehen würde. In solch einem Fall müsse dann geschaut werden, "was gibt es für Möglichkeiten, die Frauen räumlich von den Männern zu trennen", sagt Max Lindner von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Täterarbeit.

Was sind Femizide Femizide sind Tötungsverbrechen an Frauen, allein aufgrund ihres Geschlechts. Von insgesamt 87.000 getöteten Frauen weltweit im Jahr 2017 wurden 60.000 von ihrem Partner, ehemaligen Partner oder einem Familienmitglied getötet.

In Deutschland starben 2019 111 Frauen durch die Hand ihres Partners/ Ex-Partners, heißt: Jeden dritten Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch Femizid. Zum Vergleich: In Mexiko zum Beispiel passiert das aller 2,5 Stunden. Dennoch: Häusliche Gewalt betrifft nicht nur eine bestimmte Kultur oder einen bestimmten Personenkreis: Sie ist überall vorhanden, sagt Politik- und Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle von der Organisation European Observatory on Femicide (EOF). Gewalt gegen Frauen sei unabhängig vom sozialen Status, von Finanzen oder dem Bildungsstatus.

Laut EOF hat die Gewalt gegen Frauen während der Corona-Krise und in Zeiten des Lock-Downs weltweit zugenommen. Teilweise steigen die Fälle um das Dreifache.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 10. Juni 2020 | 20:15 Uhr

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