Markus Nierth
Nachdem Markus Nierth von Rechtsextremisten angefeindet wurde, weil er Flüchtlinge in Tröglitz unterbringen wollte, legte er sein Amt als Bürgermeister nieder. Bildrechte: IMAGO

Interview "Man kann nicht mit einer braunen Flut kuscheln"

Als Tröglitzer Bürgermeister setzte sich Markus Nierth für Flüchtlinge ein und erntete Morddrohungen und Wellen des Hasses. Der Fall Lübcke löst bei ihm neue Ängste aus. Trotzdem will er sich weiter gegen Rechts stellen, sagt er.

Markus Nierth
Nachdem Markus Nierth von Rechtsextremisten angefeindet wurde, weil er Flüchtlinge in Tröglitz unterbringen wollte, legte er sein Amt als Bürgermeister nieder. Bildrechte: IMAGO

Als Sie vom Mord an Walter Lübcke gehört haben – wie ging es Ihnen dann?

"Als ich davon hörte, kam mir schon der Gedanke: Das kann dich genauso erwischen. Man hat sich wohl bewusst ein Exempel herausgesucht, mit dem man zeigen wollte, wir nehmen auch die Politiker, die sonst nicht so auffällig sind. Wir zeigen den Gutmenschen, was sie verdient haben. Nämlich, dass man sie als Volksverräter hinrichtet."

Sehen Sie jetzt wieder eine erhöhte Bedrohungslage für sich und ihre Familie?

"Ich habe mir auch mit meiner Frau Gedanken gemacht, ob ich jetzt vor die Kamera gehe – trotz der steigenden Bedrohungslage. Aber es muss klar ausgesprochen werden, dass die Bedrohung, die ja die ganze Zeit schon verbal in den Hassphantasien durch die Rechten überall geäußert wurde, dass die jetzt real geworden ist. Die Hemmschwelle ist offensichtlich gesunken und die Rechten setzen ihren geplanten Bürgerkrieg, von dem sie ja die ganze Zeit schon fantasieren, tatsächlich um. Dagegen muss Widerstand benannt werden."

Sind Sie deswegen an die Öffentlichkeit gegangen?

„Ich bin eigentlich deswegen vor die Kamera gegangen, weil ich mich so ärgere, dass gerade konservative Politiker in diesen Tagen meinen, man müsste mehr Toleranz für die Rechten aufbringen oder das Gespräch mit den ganz Rechten suchen. Das finde ich überhaupt nicht. Es ist viel wichtiger, dass wir auf den Grundlagen unseres Grundgesetzes stehen bleiben. Und wenn die Würde eines Menschen verletzt wird, was nun tausendfach in den sozialen Netzwerken passiert, wenn ein Mensch umgebracht wird, befeuert durch die Fantasien der ganzen rechten Hetzer, da muss klare Kante gezeigt werden. Der Annäherungskurs bringt uns gar nichts. Man kann nicht mit einer braunen Flut kuscheln, die gerade als Hass hereinbricht. Wir müssen uns dagegen stellen."

Was sehen Sie als mögliche Lösung?

"Es müsste in der Justiz und in der Polizei ganz neu danach geschaut werden, wer wirklich Grundgesetz konform ist. Und da, wo rechte Vernetzungen schon längst entstanden sind, die gerade jetzt in diesen Jahren ja weiter wachsen werden, müssen diese dringend aufgebrochen werden. Denn sonst wird die Halsschlagader der Demokratie durchschnitten. Zudem muss vor allem der Aufstand der Anständigen kommen. Denn unsere Politik wird immer nur so stark und mutig sein, wie es unsere Bevölkerung auch ist."

Warum fordern Sie einen Aufstand der Anständigen?

Ein Polizist vor einem Haus in Tröglitz, auf das ein Brandanschlag verübt wurde
Kurz nachdem Markus Nierth sein Amt als Bürgermeister niedergelegt hatte, brannte dieses Gebäude - es sollte als Flüchtlingsunterkunft dienen. Bildrechte: IMAGO

"Ich habe mich lange Zeit von der Bevölkerung und von der Politik alleingelassen gefühlt. Die Polizei in Sachsen-Anhalt hat damals eine gute Arbeit geleistet. Sie hat uns ein Dreivierteljahr rund um die Uhr geschützt. Das kann natürlich nicht immer sein. Der eigentliche Schutz besteht aber darin, wenn die Zivilbevölkerung, die Nachbarn und die Freunde zu einem stehen. Das wünsche ich jedem der von Rechts angegriffen wird, dass er einen Schutzwall von gutmütigen Menschen um sich hat, die zu ihm stehen."

Fühlten Sie sich nach dem Brandanschlag von Tröglitz alleingelassen, nachdem Sie aufgestanden sind?

"Was das für Folgen hatte: dass Freunde wegbleiben oder die Kinder nicht mehr zum Spielen vorbeikommen dürfen – eine soziale Isolierung. Wenn andere sagen: er sei ja selbst schuld, dass die Polizei bei ihm steht. Das ist eigentlich viel schwieriger. Man fragt sich schon: War es das wert, wenn es so viel kostet?"

War es das wert?

"Das ist wirklich schwer zu beantworten. Wir werden letztendlich eines Tages aus unserer schönen Familienburg, die ich mit meinen eigenen Händen aufgebaut habe, als Binnenflüchtlinge davonziehen. Denn wir kriegen hier keinen Fuß mehr in die Gesellschaft. Wir sind raus als beliebte Mitmacher und Kümmerer, die das Leben hier mitgestaltet haben. Das ist sehr schmerzlich. Aber letztendlich war es das wert, weil ich nicht nur mit diesem einen Leben rechne. Was hilft ist mein Glaube. Der gibt mir Mut, mich auch gegen meine eigenen Todesängsten zu stellen."

Wodurch werden diese Todesängste ausgelöst?

"Das sind die üblen Worte, die in solchen Morddrohungen stehen. Die treffen einen. Man fragt sich erst: Ist es realistisch, dass das passiert? Das wird sich Herr Lübcke auch gefragt haben. Auch er wird sich selbst beruhigt haben. Ich kenne viele Politiker, die Morddrohungen ausgesetzt waren und nach außen erst mal eine coole Schale hatten. Aber ich gestehe ganz offen meine Ängste ein und dass sich seitdem mein Leben geändert hat. So wie es auch ein Herr Jung, der Oberbürgermeister von Leipzig, sagt: Man guckt doch über die Schulter, man dreht sich um."

Also hat der Mordfall Lübcke bei Ihnen wieder etwas ausgelöst?

"Durch den Mord an Herrn Lübke ist für uns vieles sofort wieder hochgetriggert worden. Meine Frau und ich waren natürlich total erschrocken und wir haben auch Angst. Aber es darf auch nicht sein, dass sich so viele wegducken. Im Nachhinein merken wir, dass wir uns trotzdem weiter gegen rechts stellen müssen, weil wir das sonst allesamt – als Gesellschaft – bezahlen müssen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 26. Juni 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2019, 15:41 Uhr