Essen für Bedürftige Tafeln: Geschlossen wegen Corona-Virus

Immer mehr Tafeln schließen - aus Sorge um ihre Helfer und die ältere Kundschaft. Für die Bedürftigen ist das ein harter Schlag, denn bei einigen bleibt nun der Kühlschrank leer. Doch wie kann das verhindert werden?

Keine Kontakte, keine Arbeit, kein Sport – in der Corona-Krise müssen sich alle Menschen einschränken. Für einige geht es aber richtig an die Substanz. So haben viele Bedürftige keinen Zugang mehr zu den Tafeln und damit zu preiswerten Lebensmitteln.

"Es fehlt uns dolle", sagt ein Kunde der Tafel in Quedlinburg, die bereits geschlossen ist. "Brot und Brötchen, was wir immer bekommen haben. Das fehlt uns", sagt Hans-Jürgen Beckmann. Über zwei Wochen würden er und seine Frau noch kommen, dann wäre der Kühlschrank leer. So wie diesem Ehepaar geht es rund um die Welterbestadt vielen bedürftigen Menschen. 1400 gemeldete Kunden versorgt die Quedlinburger Tafel sonst an mehreren Ausgabestellen.

Keine Lebensmittel wegen Hamsterkäufen

drei Personen an der Haustür
"Es fehlt uns dolle", sagen Hans-Jürgen Beckmann und seine Frau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Tafel ist in einem ehemaligen Frauengefängnis untergebracht. Die Stiege zur Ausgabestelle ist steil und eng. Die Gänge stehen voller Kisten. Es ist nicht möglich, den geforderten Abstand von mindestens 1,50 Meter zu halten. Doch schon vor der Schließung hatten die Tafelmitarbeiter Probleme, Lebensmittel zu beschaffen. "Wegen der Hamsterkäufe", sagt Chefin Alexandra Schulze. Da bliebe nichts mehr für die Bedürftigen.

Es wäre momentan viel zu gefährlich, mit drei Autos täglich die Supermärkte von Magdeburg bis Goslar abzufahren. Zum Einen gäbe es dann auch Kontakt zu den Mitarbeitern der Märkte: "Das ist uns zu heikel", sagt Alexandra Schulze. Sie wolle ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter und ihre Kunden schützen. Und zum Anderen sind "die Kunden hauptsächlich Rentner und die gehören zu Hauptrisikogruppe."

Sorgen um einige ältere Rentner

Um einige Kunden sorgt sich die Chefin besonders: Eine alte Dame habe sich immer mit einem Rollator zu Tafel geschleppt. "Immer in Etappen, hat sich immer wieder hingesetzt auf den Rollator auf dem Weg hierher", beschreibt Alexandra Schulze. Für vorerst vier Wochen soll die Tafel in Quedlinburg geschlossen bleiben. Eine andere Möglichkeit gäbe es nicht.

eine Frau in einer Kücke
Zu Hause gibt es nun erst einmal Suppe, erklärt die Köchin im "Restaurant der Herzen", Ilona Rathgeber. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch das "Restaurant mit Herz", eine der Ausgabestellen der Tafel, ist derzeit geschlossen. Wenn es geöffnet hat, ist es mittags gut besucht und fast jeder zweite Platz besetzt. Es kommen alte und jüngere, die bedürftig sind. "Die bezahlen ja nur zwei Euro. Die ein bisschen mehr haben, zahlen 3,50", erklärt Tafel-Köchin Ilona Rathgeber, die derzeit nichts mehr zu tun hat. Dafür bekommen die Kunden ein Mittagessen mit Getränk und Kompott. "Und Nachschlag können sie auch noch holen." Auch die Köchin isst dort regelmäßig und schont so die eigene Haushaltskasse.

Mit dem Halbtagsjob bei der Tafel verdiene die 62-Jährige gerade mal 680 Euro pro Monat. Doch bis zum Monatsende "kommen wir hin", sagt Ilona Rathgeber. "Ein bisschen kürzer treten, sagt mein Mann." Zu Hause gebe es nun erst einmal Suppe.

Lebensmittel-Spenden eingebrochen

Von den 950 Tafeln bundesweit sind inzwischen etwa 400 geschlossen. In den anderen gibt es ausreichend Lebensmittel, mancherorts sogar mehr als nachgefragt wird – weil die Kunden Angst vor Ansteckung haben. Aber das wird sich nun bald ändern, denn die Spenden sind etwa in Sachsen-Anhalt bereits auf 15 Prozent der üblichen Menge gesunken. Nicht nur, weil in den Supermärkten weniger übrig bleibt, sondern auch, weil dort der Personalnotstand so groß ist. Keiner hat mehr Zeit, Spendenkisten für die Tafel zu packen. Der Tafelverband hat bereits an die Politik appelliert, ohne stattliche Unterstützung drohten langfristige Schließungen.

Unterstützung durch freiwillige Helfer

Doch wie kann den Menschen nun geholfen werden – die nun weniger oder gar nichts mehr im Kühlschrank haben? Ein Lieferservice ist eine Idee. Freiwillige, die selbst nicht zur Risikogruppe gehören, könnten das Einsammeln von Lebensmitteln übernehmen und den Tafel-Kunden direkt nach Hause bringen. Zumindest "für die Rentner unter ihnen müssten die Spenden auch noch reichen", sagt der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Kai-Gerrit Bädje. 

"Aus dem Quedlinburger Sportverein haben sich bereits zehn Personen gemeldet, die mit ausliefern wollen", sagt Kai-Gerrit Bädje. Die Arbeiterwohlfahrt wolle dann das Lager und die Auslieferung trennen und so die intensiven Bewegungen einschränken. "Die einen arbeiten vormittags und machen die Tüten fertig. Die anderen liefern die Tüten nachmittags aus. So wollen wir das in der Zukunft machen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 25. März 2020 | 20:15 Uhr