Fangquote Droht den kleinen Fischern an der Ostsee das Aus?

Kleine Fischerboote – aus der maritimen Idylle an unserer Küste kaum wegzudenken. Doch niedrige Preise und die Konkurrenz industrieller Fangschiffe gehen den Familienunternehmen an die Substanz. Die Aussichten für das kommende Jahr sind düster: Denn die EU hat die Fangquoten für den Hering erneut gesenkt.

Ein Fischer fährt kurz vor Sonnenaufgang mit seinem Motorboot durch die Wismarbucht aufs offene Meer zu.
Die Fangquote für den Hering wird im kommenden Jahr um 50 Prozent gesenkt. Für die Fischer bedeutet das: weniger Einnahmen. Bildrechte: dpa

Seit vier Generationen fährt seine Familie auf die Ostsee. Er ist Fischer aus Leidenschaft. Jörg Bernier verdient seinen Lebensunterhalt mit Hering, Dorsch und Scholle. Doch das wird immer schwerer. Wenn es schlecht läuft, endet die Ostseefischerei der Familie mit seiner Generation.

Denn an der Küste zwischen Wismar und Kühlungsborn würde es reihenweise kleine Fischer geben, die ihren Job aufgeben und keiner kommt nach, erzählt Jörg Bernier, während er auf seinem Boot das Netz langsam ins Wasser lässt. "Für mich gab es eigentlich gar nichts anderes", sagt er. Er habe es von der Pike auf gelernt und vom Vater das Geschäft übernommen.

Große Schiffe fischen mit Schleppnetzen

Jörg Bernier ist Stellnetzfischer. Er setzt sein Netz an den Grund der Ostsee in der Nähe der Küste und hofft, dass sich Fische darin verirren. "Im Moment fangen wir ganz gut Plattfisch: Scholle, Flunder, Steinbutt", sagt er. An diesem Tag fischt der Mann aus Wismar-Redentin speziell auf Dorsch. Dagegen betreiben die  größeren Fangschiffe, weiter draußen, Schleppnetzfischerei. Dabei ziehen sie Netze hinter sich her und können so wesentlich mehr Fisch fangen.

Fischer in der Kajüte
Jörg Bernier ist Fischer in der vierten Generation - doch er könnte der letzte sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Job für die kleinen Fischer werde hingegen immer unattraktiver, sagt Jörg Bernier. Alte Fischer geben auf, junge Menschen sähen meist nur die langen Arbeitszeiten und den vergleichsweise geringen Verdienst. Seit Anfang der Neunziger ging die Zahl der Fischereibetriebe in Mecklenburg-Vorpommern von 810 um mehr als die Hälfte auf 346 zurück.

Der Ostsee geht es schlecht

Zwischen Kühlungsborn und Wismar seien es gerade mal noch "vier oder fünf Fischer, die hier mit ihren Stellnetzen noch fischen", sagt Jörg Bernier. Da gebe es keine Revierkämpfe. Das sei früher anders gewesen.

Die Fischer sind natürlich auch vom Zustand der Ostsee abhängig – und dem Binnenmeer gehe es schlecht, erklärt der Meeresbiologe Thilo Maack. Dafür gebe es mehrere Gründe. "Zum einen die Folgen des Klimawandels, dann die Verschmutzung der Ostsee und die Ostsee wurde jahrzehntelang überfischt", sagt der Mann von Greenpeace. Betroffen seien vor allem Dorsch und Hering.

Im Sommer hatte Greenpeace Steine in der Ostsee versenkt. So soll die  Schleppnetzfischerei in sogenannten Schutzgebieten verhindert werden. In diesen Schutzgebieten soll sich die Ostsee eigentlich von menschlichen Einflüssen erholen. Doch das klappt schon seit über zehn Jahren nicht.

Schutzgebiete werden nicht geschützt

Die Bundesregierung hatte solche Schutzgebiete im Jahr 2007 ausgewiesen. "Wir werfen der Bundesregierung vor, dass seit 2007 nichts passiert ist. Das heißt, die Fischerei ist nicht beschränkt, der Sand und Kiesabbau ist nicht verboten", sagt Greenpeace-Aktivist Maack. Deswegen müssten dringend aus den Schutzgebieten auf dem Papier echte Schutzgebiete gemacht werden. "Für die Gesundheit der Meere und der Fischbestände."

"Schutzgebiete müssten sowieso tabu sein. Das ist Sache der Politik", findet auch Küstenfischer Bernier. Die müsse sagen: "Nein, Schluss damit." In den Schutzgebieten dürfte keine Schleppnetzfischerei stattfinden.

Inzwischen holt Jörg Bernier seine Netze wieder ein. Es ist typisches Küstenwetter: Grauer Himmel, Nieselregen und wenig Sicht. "Es ist immer ein Überraschungsei. Also keine Ahnung was uns erwartet."

Fischer: Fangquote ist ungerecht

Die Menge an Fisch, die ein Betrieb aus dem Meer holen darf, ist begrenzt. Das nennt sich Fangquote. Fängt Jörg Bernier an diesem Tag zu viel Dorsch, darf er den Rest des Jahres keinen mehr aus der Ostsee holen. Es klingt komisch, aber er drückt die Daumen, dass das Netz nicht zu voll ist.

Heringe in einem Plastiksieb
Einen Korb voller Dorsche hat Jörg Bernier an diesem Tag gefangen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jörg Bernier holt diesmal vor allem Plattfische aus der Ostsee – also Schollen, Flundern und Steinbutt. Knapp 200 Kilo schätzt er. Am Ende des einen Kilometer langen Netzes hat er einen Korb voller Dorsch und das Deck voller Plattfisch. Für die Quote ist das gut. "Ja, Dorsch habe ich 1,5 Tonnen Quote. Gut, heute waren jetzt nicht viele Dorsche", stellt er fest. "Aber wenn man dann zweimal 300 Kilo Dorsch hat, denn ist die Quote natürlich auch schnell weg."

Die Quote ist das Streitthema zwischen Politik, Umweltschützern und Fischern. Denn je nach dem, wie sich der Bestand einer bestimmten Fischart entwickelt, soll weniger Fisch in der Ostsee gefangen werden. Das knappe Gut Ostseefisch wird dann auf alle Länder und Fischbetriebe verteilt.

Neue EU-Fangquote: Noch weniger Hering

Im kommenden Jahr dürfen die deutschen Ostsee-Fischer nun noch weniger Hering fangen. Die erlaubte Fangmenge für den westlichen Hering wird 2021 erneut gesenkt. Dies geht aus einer Einigung der EU-Fischereiminister aus der Nacht zum Dienstag hervorgeht. Demnach dürfen die Fischer dann 50 Prozent weniger fangen.

Beim westlichen Dorsch hingegen dürfen fünf Prozent mehr aus dem Wasser gezogen werden. In der östlichen Ostsee darf Dorsch weiterhin nicht gezielt gefischt werden. Der WWF bewertete die Einigung weitgehend positiv. Die Balance aus Erholung der Fischbestände und Einkommenssicherung für die Fischer sei "überraschenderweise in weiten Teilen erreicht", sagte Stella Nemecky, Fischereipolitik-Expertin der Umweltschutzorganisation.

Hering in der Ostsee geht es miserabel

Im Jahr zuvor hatte die EU die Fangquote beim Hering in der westlichen Ostsee bereits um 65 Prozent reduziert, beim Dorsch um 60 Prozent. Zwar dürfen alle Fischer weniger fangen, der Löwenanteil bleibt aber bei den großen Fischbetrieben.

"Man sollte schon die Betriebe unterstützen die nachhaltig wirtschaften", findet Jörg Bernier. Die, die mit dem Fisch vernünftig umgehen würden. Die, die nicht den  Meeresboden kaputt machten. "Das ist im Moment so ein bisschen ungerecht."

Doch auch in den kommenden Jahren gibt es wenig Aussicht auf eine Besserung des Bestandes. "Dem Hering in der westlichen Ostsee geht es miserabel", sagt Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei. Das sei der Brotfisch für die Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern. Der Bestand sei nur der Bruchteil des Bestandes von vor 30 Jahren "und liefert sehr, sehr wenig Ertrag."

Verdienst für kleine Fischer gering

Die Wissenschaftler vom Thünen-Institut sammeln das Jahr über Daten, um vorherzusagen, wie sich die Fische entwickeln. "Dem Dorsch der westlichen Ostsee ging es 2015 sehr schlecht", sagt Christopher Zimmermann. Das sei inzwischen zwar besser, doch die Perspektive sei trotzdem schlecht, da er weiter wenig Nachwuchs produziere.

Jörg Bernier kann nur deshalb von seinem Arbeit leben, weil er den Fisch selbst auf Märkten in der Region verkauft. "Alles andere rechnet sich nicht", sagt der Fischer. "Also wenn ich die jetzt so direkt am Großhandel verkaufen würde, dann würden die in eine Auktion nach Holland gehen." Er würde dann unterm Strich etwa 80 Cent für ein Kilo Scholle bekommen. "Da kann kein Mensch von leben."

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 21. Oktober 2020 | 20:15 Uhr

6 Kommentare

goffman vor 5 Wochen

Wie genau wird denn die Menge erlaubten Fischfangs unter den Betrieben aufgeteilt? Jeder Betrieb darf X Dorsche fangen? Pro Mitarbeiter? Pro Schiff? Falls es nach Umsatz oder Marktanteil ginge, fände ich das unfair. Genauso unfair wäre es, wenn die Menge prozentual im Vergleich zum Fang des Betriebs im Vorjahr beschränkt würde.

Harka2 vor 5 Wochen

So traurig das ist, aber es gibt doch schon heute fast keine Fischer mehr an der deutschen Ostsee. Früher lagen 20 bis 30 Fischkutter in Sassnitz im Hafen, häufig vier oder fünf parallel nebeneinander, weil der Hafen gar nicht groß genug war. Heute liegen da noch 3 oder 4 Schiffe, die man zum Hochseefischen mieten kann. Ein Vergnügen für jene, die es sich leisten können. Die alten Fischkutter sind verschwunden gar lange verschwunden.

Harka2 vor 5 Wochen

Mag sein, aber die Kutter verschwanden schon unmittelbar nach der Wende. Schon 1992 waren fast alle weg.