Indonesische Azubis für Deutschland Köche dürfen rein, Pfleger nicht

Es ist absurd: In Deutschland fehlen tausende Pflegeazubis, in Asien suchen tausende junge Menschen eine Perspektive. Wolfgang Nickel aus Köthen vermittelt seit zwei Jahren Jugendliche aus Indonesien in die heimische Wirtschaft. Aber bei den Pflegeazubis werden durch die deutsche Bürokratie auch Visa-Anträge abgelehnt.

Pflegedienste, Krankenhäuser oder Gastronomie – in diesen Bereichen werden Arbeitskräfte und Nachwuchs dringend gesucht. Wolfgang Nickel aus Köthen hat eine Lösung dafür gefunden: Azubis aus Indonesien. Über 1000 junge Leute konnte er bereits nach Deutschland vermitteln. Doch während es mit Köchen klappt, gibt es beim händeringend benötigten Nachwuchs für Altenpfleger Probleme.

"Es ist nicht so einfach, jemanden zu finden, der diese Ausbildung macht", sagt die Chefin des Dessauer Pflegedienstes Dießner, Swetlana Dießner. In diesem Jahr habe sie nur eine Auszubildende finden können – vier weitere würde sie gern einstellen. Deshalb hatte sie sich an Vermittler Nickel gewandt. Der hat bereits zahlreiche Azubis aus Indonesien nach Deutschland gebracht – vor allem in die Gastronomie. So hatte Nickel auch für seinen eigenen Betrieb, den Forellenhof in Köthen, neun Azubis aus dem Inselstaat geholt.

Einreise abgelehnt: Job-Vorrecht für Deutsche und EU-Bürger

Indonesier in der Ausbildung zum Koch in Deutschland
Wolfgang Nickel konnte bereits über 1000 junge Leute aus Indonesien nach Deutschland vermitteln. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch bei den Pflegeazubis kann der Gastronom nicht helfen: Alle vier angehende Altenpfleger aus Indonesien, die er gefunden hatte, dürfen nicht nach Deutschland einreisen. Eine wurde mit der Begründung abgelehnt: "Dem Arbeitsmarkt stehen bevorrechtigte Arbeitnehmer zur Verfügung." Das heißt, es gebe genügend Deutsche oder EU-Bürger, die diesen Job annehmen könnten.

"Das kann man gar nicht nachvollziehen, weil wir wissen ja, was auf dem Arbeitsmarkt los ist", sagt Nickel. In den kommenden Jahren würde sich die Situation sogar noch verschlimmern. Doch warum wurde die indonesische Auszubildende für den Pflegedienst in Dessau abgelehnt?

Angeblich ausreichend Kräfte für Pflegestellen

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg ist zuständig für die Arbeitsmarktzulassung. "Im Regelfall wird dem auch zugestimmt", erklärt BA-Sprecher Christian Weinert. Doch im Fall Dießner habe die Arbeitsagentur in Dessau-Roßlau offenbar festgestellt, dass es ausreichend Bewerber im Inland gebe.

Rein rechnerisch gibt es auch deutsche Azubis für diese Stelle. Allerdings: nur theoretisch. Beworben hat sich niemand. Swetlana Dießner hatte im November 2018 eine Anzeige über die Arbeitsagentur in Dessau-Roßlau geschalten. "Bis heute hat sich keiner gemeldet", sagt die Pflegedienst-Chefin. Es habe insgesamt nur eine Initiativbewerbung gegeben – doch diese kam nicht vom Amt.

Als ich dann nachfragte, wurde mir gesagt, wir haben 16 Leute zu Ihnen geschickt. Die sind aber nie angekommen.

Swetlana Dießner Pflegedienst-Chefin

Zu wenig medizinisches Personal in Indonesien

Eine andere Bewerberin für den Dessauer Pflegedienst ist aus einem anderen Grund abgelehnt worden: Paragraph 38 der Beschäftigungsverordnung. Dieser beruft sich auf eine Liste der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Darauf stehen 57 Länder, in denen eine Unterversorgung mit medizinischem Personal herrscht – darunter auch Indonesien. Aus diesem Grund hat sich Deutschland verpflichtet aus diesen Ländern keine Pflegefachkräfte zu rekrutieren.

Die Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Pflege, Isabell Halletz, sagt, dass der Paragraph 38 nur für bereits qualifizierte, ausgebildete oder studierte Pflegefachkräfte gelte.

Die Begründung der Bundesagentur für Arbeit steht daher auf sehr wackeligen Füßen.

Isabell Halletz eschäftsführerin Arbeitgeberverband Pflege

Bei den angehenden Azubis handelt es sich jedoch noch gar nicht um Fachkräfte. Die Agentur für Arbeit argumentiert: "Die Rechtslage unterstellt, dass derjenige, der nach Deutschland kommt und hier eine Ausbildung macht, hier bliebt und damit dem Heimatland verloren geht", erklärt BA-Sprecher Weinert. Zudem könnten die Indonesier auch in ihrem Heimatland eine Ausbildung im Pflegebereich absolvieren.

Indonesien will Pflegekräfte in Deutschland ausbilden lassen

Auf der anderen Seite hat MDR-exakt exklusiv erfahren, dass das indonesische Bildungsministerium gerade ein Programm aufgelegt hat, um 10.000 junge Menschen in die Ausbildung nach Deutschland zu bringen – und zwar egal in welche Branche. Auch in die Pflege. Die Interessenten bekommen finanzielle Zuschüsse für den Deutschkurs sowie die Deutschprüfung – Voraussetzungen für das Visum. "Das indonesische Programm ist ein Beweis dafür, dass die Möglichkeiten der Ausbildung in Indonesien anscheinend nicht ausreichen", sagt Isabell Halletz. "Häufig fehlen auch die finanziellen Mittel, um eine entsprechende Ausbildung oder ein Studium bezahlen zu können."

Eine absurde Situation: Es gibt einen Pflegedienst in Dessau, der keine deutschen Azubis findet. Es gibt Wolfgang Nickel, der Azubis aus Indonesien hierher bringt. In die Altenpflege darf er sie jedoch nicht vermitteln – für die Gastronomie ist das kein Problem. Für die Altenpflege bleibt es so weiter sehr schwierig, Nachwuchs zu finden. Vermittler Nickel hat jetzt eine neue Idee – Pflegeazubis aus Vietnam. Die dürfen in Deutschland einreisen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 31. Juli 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2019, 11:40 Uhr

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4 Kommentare

06.08.2019 09:06 Exakt-Redaktion 4

Lieber Safado,

die Azubis dürfen rechtlich gesehen nach ihrer Ausbildung dauerhaft hier bleiben, auch in der Gastronomie. Voraussetzung: Sie müssen einen Arbeitsvertrag und eine Wohnung nachweisen. Die Arbeitgeber aus unserem Beitrag wünschen sich, dass sie hier bleiben. Der indonesische Staat wünscht sich, dass sie zurück kehren. Was sie dann tatsächlich tun, ist die persönliche Entscheidung der Azubis.

Mit besten Grüßen aus der Redaktion

01.08.2019 21:41 Safado 3

Wenn ich den Beitrag richtig verstanden habe, geht es nur um ausländische Azubis, die nach der Ausbildung wieder in ihr Land zurück müssen. Es ist also keine Bereicherung für den deutschen Arbeitsmarkt. Das ergibt sich auch aus der Positivliste der Arbeitsmarktzulassungen der Arbeitsagentur. Dort sind keine Berufe aus der Gastronomie eingetragen!

31.07.2019 16:40 Fragender Rentner 2

Wie sagten sie heute Mittag bei ZDF/ARD oder bei n-tv, es wurde Jahrelang nur Wert auf Abi und Studium gelegt nur eben nicht mehr auf solche und änhliche Berufe.

Das schein sich nun zu rächen.

31.07.2019 15:11 Sonja 1

bei Pfleger geht man mit Menschen um nicht mit Maschinen oder mit dem Kochlöffel das ist der unterschied dabei,man braucht eine sehr gute Ausbildung dazu und das ist nicht in 1/2 Jahr zu machen, wer schwer krank ist und ein Bettpflegefall ist !