Pflegebedürftige Menschen Der Corona-Alltag der Berufsbetreuer

Sie sind dement, haben psychische Probleme oder schaffen es nicht, sich allein zu versorgen: Menschen, die einen Betreuer brauchen. Davon gibt es etwa 1,3 Millionen in Deutschland und die Corona-Krise hat auch auf sie starke Auswirkungen.

Betreuer 6 min
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Exakt Mi 13.05.2020 20:15Uhr 06:27 min

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"Unsere Klienten haben keine Angehörigen", sagt Siegmar Mücke. Er ist Berufsbetreuer und muss sich in der Corona-Pandemie verstärkt um seine Klienten kümmern. An diesem Tag besucht er zuerst die 78-jährige Karin. Sie ist dement. Bis vor drei Jahren hat sie noch als Hausärztin gearbeitet. Eine Betreuung per Telefon oder Videochat würde hier nicht funktionieren.

Seit einem Monat kümmert Siegmar Mücke sichum ihre Finanzen und versucht der Rentnerin auch immer wieder zu erklären, was aktuell durch das ansteckende Coronavirus zu beachten ist. Für die demente Seniorin ist das alles nur sehr schwer zu verstehen. Sie kann kaum ihren Alltag allein bewältigen.

Vergabe von Pflegegrad derzeit per Telefon

"Ich würde ihnen gern noch ihr Taschengeld geben", sagt Siegmar Mücke. Karin kann nicht mehr allein einkaufen und mit Geld umgehen. Deshalb hat ihr Betreuer erstmal einen Pflegedienst engagiert. Doch um diesen bezahlen zu können, braucht die Frau einen Pflegegrad. Den vergibt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) normalerweise nach einer persönlichen Begutachtung. Doch derzeit ist auch das anders.

"Hatten Sie am Mittwoch einen Anruf vom MDK?", fragt Siegmar Mücke. "Ja, aber das mache ich nicht mit – wegen meinem Bein", antwortet die Seniorin. Auch dies erschwert die Arbeit des Betreuers: "Unsere Klienten überschätzen sich teilweise." Wenn die Betreuer nicht dabei sein könnten, um zu intervenieren, sei das gefährlich.

Der Gutachter bekommt ein falsches Bild, und dann wird ein Pflegegrad abgelehnt.

Siegmar Mücke Berufsbetreuer

MDK: Begutachtung so schwer durchzuführen

Die Begutachtung aus der Ferne ist beim MDK derzeit bundesweit die Regel. Beim MDK Sachsen hat man die Nachteile der derzeitigen Lösung erkannt. "Es ist ganz schwierig so eine Begutachtung durchzuführen", sagt Ulf Sengebusch vom MDK Sachsen. Es würden pflegende Angehörige oder der Pflegedienst dazu benötigt.

Ich gebe zu, da gibt es Pannen.

Ulf Sengebusch MDK Sachsen

Für Betreuer Siegmar Mücke bedeutet die momentane Lage auch mehr Büroarbeit als sonst. Nicht nur dem MDK, sondern auch Gerichten, Ärzten und sozialen Einrichtungen muss er hinterher telefonieren. Und das für 65 Klienten mit meist psychischen oder geistigen Einschränkungen. Die ruft er während der Kontaktbeschränkungen auch häufiger an. Denn manche sind kaum in der Lage, sich um ihre eigenen Grundbedürfnisse zu kümmern.

Neuer Pflegedienst nur schwer zu finden

Deshalb schaut Siegmar Mücke an diesem Tag auch noch bei einem anderen Klienten vorbei. Der Mann hat psychische Probleme, war tagelang nicht zu erreichen. Hans-Dieter fehlt der Antrieb und sein Betreuer will ihn nun aktivieren.

Vor vier Wochen ist der 61-jährige Risikopatient mit der Hilfe von Siegmar Mücke  in eine neue Wohnung gezogen. "Waren sie mal baden?", fragt der Betreuer. Hans-Dieter war es noch nicht. Ebenso ist vieles in den neuen vier Wänden noch nicht aufgebaut. Hans-Dieter droht durch seine psychischen Probleme wieder zu verwahrlosen. "Morgens geht es mir am schlimmsten", sagt er.

Der Mann braucht Hilfe, am besten auch durch einen Pflegedienst. Doch derzeit einen zu finden, der einen neuen Fall annimmt – schwer.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 13. Mai 2020 | 20:15 Uhr