Kontaktsperre "Fenstern" gegen Einsamkeit im Pflegeheim

Viele Pflegeheime sind abgeriegelt: Sowohl die Pflegekräfte als auch die Bewohner haben Angst vor einer folgenschweren Covid-19-Erkrankung. Für die Bewohner und deren Angehörige ist das nicht leicht - doch in Thüringen gibt es eine Idee gegen die Einsamkeit.

Nach drei Wochen sehen sie ihren Vater das erste Mal wieder. Der wird in diesem Jahr 90. Sonst kommen Brigitte Jungkurth und Udo Margraf mehrmals pro Woche zu Besuch. Doch seit Anfang März ist alles anders – damit die Bewohner des PflegeCentrums Sonnenschein vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus geschützt werden, dürfen Besucher nicht mehr hinein.

Kontaktsperre schwer auszuhalten

Ein älterer Mann mit Basecap sitzt in einem Stuhl im Pflegeheim.
Der Vater von Udo Markgraf und Brigitte Jungkurth war vom Besuch sehr gerührt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Für mich ist es nicht einfach, weil ich immer ein Papakind war", sagt Tochter Brigitte Jungkurth. Sie hofft, dass es bald vorbei sei und alle gesund bleiben. Sie und ihr Bruder haben Verständnis für die Maßnahmen. Doch das Aushalten fällt vor allem den Bewohnern schwer.

Nun bietet das Heim im thüringischen Gerstungen Fensterbesuche an – Angehörige dürfen sich durchs Fenster mit ihren Lieben unterhalten. Zusätzlich trennt ein Tisch auf beiden Seiten die Parteien voneinander. So wird der Mindestabstand von zwei Metern eingehalten. Außerdem dürfen die Angehörigen nur zu zweit kommen, die angemeldeten Besuche maximal eine halbe Stunde dauern.

Den Vater von Udo Markgraf hat der Besuch seiner Kinder tief berührt, zu Tränen gerührt, antwortet er nur knapp auf die Frage, ob er sich gefreut habe: "Ja."

Persönlicher Kontakt zu Angehörigen

Zwei Frauen stehen vor einem Fenster.
Sicherheitsabstand: Ein Tisch auf beiden Seiten trennt die Besucher und Besuchten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach jeder Sitzung werden Tisch und Stühle desinfiziert. "Wir haben die ganze Zeit überlegt, wie können wir einen persönlichen Kontakt zu den Angehörigen herstellen. Smartphone hat nicht jeder Angehörige", sagt Leiterin des PflegeCentrums, Margit Benkenstein. Dann kam die Idee: "Und das nennen wir jetzt auch 'fenstern'." Es werde gut angenommen.

Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen ist die Furcht vor einer Infektion mit  Covid-19 im Heim groß – bei den Bewohnern und Pflegekräften. "Es hätte ja schon große Konsequenzen, wenn hier ein Fall auftritt", sagt Pflegefachkraft Kim-Jasmin Sandrock. Sie schränke sich auch privat stark ein. "Damit wir diesen Schutz auch gewährleisten können."

Das Heim ist gesperrt, außer für Personal und unbedingt nötige Versorgung wie etwa durch Ärzte. Komplett ausschließen lasse sich eine Infektion dennoch nie. "Dafür haben wir uns im Team vorbereitet, wir haben Pandemieplan und Krisenstab", erklärt Leiterin Benkenstein. Es könnten auch zwei Bereiche als Isolierstationen freigeräumt werden.

Infektionen mit Corona in immer mehr Pflegeheimen

Eine Frau und ein Mann schauen durch ein Fenster herrein, im Hintergrund eine Wiese.
Brigitte Jungkurth und Udo Margraf besuchen ihren Vater am Pflegeheim. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Sorge ist berechtigt. In immer mehr Pflegeheimen kommt es zu Infektionen durch das Corona-Virus. Deutschlandweit ist es inzwischen in über 300 Heimen aufgetreten, bislang sind dadurch mindestens 226 Covid-19-Infizierte gestorben, wie FAKT-Recherchen ergeben haben.

Angesichts dieser katastrophalen Situation fühlt sich die Heimleiterin durch die Politik nicht ausreichend unterstützt. Margit Benkenstein ist auch Vizepräsidentin des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste: "Die dringendsten Forderungen sind, erstens Schutzausrüstung und Tests von neuen Bewohnern, die wir aufnehmen, dass die neuen Bewohner getestet werden und unsere Mitarbeiter, wenn sie Anzeichen einer Erkältung zeigen."

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 07. April 2020 | 21:45 Uhr