Streit mit Ämtern Wenn Pflegekinder plötzlich Schulden haben

Menschen, die sich entscheiden, Pflegekinder aufzuziehen, gibt es immer weniger. Diese Kinder brauchen besonders viel Zuneigung. Und die Pflegeeltern brauchen starke Nerven - weil sie immer wieder mit den Ämtern ums Geld streiten.

Karla Jeschke behält immer die Nerven. Seit über 20 Jahren erzieht die Bautznerin Pflegekinder. Derzeit lebt die siebenjährige Leonie bei ihr. Vorher sind Felix und Franziska bei Karla Jeschke aufgewachsen. Franziska ist schon ausgezogen und mittlerweile selbst Mutter. Felix wohnt noch am Wochenende zu Hause und ist bald mit seiner Ausbildung fertig. Die Pflegemutter ist stolz, dass sich ihre nun 20-jährigen Schützlinge gut entwickelt haben und auf dem besten Weg in die berufliche Selbständigkeit sind. 

Aber nun sollen Felix und seine Schwester mehrere Tausend Euro Schulden beim Jugendamt haben. Sie müssen das Taschengeld von etwa 100 Euro monatlich, das sie für ihre geförderte Ausbildung bekommen haben, zurückzahlen. Über 5.000 Euro fordert das Jugendamt insgesamt von Felix und Franziska zurück.

Kein Taschengeld mehr – dazu Zwangsvollstreckung

Warum? Das ist ein komplizierter Sachverhalt. Versuch einer Erklärung: Für den Unterhalt der Pflegekinder überweist das Jugendamt monatlich rund 680 Euro an die Pflegefamilie. Die Arbeitsagentur zahlt im Rahmen der geförderten Ausbildung ein Taschengeld von etwa 100 Euro direkt an Felix und seine Schwester.

Das Jugendamt wertet das als Doppelleistung - quasi gab es zweimal Mittel aus öffentlichen Kassen für die Sicherung des Lebensunterhalts. Deshalb rechnen Arbeitsagentur und Jugendamt ihre Ausgaben gegeneinander auf. Dass ihren beiden Schützlingen nicht mal ein Taschengeld zustehen soll, findet Karla Jeschke ungerecht.

Pflegemutter Karla Jeschke
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Meine Pflegekinder haben keine Oma, Opa oder sonstige Verwandte, die etwas schenken. Es gibt nur das Geld von uns und vom Jugendamt. Mehr ist nicht.

Karla Jeschke, Pflegemutter

Karla Jeschke ist regelmäßig beim Jugendamt. Sie hatte dort auch die Ausbildungsverträge ihrer Pflegekinder eingereicht - und ausdrücklich auf das Taschengeld hingewiesen. Zwei Jahre lang war von einer Verrechnung keine Rede. Warum? - Dazu bekommt MDR-exakt kein Interview. Nur die dürre Auskunft: "Bei erhöhtem Arbeitsaufkommen oder Personalwechsel kann sich die Prüfung und Festsetzung des Kostenbeitrags dementsprechend verzögern." Durch das Versäumnis der Verwaltung konnte sich über die Jahre ein Schuldenberg anhäufen, der Felix nun belastet.

Pflegekinder in Ausbildung müssen Einkünfte abtreten

Einkünfte der Pflegekinder vom Jugendamt und der Arbeitsagentur
Die Pflegekinder Franziska und Felix müssen ihr Taschengeld von der Arbeitsagentur ans Jugendamt abtreten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bundesweit gibt es mehrere Tausend Pflegekinder im Ausbildungsalter. Sie sind generell schlechter gestellt als Gleichaltrige, denn sie müssen alle Einkünfte ans Jugendamt abtreten: Bafög, Lehrgeld, Einkünfte im Freiwilligendienst - und eben auch das Taschengeld.

Karla Jeschke hat für ihren Pflegesohn Felix vor dem Verwaltungsgericht in Dresden einen Vergleich erstritten. Von ursprünglich 2.000 Euro muss er nun nur 1.200 Euro zurückzahlen. Ein wirklicher Erfolg ist das aber nicht. Im Vergleich mit seiner Zwillingsschwester Franziska aber immerhin etwas.

Für Franziska kann Karla Jeschke nichts tun. Denn seit diese ihre geförderte Ausbildung in Schleswig-Holstein angetreten hatte, durfte Karla Jeschke nicht mehr ihre gesetzliche Betreuerin sein. Die junge Frau muss sich ganz allein um ihre Angelegenheiten kümmern. Demnächst kann Franziska hoffentlich ihren ersten Job auf einem Pferdehof antreten. Mit dem ersten Lohn müsste sie anfangen, Schulden zu tilgen. 3.000  Euro – die junge Frau ist sich sicher - das schafft sie nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 30. Mai 2018 | 20:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 09:30 Uhr

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