Einweggeschirr
Bildrechte: imago/Jochen Tack

Themenschwerpunkt In der Plastik-Falle?

Einst stand Plastik für ein neues Zeitalter, ein neues Lebensgefühl. Die verschiedenen Kunststoffe schienen natürlichen Materialien überlegen zu sein. Inzwschen zeigt sich die Kehrseite: Plastik belastet die Natur und hat uns in einer Wegwerf-Kultur geführt. Lässt sich daran noch etwas ändern?

von Friedemann Zweynert

Einweggeschirr
Bildrechte: imago/Jochen Tack

Als der Benediktinerpater Wolfgang Seidel um 1530 aus Magerkäse Kasein gewonnen hatte, schwärmte er in seinen Notizen, der neue Stoff sei "hart wie Knochen und wunderbar durchscheinend". Das auch als Kunsthorn bezeichnete Material gilt allgemein als erster Kunststoff. Es dauerte zwar noch fast 400 Jahre, bis die ersten synthetischen Kunststoffe entstanden, aber der Enthusiasmus blieb. Die neuen Materialien waren robust, vielseitig einsetzbar und ermöglichten eine schnellere und leichtere Produktion. "Plastik ist die Zukunft", war man sich sicher.

Plastik wird zum Lebensstil

Ein altes schwarzes Telefon mit Wahlscheibe.
Ein Telefon aus Bakelit, dem ersten industriell hergestellten Kunststoff. Bildrechte: Colourbox.de

Diese Zukunft ist nun unsere Gegenwart und sie gehört tatsächlich den Kunststoffen – inzwischen oft mehr als uns lieb ist. Innerhalb weniger Jahrzehnte sind Autos, Möbel, Geräte oder Textilien ohne  Polyamid, Polyacryl, Polyethylen, Polyurethan, Polystyrol, Polyester oder Polyvinylchlorid kaum noch vorstellbar. Deren unterschiedliche Eigenschaften ermöglichen Lösungen, die sich mit natürlichen Materialien nicht oder nur schwer umsetzen lassen. Kein Wunder also, dass die vielseitigen, preiswerten und schnell einsetzbaren Kunststoffe die Menschen ins Schwärmen gebracht und ihren Lebensstil, ja ihre ganze Kultur, stark verändert haben.

Doch inzwischen zeigt sich die Kehrseite.

Zum einen wissen wir, dass das Vorkommen von Erdöl, aus dem die meisten Kunststoffe hergestellt werden, begrenzt ist. Wann uns das Öl ausgehen und welche Folgen das haben wird, ist unklar.

Zerfall in Kleinstteile

Plastikmüll am Strand von Castel Volturno (Italien)
Plastikmüll am Strand von Castel Volturno (Italien). Bildrechte: IMAGO

Akuter ist vorerst die Frage, was mit Kunststoffen passiert, die nicht mehr gebraucht werden. Während sich die meisten natürlichen Materialien in der Regel biologisch zersetzen, tun uns viele Kunststoffe diesen Gefallen nicht. Eine Wegwerfwindel braucht etwa 450 Jahre bis sie sich zersetzt hat. Ein chemischer Umbau wie er bei natürlichen Zerfallsprozessen stattfindet, findet dabei in vielen Fällen nicht statt.. Vielmehr zersetzt sich ein großer Teil des Kunststoffs  mit der Zeit in winzig kleine Partikel, die früher oder später von Fischen und anderen Lebewesen aufgenommen werden und schließlich auch in unsere Nahrungskette gelangen. Solche Mikroplastik ist auch in Shampoos und anderen Kosmetikprodukten enthalten. Auch durch den Abrieb von Autoreifen werden mikroskopisch feine Partikeln freigesetzt.

Riskante Zutaten

Verpacktes Obst und Gemüse
Bio + Plastik = eine gute Kombination? Bildrechte: imago/Jochen Tack

Dies sind nicht die einzigen Bedenken gegenüber den Bestandteilen von Plastikflaschen und -verpackungen. Vor allem Weichmacher stehen in Verdacht den menschlichen Hormonhaushalt beeinflussen zu können und sich negativ auf den Stoffwechsel auszuwirken. Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie warnen in einer aktuellen Studie vor bestimmten Chemikalien aus Verpackungen. Sie sehen einen Zusammenhang zwischen plastikverpackten Lebensmitteln und Diabetes, Osteoporose und Adipositas. Sind Kunststoffverpackungen also nur augenscheinlich sauber, bergen aber ein unsichtbares Risiko in sich?

Die Welt hat ein Plastikproblem

Das Schwärmen über Kunststoff ist längst verstummt.  Seit auch noch bekannt ist, dass auf den Ozeanen Unmengen an Plastikabfällen treiben, die sich in mindestens fünf großen Müllstrudeln von gigantischem Ausmaß sammeln, wissen wir: Die Welt hat ein Plastikproblem. Zwar stammt der Müll in den Meeren überwiegend aus dem Jangtse-Fluss und anderen Strömen Asiens sowie aus dem Nil und dem Niger in Afrika, trotzdem ist Europa keineswegs fein raus. Im Gegenteil: Die westliche Welt erzeugt weit mehr Plastikabfälle als Asien oder Afrika – und sie hat damit ein Problem. Vor allem Deutschland.

Deutschland im Verpackungswahn

Die Deutschen sind nämlich Europameister – im Wegwerfen von Verpackungen, die einen großen Teil des Plastikmülls ausmachen. Innerhalb der  EU belegen wir den ersten Platz und lassen allen anderen weit hinter uns. Und wir steigern diese Leistung noch: Jahr für Jahr entsorgen wir mehr Kunststoffverpackungen, wie die aktuellen Zahlen des Umweltbundesamts für das Jahr 2016 zeigen. Waren es 2010 noch gut 16 Millionen Tonnen, landeten 2016 schon deutlich mehr als 18 Millionen Tonnen Verpackungen im Müll. Pro Kopf ist der jährliche Verbrauch in diesem Zeitraum von 195,7 Kilogramm auf 220,5 Kilogramm gestiegen.

Die meisten Verpackungen bestehen aus Papier, dahinter kommen Glas und Kunststoff. 2016 haben sich Kunststoffverpackungen erstmals am Glas vorbei auf Platz zwei gedrängelt. Fast 3,1 Millionen Tonnen Verpackungen aus Kunststoffen wurden 2016 weggeworfen. Obwohl so eine Verpackung kaum etwas zu wiegen scheint und der gelbe Sack beim Runterbringen so schön leicht ist, erzeugte jeder Einzelne im Durchschnitt die beachtliche Menge von 37,6 Kilogramm. Die steigenden Zahlen sind beispielhaft für eine Kultur des Wegwerfens – eine weitere Kehrseite des Plastik-Zeitalters.

Benutzt und weggeworfen

Plastiktrinkhalme
Milliarden Trinkhalme aus Kunststoff landen jährlich im Abfall. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Die Hemmschwelle beim Wegwerfen ist in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken. Oft reichen kleine Schäden oder selbst Nichtgefallen, um Dinge im Abfall verschwinden zu lassen. Hinzu kommt, dass Geräte, Möbel und andere Produkte meist nicht mehr für die Ewigkeit gebaut sind und sich nicht mehr so einfach reparieren lassen. Ganz zu schweigen von den vielen Einwegprodukten: Auch wenn ein Plastiktrinkhalm oder ein Eislöffelchen nicht ins Gewicht zu fallen scheinen, werden jährlich Milliarden von ihnen nach Gebrauch weggeworfen und geben ihnen eine verheerende Ökobilanz. Dies will die Politik nun mit Verboten einschränken. Währenddessen suchen Wissenschaft, Wirtschaft und private Initiativen nach abbaubaren oder wiederverwendbaren Lösungen.

Die Ohnmacht überwinden

Aber inzwischen werden sich immer mehr Menschen dieses Problems bewusst und überlegen, was sie tun können. Schnell stellt sich die Frage, ob eine einzelne Person überhaupt etwas ändern kann. In dieser Frage schwingt schon die Ohnmacht mit, die viele spüren, wenn sie sich ein Leben ohne Plastik vorstellen. Aber es kommt nicht darauf an, sofort plastikfrei zu leben, sondern das Ohnmachtsgefühl abzustreifen und überhaupt erst einmal einen Anfang zu machen, zum Beispiel, im Alltag bewusster mit Kunststoff umgehen, zwischen Nötigem und Unnötigem zu unterscheiden und auf Letzteres zu verzichten oder nach Alternativen zu suchen.

Über dieses Thema berichten folgende Sendungen MDR FERNSEHEN: Umschau | 09.10.2018 | 20:15 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Juni 2019 | 04:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2018, 10:57 Uhr

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