Mittelalterliche Judensau, ein Schmäh- und Spottbild an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Das Schmährelief "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche. Bildrechte: IMAGO

Wittenberger Stadtkirche Urteil zum "Judensau"-Relief erwartet

An der Wittenberger Stadtkirche gibt es seit dem frühen Mittelalter ein Schmährelief, die sogenannte "Judensau". Die Plastik ist umstritten. Nun soll ein Gericht entscheiden, ob sie entfernt werden muss.

von André Damm, MDR AKTUELL

Mittelalterliche Judensau, ein Schmäh- und Spottbild an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Das Schmährelief "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche. Bildrechte: IMAGO

Das Landgericht Dessau-Roßlau will am Freitag sein Urteil im Prozess um die sogenannte Judensau-Plastik an der Wittenberger Stadtkirche verkünden. Das Relief aus dem frühen Mittelalter zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Der Jude Michael Düllmann fühlt sich dadurch beleidigt und zog vor Gericht.

Düllmann will erreichen, dass die 700 Jahre alte Schmähplastik von der Wittenberger Stadtkirche entfernt wird. Er sagt, Juden würden durch das Relief verhöhnt, beleidigt und erniedrigt. Es sei ohnehin eine Schande, dass er als Jude einen Prozess anstrengen müsse, damit die "Judensau" verschwindet. Aus Sicht von Düllmann hätte die Stadtkirchengemeinde selbst dafür sorgen müssen.

Der Antisemitismus hat sich jahrhundertelang eingenistet in Wittenberg bis heute. Die Judensau, die dort weiterhin hängt, ist ein Beweis dafür.

Kläger Michael Düllmann

Düllmann zufolge hat sich die Gesellschaft in Wittenberg völlig unzureichend mit dem Antisemitismus befasst.

Kirchengemeinde: Geschichte nicht verstecken

Die Stadtpolitik hat das heikle Thema allerdings nicht außen vor gelassen. Es gab eine Beratung im Stadtrat, dem folgte ein klares Votum, dass das Relief an der Wittenberger Stadtkirche erhalten bleiben soll. Alles andere wäre eine nachträgliche Verklärung der Geschichte, befanden die Stadträte.

Ähnlich deutlich hat sich die Wittenberger Stadtkirchengemeinde positioniert. Die Schmähplastik sei ein Zeitzeugnis, mit dem man umgehen müsse, sagt Pfarrer Johannes Block und verweist auf erklärende Texttafeln. Er verstehe aber, dass das Bild an der Fassade des Gotteshauses vor allem Menschen jüdischen Glaubens befremde.

Block betonte, man könne die Emotionen verstehen. Auch die Kirchengemeinde lasse "diese Schmähplastik nicht kalt". Deshalb versuche man seit Jahren, das Thema aufzuarbeiten. Man wolle die Geschichte nicht verstecken, sondern sie zeigen und mit ihr lernen.

Spottbild auch am Erfurter Dom

Stadtansicht von Erfurt mit Dom St. Marien und St. Severi
Am Erfurter Dom gibt es eine ähnliche Plastik. Bildrechte: imago/Karina Hessland

Diese Erklärung reicht den Gegnern des umstrittenen Reliefs nicht aus. Denn derartige Spottbilder sind deutschlandweit noch an etwa 30 Gebäuden und Kirchen angebracht, dazu gehören der Regensburger Dom, der Erfurter Dom und der Kölner Dom.

Evangelische Marienschwestern aus Hessen, aber auch der Leipziger Pfarrer Thomas Piehler haben bisher zahlreiche Protestaktionen gestartet. Piehler betonte, es sei für ihn ein Herzensanliegen, dass die "Judensau" von der Kirche abgemacht werde. Leider habe man das mit Mahnwachen nicht erreicht. Er sei deshalb dankbar, dass nun ein Gericht darüber entscheide.

Gericht ließ keine Tendenz erkennen

Im bisherigen Verhandlungsverlauf war keine Tendenz erkennbar, wie die Richter am Landgericht in Dessau entscheiden werden. Sollte die Klage zurückgewiesen werden, will Michael Düllmann die nächste Instanz anrufen und notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof gehen. Möglich ist aber auch, dass das Landgericht den heiklen Fall an das Verwaltungsgericht übergibt. Dann würde das Verfahren von vorn beginnen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Mai 2019 | 06:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 09:40 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

25 Kommentare

25.05.2019 16:06 Christine 25

Diese 700 Jahre alte Schmähplastik finde ich insgesamt alles andere als ansprechend. Allein schon von der Bezeichnung her kann ich verstehen, wenn sich Mitbürger jüdischen Glaubens damit nicht gut fühlen. Ich fände gut, wenn diese Plastik entfernt, an einem anderen Ort wegen des Alters etc. aufbewahrt und statt dessen eine andere erklärende Inschrift angebracht und damit auch Bedauern und Wertschätzung ausdrückt werden würde. In meiner Stadt erinnern immer wieder die "Stolpersteine" an die Deportationen und Schicksale von Menschen jüdischen Glaubens während der verbrecherischen NS-Zeit.

25.05.2019 15:46 Fragender Rentner 24

Wie es aussieht wird so manches was über Jahrhunderte einen Namen auch bei Festen und Süßigkeiten hatte umgekrempelt.

Wird es da bald dafür andere Namen geben?

Wäre bestimmt mal ein Ansatz für eine Gleichstellung.

24.05.2019 16:10 Klarheit 23

@14:52 Wessi 22,

...achhh "Wessi" ,
---"...Mich als Betroffenen stört dieses Machwerk da herzlich wenig, obschon man mich ..."---,

kommen Sie doch nicht immer mit ihrer VerfolgtenNummer und den bösen Oma & Opas , ich habe in meiner Kindheit viel Kontakt zu wirklich Verfolgten gehabt , da im Ort ein VdN-Heim mit ihren Storys beleidigen Sie das Andenken dieser Menschen !

und ja dieses Relief gehört zu unserer dt. Geschichte , wie vieles andere auch - schleifen wir weil irgendwelchen Verwirrten etwas nicht gefällt auch alles andere ? NEIN , und das ist auch gut so !

24.05.2019 14:52 Wessi 22

@ 18 Das von Ihnen? Ziemlich dumm-dreist, fordern doch gewisse Leute Ihrer Couleur eine 180° Grad-Wende der Erinnerungskultur, wollen nicht einmal verantwortlich sein für die Untaten der Omas+Opa...es gäbe viel aufzuzählen.Mich als Betroffenen stört dieses Machwerk da herzlich wenig, obschon man mich von rechtsaussen so beschimpfte, mich "ko..zt" aber die widerliche Doppelmoral der Rassisten sowas von an. Ausserdem darf man vermuten, daß Sie Judenverfolgung+Rassismus als Teil der dt. Kultur sehen.Sie machen das Land schlecht...unpatriotisch wie Nationalisten eben sind, wenn es um das "ichich" Gebrüll geht.PFUI.@ 8 Der "Antifaschismus" der DDR hat sich zu 90% auf Kommunistenverfolgung beschränkt.So ein Relief war denen ziemlich wurscht.@ 6 "schön"? Das kann jeder selbst entscheiden.(obwohl ich "verbal correctness" als albern empfinde, so sie nicht beleidigend verwandt wird)

24.05.2019 13:53 Jimmy 21

All diese irrwitzigen Gedankengänge und Handlungen der letzten Jahre legen erst den Nährboden für die derzeitigen gesellschaftlichen Risse und Anfeindungen und ja auch für neuen Hass. Doch der Hass richtet sich in unterschiedlichen Formen auf das Politikerpersonal, die sich an der Geschichte vergreifen. Das Relief ist hunderte Jahre alt und spiegel nun mal gelebte Geschichte wieder.

24.05.2019 13:17 Sachse43 20

Geht Herr Düllmann keiner geregelten Arbeit nach, daß er solchen Unsinn lostritt?
Mein Leben wäre für solche Albernheiten zu kostbar.

24.05.2019 13:04 linker Durchblicker 19

@15 (Blumenfreund)
"Wie kommt das wohl, das die Juden damals so einen schlechten Ruf hatten ??"
So etwas lernt man eigentlich in der Schule, aber ich will Ihnen gerne helfen, lieber Blumenfreund! Von konkreten historischen Umständen einmal abgesehen (ungordnete, unvollständige Liste von Stichworte "kanonisches Zinsverbot", "Zunftzwang", "Zunftunwürdigkeit", "Gottesmörder", "Geldverleih"...) waren es Eigenschaften wie Unbildung, Armut, Missgunst, Aberglauben, diffuser Hass, Angst vor dem Anderen etc., die diesen Hass in einigen wachsen ließen.
Gibt's übrigens auch heute noch...

24.05.2019 12:52 Klarheit 18

@10:58 MarcIlm 8,

----- Wer keine Geschichte hat wird keine Zukunft haben ---,

so ist es !

24.05.2019 12:46 Alhanar 17

@1&3 u.a.
Dass eine "Judensau" für Sie und Ihresgleichen zu unserer Kultur, Geschichte, Identität gehört und sich daher jegliche Korrektur an der Wittenberger Stadtkirche verbietet, überrascht nicht, es zeigt vielmehr mal wieder die ganze Erbärmlichkeit des rechten Geschichtsbegriffs, die Kulturferne, die Unbildung und die totale Verantwortungslosigkeit dieser Herrschaften.
Die "Judensau" ist Ausdruck eines Antijudaismus, der sicherlich historisch erklärt und eingeordnet werden kann, dessen Darstellung aber ganz gewiss ebenso in der (deutschen) Öffentlichkeit ein Dreivierteljahrhundert nach der Shoa nichts zu suchen hat.
Und nein - die "Judensau" ist kein unbedingt zu erhaltendes historisches Zeugnis und schon gar kein Kulturgut! Sie ist nichts als Ausdruck von Antijudaismus, Antisemitismus, Rassismus! Sie zu entfernen ist eine Selbstverständlichkeit und keine Bilderstürmerei!

24.05.2019 12:18 Andreas P. 16

"Also dann bin ich auch dafür alle Bismark-Denkmale und die KZ-Gedenkstätten zu entfernen, denn von diesen Teilen unserer Geschichte, fühle ich mich auch in meiner Person angegriffen."
Mensch Leute dies ist Geschichte, wir sollten dazu stehen und aus den Fehlern unserer Vorfahren lernen und dies nicht verdrängen. Wenn man dies entfernt, dann kommen morgen Demagogen und behaupte dies hätte es nie gegeben! Dann dürfte auch niemand Luther verehren, denn auch er hat antisemitische Äußerungen getätigt. Dieses entfernen ist nur eine Verleugnung der Geschichte und keine Aufarbeitung.