Hilferuf von Experten Coronakrise: psychisch kranke Kinder noch mehr in Not

Verschiedene Kliniken und Experten haben "exakt" Hilferufe gesandt. Sie warnen, die Coronakrise habe für eine weitere Verschlechterung der Betreuungssituation von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen gesorgt.

Ein Kind mit Kopfhörern sitzt einsam auf Stufen an der U-Bahn
Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen haben in der Coronakrise auch weniger Hilfsangebote. Bildrechte: dpa

Wie "exakt"-Recherchen belegen, ist die psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in ganz Deutschland extrem eingeschränkt. Im Zuge der Coronakrise betreuen Therapeuten Patienten nun in ihren Praxen oft per Videochat. Viele Kliniken haben Stationen geschlossen – und Patienten nach Hause geschickt. Davon berichtet uns auch Prof. Kai von Klitzing, der Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Leipzig.

"Nur noch Notfallpatienten" am Kinderklinikum Leipzig

Die Psychiatrie-Abteilung der Kinderklinik am Uniklinikum Leipzig musste ihre Tagesklinik schließen und die Hälfte der stationären Patienten entlassen. "Wir haben nur noch Notfallpatienten“, sagt der Mediziner gegenüber "exakt". Die Kinder und Jugendlichen, die noch stationär betreut werden, würden lebensbedrohliche Erkrankungen aufweisen. "Wo man überhaupt nicht lebensfähig ist im normalen Kontext", erklärt der Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Leipzig. Dazu gehöre etwa die Pubertätsmagersucht. Wer kein Notfallpatient ist, muss auf ambulante Angebote zurückgreifen. Doch könne dies das Betreuungsdefizit nicht ausgleichen, so der Mediziner.

Ich denke schon, dass viele Kinder da in der Misere jetzt leben in ihrem Elternhaus und zu wenig Betreuung haben.

Prof. Kai von Klitzing, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Leipzig exakt

Zwangserkrankungen nehmen durch Pandemie zu

Auch Prof. Beate Herpertz-Dahlmann, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Aachen berichtet "exakt" von der Schließung einer Station. Mitarbeiter von dort, die über eine Ausbildung in der Intensivmedizin verfügt hätten, seien auch dorthin abgezogen worden. Die vorhandenen Betten seien aber sehr gefragt, weil manche Privatkliniken ihren Betrieb eingestellt hätten und die Versorgungskliniken deren Aufgaben mit übernehmen müssten.

Hinzu kommt, dass die Pandemie und die Angst vor ihr psychische Krankheiten verschlimmern kann. "Wir merken tatsächlich, dass Zwangserkrankungen im Moment zunehmen", erklärt Prof. Beate Herpertz-Dahlmann gegenüber "exakt". Jüngst habe das Klinikum eine Patientin mit einer schweren Zwangserkrankung aufnehmen müssen, "die aus dem Händewaschen gar nicht mehr herauskommt".

Fehlende Tagesstruktur löst noch mehr Stress aus

Der Besuch von Schulen und Kindergärten gibt psychisch kranken Kindern und Jugendlichen Halt durch eine verlässliche Tagesstruktur. Das ist zu Zeiten der Coronakrise nicht gegeben. Der achtjährige Vincent hat eine schwere ADHS-Erkrankung, muss den ganzen Tag über betreut werden. Ende letzten Jahres wurde er für nicht beschulbar erklärt. Im März sollte er auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Leipzig aufgenommen werden, um danach eine Förderschule besuchen zu können. Wegen der Corona-Pandemie hat die Klinik seine Aufnahme auf unbestimmte Zeit verschoben.  

Der achtjährige Vincent lebt mit seinen Eltern in einer kleinen 3-Raum-Wohnung in Leipzig. Seit der Kontaktsperre sind sie nur selten draußen gewesen. Vater Phillip Rehse fühlt sich allein gelassen. Dass die stationäre Unterbringung verschoben wurde, findet er unhaltbar. "Weil das ist einfach etwas, was notwendig ist, auch wenn momentan Corona herrscht", sagt er.

Experte warnt vor noch längeren Wartezeiten auf Therapieplatz

Die Eltern von Vincent finden derzeit Hilfe für sich und ihren an ADHS erkrankten Sohn in der Hochschulambulanz von Prof. Julian Schmitz. Der Kinder- und Jugendpsychologe hört den Eltern zu, gibt Tipps. Der Psychologe hält die Versorgungslage für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche in der Zukunft für noch mehr gefährdet, als das schon vor der Coronakrise gewesen sei. "Es war vorher schon an seinen Kapazitätsgrenzen", erklärt er. Er befürchtet, dass die Wartezeiten auf Therapieplätze nun noch zunehmen.

Sie hatten vorher schon lange Wartezeiten auf eine stationäre Aufnahme oder auch auf einen ambulanten Versorgungsplatz. Und das wird sich natürlich dramatisch zuspitzen auch nach Abklingen der Krise.

Prof. Julian Schmitz/Kinder- und Jugendpsychologe exakt

Gewalt in der Familie - und keiner sieht hin?

Verheerend für Prof. Kai von Klitzing, dem Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Leipzig, ist auch, dass Mitarbeiter von Behörden nicht mehr eingreifen können wie vor der Coronakrise. Kontaktsperre und Abstandsregel führen auch zwangsläufig zur Distanz mit den Kindern, die eigentlich auf Hilfe angewiesen wären. "Gerade in Familien, wo sexueller Übergriff, Gewalt oder auch Vernachlässigung vorherrschen, sind jetzt praktisch keine Kontrollinstanzen mehr da. Es werden keine Hausbesuche mehr gemacht von den Jugendämtern, die Eltern können gar nicht mehr zu uns kommen in der Not, wenn ein Kind schwierig ist usw. So dass ich denke, dass wir doch einen ganz großen Schaden erleiden werden", erklärt der Mediziner.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 15. April 2020 | 20:15 Uhr