Blumen und Kerzen an der Synagoge in Halle
Blumen und Kerzen an der Synagoge in Halle. Bildrechte: imago images/epd

Psychogramm des Halle-Attentäters Stephan B. hat sich im Internet radikalisiert

Das Entsetzen ist groß nach dem Attentat von Halle. Ein inszeniertes Massaker sollte es werden. Christian Bergmann berichtet für "FAKT" über die Geschehnisse. Wir haben mit ihm über seine Erkenntnisse gesprochen.

Blumen und Kerzen an der Synagoge in Halle
Blumen und Kerzen an der Synagoge in Halle. Bildrechte: imago images/epd

War der Attentäter von Halle ein Einzeltäter?

Christian Bergmann: Der Täter von Halle hat sich sicher, wie andere Täter bereits vor ihm, in gewissen Chatforen und Chatboards im Internet radikalisiert. Er hat dieses Gedankengut langsam aufgebaut in einer Periode der Radikalisierung. Im Zuge dessen kann man durchaus sagen, dass allein an der Hinführung der Tat natürlich ein bestimmtes soziales Milieu, andere Personen beteiligt waren, die diesen Gedankenraum geöffnet haben. Und ihn auch beeinflusst haben, in der Hinsicht, antisemitisches und rassistisches Gedankengut zu entwickeln.

Wissen Sie, was da genau kommuniziert wurde?

Das wird sich jetzt noch genau zeigen. Bei dem Täter in Halle ist aber zumindest klar, in welchen Chaträumen er sich aufgehalten hat. Es ist klar, auf welchem Chatboard er seine Ankündigung und sein Manifest gepostet hat, wo er den Livestreamlink eingestellt hat. Und dieses Board ist relativ klar in der Ausrichtung antisemitisch, rassistisch, frauenverachtend. Das sind die Motive, die dort immer wieder auftauchen. Es ist ein klares Gamerboard, hier wird mit Assoziationen und Begriffen aus der Spielerszene gearbeitet. Diese Art von Board findet man im Netz häufiger, als man denkt und einem lieb ist.

Was stand denn in dem Manifest?

Das Manifest ist ganz anders als zum Beispiel das Manifest von Anders Behring Breivik (2011), der 1.500 Seiten geschrieben hat. Und teilweise da auch sehr lange über seine rechte Einstellung geschrieben hat. Das Manifest hier ist ja eigentlich de facto ein ganz kurzer Abriss, der sich anliest wie eine Spielanleitung für ein Xbox-Spiel, wo bestimmte Spielziele zu erreichen sind. Der Begriff, der häufig jetzt verwendet wird, ist die Gamification - die Spielartung eines Terrors, dass man es wie ein Videospiel begreift und bestimmte Ziele erreichen muss. Das hat der Täter von Halle hier als Täter sehr stark in den Vordergrund gestellt. Aber natürlich aber auch mit einer antisemitischen-rassistischen Gedankengut "geschmückt". Und er hat klar seine Motivationslage darin erklärt.

Die Polizeiarbeit am vergangenen Mittwoch wurde inzwischen minutiös nachvollzogen. Was kam dabei heraus?

Die Polizeiarbeit beim eigentlichen Einsatz, da gab es im Prinzip meines Wissens nur die große Lücke, dass über eine Stunde nicht klar war, wo der flüchtige Täter sich aufhielt. Obwohl sein Wagen beschädigt war, er selber seinen Reifen beschädigt hatte. Das wird momentan sehr stark kritisiert in der Aufarbeitung. Ein weiterer Punkt, glaube ich, der aber bisher untergegangen ist in der medialen Berichterstattung, ist, dass in der Analyse der der Gaming- und Chatboardszene, die sich klar als Attentatsympatisanten äußern, dass wir eigentlich seit über drei Jahren, seit dem Attentat von München, wissen, dass es diese Szene gibt. Dass sich der Attentäter von München auch in solchen Foren radikalisiert hat. Und dass die Ermittlungsbehörden in Bayern da monatelang nicht in diese Richtung ermittelt haben, diese Chaträume nicht aufgeklärt haben. Das halte ich persönlich für ein schweres Manko. Auch in der präventiven Arbeit vor Halle und in der Analyse solcher Chatboards, nach denen ja jetzt groß geschrien wird.

Wie ist denn das Täterprofil von Stephan B.?

Stephan B. ist klar ein isolierter Einzeltäter. Ein typisches Täterprofil, wie viele andere auch, die solche Taten begangen haben. Es kommen da sicherlich Sachen hinzu, wie soziale Isolierung, sexuelle Frustrierung und andere Motivlagen, die da versucht werden, mit einer Ideologie zu überhöhen und als Tötungsanlass zu nehmen. Was in der Diskussion bisschen fehlgeht, ist sicher die Fokussierung, jetzt zu sagen, wir müssen gucken, wer als potentiell rechtsextremer Täter vom Verfassungsschutz bisher im Fokus ist und die näher unter die Lupe zu nehmen.

Weder der Täter von Halle, Stephan B., noch weitere Täter, die nach dem gleichen Muster gehandelt haben, wie der Attentäter von Christchurch, oder das große Vorbild dieser Leute, Anders Behring Breivik aus Norwegen 2011, waren rechtsextreme Täter auf dem Schirm der Verfassungsschutzbehörden. Und dieser Tätertyp ist ein anderer. Den wird man nicht finden, in dem man rechtsextreme Kameradschaften aufklärt. Sondern man muss andere Wege gehen. Nämlich diese Chatboards aufklären, diese dunklen Räume im Internet. Da gibt es bisher noch große Defizite.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 15. Oktober 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2019, 14:24 Uhr