Interview Pia Lamberty "Das Virus ist unsichtbar, der Verschwörer wirkt greifbar"

Verschwörungsmythen geben Struktur und erhöhen das Selbstwertgefühl: Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt die Anziehungskraft und wer dafür besonders anfällig ist – unter anderem Menschen, die sich politisch rechts verordnen.

Pia Lamberty
"Bei den letzten rechtsterroristischen Anschlägen hat sich gezeigt, immer spielten Verschwörungserzählungen eine Rolle", sagt Sozialpsychologie Pia Lamberty. Bildrechte: MDR/ Pia Lamberty

Frage: Wie wirkt sich die momentane Krisensituation auf die Dynamik von Verschwörungserzählungen aus?

Pia Lamberty: "Soziale Krisen waren immer ein Katalysator für Verschwörungserzählungen - auch verschiedene Pandemien wie die Spanische Grippe, Ebola, Zika oder HIV. Insofern macht es Sinn anzunehmen, dass es zu einem Anstieg gekommen ist. Man sieht ja auch, dass diverse Telegram-Gruppen aus diesen Spektren enormen Zulauf bekommen haben."

Welche Auswirkungen hat das bei vergangenen Krisen gehabt?

"Im Kontext von HIV weiß man, dass, wer glaubt, dass es sich bei HIV um eine Verschwörung handelt, weniger Präventionsmaßnahmen betreibt. Aber auch wenn eine Erkrankungen da ist, geht derjenige wahrscheinlich eher nicht zum Arzt. Da sieht man, dass diese Verschwörungserzählungen das Gesundheitsverhalten auf jeden Fall beeinflussen können."

Warum glauben Menschen an Verschwörungen?

"Prinzipiell ist es so, dass der Glaube an eine Verschwörung eine Art und Weise sein kann, mit Machtlosigkeit umzugehen. Wenn ich denke zu wissen, dass es da den bösen Verschwörer gibt, der die Weltgeschicke lenkt, gibt das eine Struktur. Ich glaube zu wissen, gegen wen ich kämpfen muss. Das Virus ist unsichtbar, der Verschwörer scheint irgendwie greifbar zu sein."

Welche Menschen sind besonders anfällig für Verschwörungserzählungen?

"Es spielt eine Rolle, wie sehr man sich von der Gesellschaft abgehängt fühlt. Man sieht beispielsweise, dass Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen eher an Verschwörungen glauben. Oder Menschen mit einer niedrigeren formalen Bildung. Aber nicht, weil sie weniger intelligent wären, sondern eben, weil sie das Gefühl haben, dass sie an dieser Gesellschaft weniger teilhaben. Das heißt, diese situativen Faktoren spielen hier eine starke Rolle.

Daneben gibt es aber auch verschiedene andere Faktoren wie eben den Wunsch, sich zu überhöhen durch die Verschwörungserzählung. Man ist selber, die Person, die die Wahrheit sieht. Die anderen rennen angeblich  nur blind den Institutionen hinterher. Damit kann man das eigene Selbstwertgefühl auch noch mal puschen."

Gibt es ein politisches Milieu, in dem Verschwörungsideologien besonders verbreitet sind?

"Prinzipiell kann man weltweit sagen, dass Menschen, die sich eher politisch rechts verorten, auch eher an Verschwörungserzählungen glauben."

Wann wird der Glaube an Verschwörungserzählungen zu einem Problem?

"Verschwörungserzählungen immunisieren gegenüber Kritik. Alle, die eine andere Meinung haben, sind entweder die naiven Schlafschafe oder eben Teil der Verschwörung. Zudem sprechen wir von einem Phänomen, was weit in der Gesellschaft verbreitet ist. Es geht mit Menschenfeindlichkeit und Demokratiemisstrauen eher. Das hat langfristig auch das Potenzial, Menschen zu radikalisieren. Und im letzten Schritt - und das hat man immer wieder gesehen – können Verschwörungserzählungen natürlich auch Gewalt legitimieren."

Können Sie ein Beispiel nennen?

"Das hat sich etwa bei den letzten rechtsterroristischen Anschlägen immer wieder gezeigt. Ob Halle oder Christchurch, immer spielten Verschwörungserzählungen eine Rolle."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Mai 2020 | 20:15 Uhr