Gesundheitssystem Psychotherapeuten: Auszubildende werden wie Praktikanten behandelt

Psychotherapeuten werden dringend gebraucht. Dabei müssen die Universitätsabsolventen eine teure Weiterbildung privat finanzieren und werden im praktischen Teil oft wie Praktikanten bezahlt, obwohl sie bereits Patienten betreuen. Jens Spahn will die Ausbildung nun reformieren. Doch die Pläne des Gesundheitsministers stoßen auf Kritik.

Depressionen, Burn-out oder Angststörungen – psychische Krankheiten sind mittlerweile der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen. Psychotherapeuten werden also dringend gebraucht. Doch die Ausbildung kann regulär bis zu zehn Jahren dauern. Ein essenzieller Teil davon ist die praktische Tätigkeit. Dabei betreuen die angehenden Psychotherapeuten bereits Patienten, während die Vergütung der Universitätsabsolventen der von Praktikanten ähnelt.

Psychotherapeuten
Die Weiterbildung kostet in der Regel über 20.000 Euro und muss privat finanziert werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Problem: Für angehende Psychotherapeuten folgt auf das Studium eine privat bezahlte theoretische Ausbildung in Ausbildungsinstituten an den Wochenenden. Der praktische Teil: ein Jahr Arbeit in einer klinisch-psychiatrischen Einrichtung – ein weiteres halbes Jahr in einer weiteren Einrichtung. Die Ausbildungskosten belaufen sich nach Auskunft der Bundespsychotherapeutenkammer auf durchschnittlich 25.000 Euro und müssen privat finanziert werden.

Spahn will Studiengang mit direkter Zulassung als Therapeut

Viele Universitätsabsolventen können die Ausbildung nur über Kredite oder einen Nebenjob finanzieren. Die Grünen-Politikerin Maria Klein-Schmeink hat knapp 3700 angehende Therapeuten in Ausbildung befragt, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten: "Und da hat sich sehr, sehr deutlich gezeigt, dass etwa ein Drittel maximal 500 Euro an Aufwandsentschädigung bekommt." Dabei würden diese Vollzeit in den Kliniken arbeiten. "Ein Drittel erhielt gleichzeitig auch keinen wirklichen Vertrag. Auch das ist eine ganz, ganz schwierige Lage."

Die Ausbildung der Psychotherapeuten will Gesundheitsminister Jens Spahn nun reformieren und 2020 einen Studiengang einführen, der direkt zur Zulassung als Psychotherapeut führt. So steht es in einem Entwurf. Die teure privat finanzierte Ausbildung würde wegfallen. Doch dafür ist eine zwölfjährige Übergangsfrist vorgesehen. Für die derzeitigen Studenten bliebe also alles beim Alten. 

Große regionale Unterschiede in der Vergütung

Doch auch die Frage der Finanzierung der Ausbildung bleibt offen. "Die Psychotherapie-Ausbildung hat ja auf der Ebene der Finanzierung gar keine Vorgaben, rechtlich gesehen", sagt Klein-Schmeink. Das bedeutet: Jede Klinik vergütet unterschiedlich – auch in Mitteldeutschland, wie eine anonyme Befragung zeigt.

Am Universitätsklinikum Halle gibt es demnach 2,30 bis 3,27 Euro pro Stunde ähnlich wie in Jena mit 2,33 bis 3,75 Euro. Am Uniklinikum Dresden sind es nach der anonymen Befragung von Psychotherapeuten zwischen 0 und 9 Euro pro Stunde. Das Dresdner Uniklinikum erklärte auf Nachfrage von "exakt", obgleich das Pflichtpraktikum für Psychotherapeuten nicht unter die Regelungen des Mindestlohns falle, komme das Uniklinikum den Vorgaben aufgrund des Haustarifs relativ nahe. So bekämen Psychotherapie-Auszubildenden 8,87 Euro pro Stunde.

Laut der anonymen Umfrage verdienen die Auszubildenden nur im ländlichen Raum, wie zum Beispiel in Görlitz, bis zu 24 Euro pro Stunde.

Psychotherapeuten
Hilke Richter ist Psychotherapeutin in Ausbildung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hilke Richter ist Psychotherapeutin in Ausbildung. Trotz einer 40-Stunden-Woche und einem Masterabschluss in Psychologie bleiben ihr nur 540 Euro zum Leben. Um ihre Miete zahlen zu können, muss sie Wohngeld beantragen. Dabei übernimmt sie während ihres Klinikjahres Therapiesitzungen und hilft Menschen mit seelischen Erkrankungen.

Ohne angehende Psychotherapeuten geht es häufig nicht

Sind angehende Psychotherapeuten also nur billige Arbeitskräfte? MDR-exakt hat beispielhaft das Uniklinikum Halle angefragt. Es weist diesen Vorwurf zurück: "Es handelt sich dabei nicht um ein reguläres Anstellungsverhältnis, [...] weshalb ein Anspruch auf Mindestlohn nicht besteht. Vielmehr handelt es sich um eine praktische Tätigkeit, welche wir im Rahmen eines Praktikums ermöglichen."

Doch Hilke Richter fühlt sich nicht wie eine Praktikantin, sagt sie. Schon heute betreue sie bis zu neun Patienten in Einzelgesprächen. Und das sei nicht alles: "Insgesamt betreue ich fünf Gruppen in der Woche durch Gruppentherapie, dann habe ich nebenbei noch Aufgaben wie Fragebögen auswerten, Berichte schreiben, Aufnahmeinterviews führen." In ihrem ganzen Therapeutenteam seien zwei Drittel Psychotherapeuten in Ausbildung. "Das heißt ohne uns, würde das momentan dort nicht funktionieren."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 24. Juli 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2019, 05:00 Uhr

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4 Kommentare

24.07.2019 12:00 Simone Hübner 4

Liebe Redaktion,

die Kosten für die Ausbildung werden in der Presse häufig mit max. 20.000 Euro beziffert. Dies ist nicht korrekt, denn die Kosten hängen u. a. davon ab, in welchem Verfahren die Ausbildung absolviert wird. Die 20.000 beziehen sich dabei nur auf die Ausbildung in Verhaltenstherapie. Die Ausbildung in Tiefenpsychologisch fundierter und Analytischer PT kostet im Schnitt 50. bis 70.000 Euro. Der Hauptunterschied liegt darin, dass bei den beiden letzten Verfahren die Ausbildung zum einen meistens länger dauert und zum anderen viel mehr "Selbsterfahrung" ("Lehrtherapie") vorgesehen ist. Diese wird von den Ausbildungskanditat*innen über die gesamte Ausbildung hinweg selber finanziert. Es wäre schön, wenn die Kosten in Zukunft ganzheitlich angegeben werden würden. Vielen Dank. S. Hübner

[Vielen Dank für ihre Kritik. Die Zahlen im Artikel kommen direkt von der Bundespsychotherapeutenkammer und sind als Durchschnitt angegeben. Das bedeutet natürlich auch, dass es Ausbildungen gibt, die mehr Kosten und welche, die weniger Kosten.
Viele Grüße die MDR.de-Redaktion]

23.07.2019 15:23 Ex-Anhaltinerin 3

Komisch nur, dass mir die Therapeuten in meiner Reha mitgeteilt haben, die Ökonomie würde keine Rolle spielen, bspw. bei der Möglichkeit, einen sicheren Ort aufsuchen zu können oder einen ruhigen Platz zum Entspannen. Das funktioniere von Umgebung und Geld unabhängig, entscheidend sei, wie man eine Situation bewerte. Aber bei Therapeuten selbst soll das nicht gehen?

23.07.2019 10:29 Simone Hübner 2

[Danke für die Anmerkungen. Externe Links sind laut Netiquette nicht erlaubt. Deshalb wurde dieser Kommentar nachträglich verborgen. Mit freundlichen Grüßen, Ihre MDR.de-Redaktion]

23.07.2019 09:42 Franz 1

Nicht nur Psychotherapeuten werden dringend gebraucht, auch Altenpfleger dachte ich zumindest, weil dies so in den Medien steht. Hier erhielten aber einige, die sich für diesen Beruf entschieden und ihre Ausbildung gerade abgeschlossen hatten nur Anstellungen als Pflegehelfer mit weit geringeren Lohn. Es gäbe keine freien Stellen für Altenpfleger in Leipzig. Warum dann Altenpfleger aus dem Ausland anwerben? Vielleicht braucht man auch keine Psychotherapeuten und alles ist nur dummes Gerede?