Rassismus-Debatte Rassistische Erfahrungen in Mitteldeutschland

Der offenbar rassistisch motivierte Tod des Afroamerikaners George Floyd hat weltweit für Bestürzung gesorgt. "Exakt" hat Menschen nach ihren Alltagserfahrungen mit Rassismus in Mitteldeutschland gefragt.

Demo in Leipzig
Am Sonntag haben auch in Leipzig Tausende Menschen gegen Rassismus demonstriert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Thabet Azzawi (29)

Ich komme aus Syrien und bin hier seit Sommer 2015. Im Oktober habe ich mein Staatsexsamen, mein Medizinstudium, fertig- Langfristig will ich auch in Dresden bleiben. Sowohl als Mediziner als auch als Musiker. Weil ich hier auf der anderen Seite der Straße mal auf arabisch telefoniert habe, ist jemand mit dem Fahrrad vorbeigefahren und versuchte mich anzuspucken. Es ist neben mir gelandet. Dabei hat er geschrieen: "Deutschland den Deutschen. Ausländer raus."

Thabet Azzawi
Thabet Azzawi lebt in Dresden. Bildrechte: MDR/Exakt

Warum mein Ziel Deutschland war? Weil hier eine Meinungsfreiheit, eine Demokratie herrscht. In der die Menschenwürde geschützt ist. Ich habe gemerkt, ab 2017 nach den Ergebnissen der Bundestagswahl,  hier gibt es ein Problem. Und die Politiker haben seit der Wende gesagt, hier gibt es kein Rassismusproblem. Und Paff, wir haben ein Rassismusproblem. Dann waren die Ergebnisse schockierend. Dann habe ich gemerkt, hier stimmt was nicht. Weil die Leute jetzt ihren Rassismus ganz deutlich äußern.

Ich habe gemerkt, ab 2017 nach den Ergebnissen der Bundestagswahl,  hier gibt es ein Problem.

Thabet Azzawi

Rasha Nasr (28)

Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir in Deutschland kein Problem mit Rassismus haben. Das merke ich auch persönlich immer wieder. Mein Zuhause ist Dresden. Meine Eltern sind 1986 aus Syrien in die DDR eingewandert. Das heißt, ich bin sowohl in der syrischen Welt als auch in der deutschen Welt aufgewachsen.

Rasha Nasr
Rasha Nasr lebt in Dresden. Bildrechte: MDR/Exakt

Es geht damit los, dass Leute fragen, woher ich komme. Ich antworte mit: Aus Dresden. Und dann wird eben nachgefragt, wo kommst Du denn wirklich her? Dass mir angeraten wird, doch nach Hause zu gehen, obwohl diese Stadt Dresden ja mein Zuhause schon ist.

Ich wurde auch schon tätlich angegriffen, und eine Dame hat versucht, mich von meinem Fahrrad zu reißen, weil sie es unerhört fand, dass Ausländer sogar eigene Fahrräder haben.

Die Polizei ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und wir haben den latenten Rassismus in unserer Gesellschaft und damit auch in der Polizei. Es geht damit los, dass man eben vermehrt von der Polizei kontrolliert wird, in so genannte verdachtsunabhängige Kontrollen gerät, obwohl man vielleicht nur gerade seinen Einkauf auf dem Hauptbahnhof machen will. Das geht damit weiter, dass man in der Bahn unterwegs ist mit seinen Freundinnen. Alle sind weiß, und man ist eben die einzige Person, die einen etwas dunkleren Teint hat. Und man wird als einzige kontrolliert von der Bundespolizei. Ich glaube schon, dass unsere Gesellschaft sich in eine Richtung entwickelt hat, dass die gekippt ist auf eine bestimmte Ebene, dass wir ein strukturelles Problem mit Rassismus haben und dass wir da dringend ran müssen.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir in Deutschland kein Problem mit Rassismus haben.

Rasha Nasr

Wright Hammed (19)

Ich komme aus Nigeria. Ich bin seit vier Jahren in Deutschland. Ich mache eine Ausbildung als Koch. Und wir haben eine Tochter. Sie wird in diesem Monat zwei.

Wright Hammed, Leipzig
Wright Hammed lebt in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als ich in Deutschland angekommen bin - das war 2017 - habe ich bei der A-Jugend der Chemie-Mannschaft gespielt. Und auf meinem Weg nach Hause kommen drei Leute zu mir: "Was machst Du hier? Du, Scheiße. Ausländer, geh zurück in dein Land." Dann bin ich schnell weggelaufen, weil drei Leute gegen mich. Was habe ich diesen Leuten getan? Ich habe gar nichts gemacht.  Zu Hause habe ich gedacht: Den ganzen Tag bin ich so enttäuscht.

Was habe ich diesen Leuten getan? Ich habe gar nichts gemacht.

Wright Hammed

Mina (24)

Rassismus ist ein Teil, ist unsere Struktur in vielen Aspekten. Ich studiere Humanmedizin. Ich bin jetzt Gott sei Dank fast fertig. Und ich bin die Tochter eines Mosambikaners und einer Deutschen. Ich bin hier im Osten in Thüringen aufgewachsen.

Mina
Mina lebt in Ostthüringen. Bildrechte: MDR/Exakt

Ich glaube, dass die Illusion, dass die Polizei Menschen mit Migrationshintergrund vor rassistischen Angriffen schützt, wirklich nur noch Weiße haben. Und ich hoffe mittlerweile, selbst nicht mehr die. Aber der Konsens unter Menschen mit Migrationshintergrund ist es, dass die Polizei nicht diejenigen sind, an die man sich wendet, wenn einem so etwas widerfährt.

Ich glaube, dass die Illusion, dass die Polizei Menschen mit Migrationshintergrund vor rassistischen Angriffen schützt, wirklich nur noch Weiße haben.

Mina

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 10. Juni 2020 | 20:15 Uhr