Schlechte Bezahlung Putzen bis zur Schmerzgrenze

Bis zu 30 Zimmer am Tag musste Leonard Sanabria putzen, erzählt er MDR-exakt. Dafür habe er seiner Meinung nach auch noch zu wenig Geld bekommen. Dabei war der Kolumbianer in einem Hotel in Leipzig in bester Lage und mit sehr gutem Ruf – dem Radisson Blu – als Reinigungskraft eingesetzt.

"Ich habe sehr viel gearbeitet. Meine Hände sind aufgeplatzt wegen der Reinigungsmittel. Sie haben uns keine Handschuhe gegeben", sagt Leonard Sanabria. Es seien viele Tage hintereinander gewesen, die Arbeit war hart. "Da ist dein Rücken immer kaputt." Pausen habe er praktisch kaum machen können – zu hoch sei der Druck gewesen, rechtzeitig fertig zu werden. Bezahlt worden sei er nach Leistung. So zumindest wurde es ihm und einem Kollegen erklärt. "Sie haben mir eine Anzahl an Zimmern aufgeladen, die mir einfach unmöglich war zu schaffen", sagt Antonio Hernández.

Nach Mindestlohn wären es 300 Euro mehr

"Die Chefin hatte mir auf einem Zettel aufgeschrieben, dass wir nach Zimmern bezahlt werden", sagt Leonard Sanabria. "Für drei Abreisezimmer haben sie mir eine Stunde bezahlt, für 3,5 Bleibezimmer haben sie mir eine Stunde bezahlt."  Die Chefin hätte ihm erklärt, dass das in der Hotellerie in Deutschland so funktioniere.

Leonard Sanabria hat 2,5 Jahre im Radisson Blu Hotel hart gearbeitet.
Leonard Sanabria hatte das Gefühl, dass er für seine Arbeit zu wenig Geld bekommt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch der diplomierte Mathelehrer hat schon bald das Gefühl, dass er zu wenig Geld bekommt. Leonard Sanabria hat sich deshalb seine Tagesaufgaben abfotografiert: die Zimmer, die er gereinigt hat.

MDR-exakt hat sich den August und September 2018 angeschaut und mit den Abrechnungen verglichen. In diesen beiden Monaten hat er jeweils 120 Stunden bezahlt bekommen. Nach seinen abfotografierten Tagesaufgaben und der vereinbarten Bezahlung nach Zimmern stünden ihm aber 35 Stunden mehr zu. Nach dem Mindestlohn, den der Kolumbianer bekommen sollte, wären das rund 300 Euro mehr. Er hat sich auch aufgeschrieben, wie viele Stunden er gearbeitet hat: demnach ergäben sich 48 unbezahlte Stunden.  

Schlechte Behandlung und zu hohes Pensum

"Wenn du das mal nachkontrollierst: sie bezahlen nicht nach Zimmern, wie sie es uns gesagt haben", sagt Leonard Sanabria. Doch wenn er es nach den tatsächlich gearbeiteten Stunden berechnet, ist es noch viel weniger. "Denn du brauchst ja viel länger für all die Zimmer. Wir haben immer nachgefragt, kommen Sie, können Sie uns das mal erklären?"

Die Reinigung im Leipziger Radisson Blu ist ausgelagert an eine Fremdfirma, die HPR Consult Service Limited. Schlechte Behandlung der Mitarbeiter, zu hohes Pensum – der Geschäftsführer bestreitet gegenüber MDR-exakt alle Vorwürfe. Er hebt hervor, dass jeder Mitarbeiter die erforderlichen Arbeitsmittel wie Handschuhe bekommen könne – und sieht hier eine verleumderische Aktion: "Entschieden weise ich zurück, dass weniger Stunden gezahlt werden. [….] Der Lohn wird exakt berechnet, es fehlen weder Urlaubs- noch sonst welche Vergütungen, es ist eine Frechheit dies zu unterstellen."

Anwaltskanzlei bestreitet Vorwürfe

Doch wie viele Zimmer können in welcher Zeit überhaupt gereinigt werden? MDR-exakt hat die Unterlagen einer Fachfrau gezeigt. Peggy Lindner ist die Chefin des Hotels "Am Schloss" im thüringischen Apolda und erstaunt über das Arbeitspensum von Leonard Sanabria. So sollte der Kolumbianer laut abfotografierter Tagesaufgabe etwa an einem Tag im September 2018 zwischen 8 Uhr und 14.30 Uhr insgesamt 27 Zimmer reinigen – darunter drei VIP-Zimmer, die die Größe eines Apartments haben.

Ich weiß nicht, wie er das in der Zeit schaffen sollte. Alleine. 

Peggy Lindner Hotel-Chefin

Er sei an jenem Tag nicht alleine gewesen, schreibt eine Anwaltskanzlei im Auftrag von Leonard Sanabrias Arbeitgeber auf Anfrage von MDR-exakt. Die Vorarbeiter hätten ihm geholfen. Außerdem sei dieser Tag nicht exemplarisch gewesen, aufgrund von plötzlichen Erkrankungen von Mitarbeitern. In der Stellungnahme heißt es weiter: "Bis auf wenige Ausnahmen, die aufgrund von unvorhergesehenen Engpässen entstehen, werden nicht mehr als 20 Zimmer zur Reinigung vergeben, dies ist auch in der Regel umsetzbar."

Dem widerspricht Leonard Sanabria. So viele Zimmer auf der Liste seien auch keine Ausnahme gewesen – er habe oft mehr als 20 Zimmer am Tag alleine gereinigt. "Wenn du das alles an einem Tag machst, dann möchtest du am nächsten Tag gar nicht mehr aufstehen." Ihm habe alles wehgetan: Rücken, Beine, Arme. "Ich fragte mich: Wie kann das jemand aushalten?"

Gewerkschafter: Zu hohes Pensum ist gängige Praxis

Thomas Scheidler von der Gewerkschaft IG Bau.
Thomas Scheidler von der Gewerkschaft IG Bau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Man kann das über Stunden machen, die Leistung so zu verdichten, dass die Arbeitnehmer nicht mehr in der Lage sind, es zu leisten", sagt Thomas Scheidler von der Gewerkschaft IG Bau. Diese würden "dann unbezahlte Mehrarbeit leisten, weil ihr Objekt fertig bringen wollen". Er findet die Art und Weise, wie die Firma abrechnet, intransparent und für die Mitarbeiter nicht nachvollziehbar. Außerdem sei laut Abrechnung kein Sonntagszuschlag bezahlt worden. Der Gewerkschafter hält das Vorgehen, Reinigungskräften ein zu hohes Pensum aufzubürden, für sehr gängig.

Die HPR Consult Service Limited bestreitet den Vorwurf der unbezahlten Mehrarbeit und schiebt die Schuld an der Arbeitsverdichtung auf den Auftraggeber: "Die Unternehmen, die diese Leistungen beauftragen, meist große Hotelketten, pressen das letzte aus den Dienstleistern heraus, Tariferhöhungen der Gebäudereinigung werden entweder nicht oder nur geringfügig bezahlt, der Dienstleister steht mit diesen Lohnerhöhungen allein da."

Radisson Blu will sich nicht äußern

MDR-exakt fragt auch die Betreibergesellschaft des Radisson Blu in Leipzig an. Die antwortet lapidar: "Die interne Geschäftsbeziehung zu unserem Dienstleister werden wir nicht kommentieren und es wird unsererseits auch keine Stellungnahme dazu geben."

Das Radisson Blu Hotel in Leipzig.
Das Radisson Blu Hotel in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leonard Sanabria hat 2,5 Jahre in dem Leipziger Hotel Zimmer geputzt. Er habe sich regelmäßig bei der Objektleiterin der Reinigungsfirma beschwert, monatelang. Das belegt auch ein Chat vom 1. Dezember 2018: "Was ist mit den Stunden passiert, die mir im letzten Monat nicht bezahlt wurden?", fragt er. Die Chefin antwortet: "Leo, dir gehen keine Stunden verloren. Diese werden gut geschrieben und dann mit ausgezahlt, wenn du mal nicht auf die Stunden kommst."

Die Anwaltskanzlei hat MDR-exakt dazu geschrieben: 12,5 Stunden seien in einem folgenden Monat abgegolten worden. Leonard Sanabria hätte die Arbeitszeit unkorrekt angegeben. Doch der sieht das anders: "Als ich sehr stark nachgefragt habe, haben sie mir in einer einzigen Abrechnung zehn Stunden mehr bezahlt. Also geben sie ja zu, dass ich mehr Stunden gearbeitet habe."  Doch abgesehen davon, hätten sie ihm nie mehr bezahlt. Am 31. Mai dieses Jahres wurde ihm dann ordentlich gekündigt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 11. Dezember 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2019, 09:25 Uhr

9 Kommentare

MDR-Team vor 6 Wochen

Lieber Nutzer,

nicht der Bildungsabschluss des Betroffenen ist das Thema des Beitrages, sondern die schlechten Arbeitsbedingungen in Deutschlands Hotel-Branche.
Es freut uns, dass Sie uns die Möglichkeit geben, das einzuordnen.

Die MDR.de-Redaktion

Sapere Aude vor 6 Wochen

" Es steht jedem frei zu gehen " war das Spruch / Provokation vom gemeuchelten Regierungspräsidenten? darfst seine Worte klauen? benutzen? missbrauchen?

Sapere Aude vor 6 Wochen

SORRY MDR ist LINK zu Eurer Webseite erlaubt? ist ja praktisch intern

https://www.mdr.de/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/streik-kundgebung-gebaeudereiniger-igbau-leipzig-100.html