Wahlwerbung per Facebook und Whatsapp Wahlkampf verlagert sich ins Internet

Die CDU hat sich bei der Landtagswahl in Sachsen im Schlussspurt durchgesetzt. Der Politik- und Digitalberater Martin Fuchs führt das auch auf deren langfristige Wahlkampfstrategie zurück. Aktionen wie die viral verbreitete persönliche Videoansprache des Spitzenkandidaten Kretschmer werde es künftig mehr geben.

 

CDU-Webseite mit Videoansprache von Michael Kretschmer zur Landtagswahl in Sachsen
CDU-Wahlkampf 2019 in Sachsen: Nutzer konnten eine Videoansprache von Michael Kretschmer per Whatsapp oder Mail mit mehr als 200 extra von Kretschmer eingesprochenen Namen persönlich adressieren und teilen. Bildrechte: MDR / CDU Sachsen

Die CDU in Sachsen hat vor der Landtagswahl in Umfragen lange gleichauf mit der AfD gelegen. Erst in den letzten Wochen vor der Abstimmung konnte sie sich absetzen und die Wahl schließlich gewinnen.

Der Politikberater und Blogger Martin Fuchs führt das unter anderem auf den gelungenen Wahlkampf der sächsischen CDU zurück. Er sagte MDR AKTUELL, die CDU habe eine sehr langfristige Strategie gehabt. Ministerpräsident Kretschmer habe den Wahlkampf mit seinen Bürgerdialogen quasi schon mit seinem Amtsantritt vor 20 Monaten begonnen. Das habe sich ausgezahlt.

Kretschmers Videobotschaft neues Element

Social-Media-Experte Fuchs sieht auch die Wahlkampfaktion der Sachsen-CDU mit einer viral verbreiteten Videoansprache ihres Spitzenkandidaten Kretschmer als beispielhaft für den Trend, dass sich der Wahlkampf immer stärker ins Internet verlagere.

Aus Sicht von Fuchs spricht viel dafür, dass künftige Wahlkämpfe viel stärker von solchen Elementen geprägt werden. Durch die persönliche Ansprache entstehe eine ganz andere emotionale Nähe zum Kandidaten. Auch die Motivation, sich spielerisch sein eigenes Video zu gestalten und das dann Freunden zu senden, sei viel höher als bei pauschalen Videostatements.

Überhaupt funktioniert Fuchs zufolge Parteikommunikation heute vor allem über einen Community-Ansatz. Das sei mit diese Videobotschaft gut umgesetzt worden. Der immense persönliche Aufwand von Kretschmer habe sich gelohnt.

So etwas werden wird nun öfter sehen in deutschen Wahlkämpfen - aber wohl noch nicht in Thüringen.

Politikberater und Social-Media-Experte Martin Fuchs

PR-Hilfe aus Österreich

Hinter dem Wahlkampf der sächsischen CDU standen nach Parteiangaben PR-Profis der Görlitzer Agentur "DIE PARTNER". Unterstützt wurden sie vom "Campaigning Bureau" aus Österreich, das 2017 bei der Nationalwahl im Nachbarland erfolgreich den Online-Wahlkampf für Sebastian Kurz organisierte - mit ähnlichen Aktionen wie Kretschmers Videobotschaft.

Lange im Vorfeld stand die Ausrichtung des CDU-Wahlkampfs in Sachsen auf Michael Kretschmer fest. Generalsekretär Alexander Dierks hatte im Januar 2019 dem MDR gesagt: "Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass es auch Elemente gibt, die die Person des Spitzenkandidaten in den Vordergrund rücken."

Wahlkampf im Osten ist besonders

Dennoch will Fuchs den Ausgang der Sachsenwahl und den Endspurt der CDU nicht auf gelungene Werbekampagnen reduzieren. Grundsätzlich seien Wahlentscheidungen in Ostdeutschland wesentlich volatiler als in den alten Bundesländern. Parteibindungen und traditionelle Wahlmuster seien nicht so stark ausgeprägt. Das führe auch dazu, dass Umfragen stark vom Ergebnis abweichen könnten.

Martin Fuchs, Politikberater und Blogger
Martin Fuchs, Politikberater, Social-Media-Experte und Blogger Bildrechte: Martin Fuchs

Besonderheit in Sachsen sei zudem die breite gesellschaftliche Mobilisierung gegen die AfD gewesen. Das habe viele potentielle Wähler*innen anderer Parteien am Ende motiviert, ihr Kreuz taktisch bei der CDU zu machen, damit diese stärkste Kraft werde. Darunter hätten unter anderem die LINKE und die SPD gelitten. 

Aus Sicht von Fuchs lief der Wahlkampf in Sachsen noch größtenteils nach herkömmlichen Mustern ab. Jedoch gebe es Anzeichen für eine zunehmende Digitalisierung und Versuche, On- und Offline-Werbung zu verbinden. Als Beispiel nennt er auch hier wieder die CDU - ihre Wahlplakate mit sogenannter Augmented-Reality-Anwendung.

Fuchs verweist zudem auf die Connect-App der CDU, bei der die Community viel stärker eingebunden werde, z.B. durch neue Tools wie einen Vandalismus-Melder für Plakate. Diese erstmals 2014 von der Thüringen-CDU eingesetzte App wird inzwischen von der Union in ganz Deutschland genutzt. Als Beispiel für neue Wege der Wahlwerbung führt Fuchs außerdem eine Aktion der Grünen an:

AfD dominiert im Netz

Am stärksten von der Vernetzung ihrer Anhänger und Parteiwerbung im Internet und Sozialen Medien hat nach Meinung von Fuchs die AfD profitiert. Aber auch die CDU setze offensichtlich immer stärker auf einen langfristig angelegten Wahlkampf mit Online-Elementen. Wie stark die Onlineaktivitäten das Wahlergebnis konkret beeinflussen, sei nicht seriös zu sagen. Dazu seien Wahlentscheidungen zu komplex.

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Online-Wahlkampf kann Wahlbeteiligung steigern

Die Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen 2019 in Sachsen und Brandenburg lag deutlich höher als vor fünf Jahren. Nach Einschätzung von Fuchs gibt es dafür mehrere Gründe. So sehe er einen Zusammenhang zwischen Parteienwerbung online und Mobilisierung von Nichtwählern. Die AfD habe das mit ihrer starken Polarisierung vorgemacht und dabei bewusst auf ihre Community im Netz gesetzt. Über Online-Kanäle seien Nichtwähler*innen viel besser zu erreichen als durch klassische Medien. Das wiederum habe auch andere Parteien analog wie digital mobilisiert. Im Ergebnis führe das zu einer stärkeren Politisierung und Wahlbeteiligung.

Wie sieht Wahlwerbung künftig aus? 

Martin Fuchs rechnet für die Zukunft mit sehr viel heterogenen Wahlkämpfen in Deutschland. Die Parteienwerbung werde sich auf unterschiedliche Plattformen für unterschiedliche Zielgruppen verteilen. Das werde sich dann viel stärker in geschlossene Räumen abspielen - in Messenger-Gruppen, auf Instagram etc. Die Art und Weise, politische Informationen aufzubereiten, werde sich langfristig sehr verändern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. September 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2019, 15:59 Uhr

6 Kommentare

kennemich vor 3 Tagen

Gestern Abend im ZDF bei Fr. Illner hat der MP Kretschmer eine toole Leistung gezeigt.

Vorallem wenn er sich mit Hr. Hofreiter von den Grünen super unterhielt.

MaP vor 5 Tagen

"...breite gesellschaftliche Mobilisierung gegen die AfD gewesen. Das habe viele potentielle Wähler*innen anderer Parteien am Ende motiviert, ihr Kreuz taktisch bei der CDU zu machen, damit diese stärkste Kraft werde."

Eigentlich müssten diese Parteien sich dafür schämen. Was hat das noch mit Wahl zu tun, wenn man sein Kreuz bei einer Partei macht, zu der man eigentlich in Opposition steht, nur um die Wahl einer dritten Partei zu verhindern. Wie scheinheilig, hinterher noch Ursachenforschung zu betreiben, warum man nicht besser abgeschnitten hat. Und am schlimmsten sind die, die dann jubeln, dass sie vom "freundlichen Sachsen" gewählt wurden.

Gerald vor 5 Tagen

Dann kann man endlich die unsinnigen Wahlplakate an den Straßen verbieten!
Verschandeln soundso nur die Umwelt beziehungsweise die Natur und erhöht die Unfallgefahr! Und was da draufsteht versteht auch kein Mensch!

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