Regime-Gegner Saudische Flüchtlinge: Angst vor Verfolgung in Deutschland

Viele Menschen, die aus Saudi-Arabien nach Deutschland geflohen sind, leben hier weiter in Angst vor Verfolgung und Bedrohung. Sie berichten, dass das durch die saudische Regierung gesteuert und initiiert wird.

"Wir wissen, wer du bist. Du bist eine Saudi-Araberin und alles, was du gemacht hast wirst du bereuen." Diese Drohung bekam eine junge Frau, die aus Saudi-Arabien nach Halberstadt geflohen ist. In ihrer Heimat haben die Behörden einen Haftbefehl gegen sie ausgestellt. Die Vorwürfe: Sie sei ohne Einverständnis der Familie ins Ausland gereist und würde andere im Internet zur Ausreise ermutigen. Sie wird deswegen gesucht – und auch in Deutschland verfolgt und bedroht.

Ein andermal habe sie sich hinter einem Baum versteckt, als ein Auto hinter ihr herfuhr. Zwei Männer stiegen aus. "Ich hatte große Angst. Ich überlegte was ich machen soll. Ich lief schnell weiter. Da sind sie eingestiegen und hinter mir hergefahren. In diesem Moment wusste ich, sie wollen nur mich!", berichtet sie. Dann habe sich die 25-Jährige hinter einem weiteren Baum versteckt, bis zufällig zwei Frauen vorbeikamen. "Ich hatte Glück."

Unterweisung durch den Geheimdienst

Sie hat sich in Saudi-Arabien für Frauenrechte und gegen das Vormundschaftssystem eingesetzt. Letzteres bedeutet: Jede Frau hat per Gesetz einen männlichen Vormund. Um etwas unternehmen zu können, braucht es die Erlaubnis des Mannes. Aus Angst vor ihrer Familie und den Behörden flüchtete sie schließlich vor zwei Jahren nach Deutschland.

Stefan Paintner, Leiter der Organisation Atheist Refugee Relief
Der Leiter der Organisation Atheist Refugee Relief: Stefan Paintner. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Bei saudischen Geflüchteten ist es vor allem bei den Frauen das Problem, dass sie hier beobachtet werden", erklärt Stefan Paintner. Er leitet die Organisation "Atheist Refugee Relief". Diese hilft Menschen, die aus religiösen Gründen aus ihrem Heimatland fliehen. "Die Familien in Saudi-Arabien sind sehr gut informiert über das was sie hier tun."

Anhand von Whatsapp-Nachrichten und Videos können Verfolgungen und Bedrohung nachvollzogen werden. "Das sind oft keine Saudis", sagt der Mohammed Al-Abbad. "Wir nehmen an, dass es andere Geflüchtete sind, die bezahlt werden, um Informationen zu liefern." Der 31-jährige Informatiker kennt diese Einschüchterungsmethoden genau. Er selbst wurde in Saudi-Arabien vom Geheimdienst unterwiesen.

Er war damals als Regimegegner inhaftiert worden. Zum Schein ging er auf das Angebot des Geheimdienstes ein, um das Land verlassen zu können. Auf dem Weg nach Deutschland erhielt er genaue Anweisungen per SMS, Geflüchtete auszuspionieren. Als er nicht mehr darauf reagiert, wird auch er bedroht.

Videos belegen: Weltweit bedroht

Rothna Begum von Human Rights Watch
Rothna Begum von Human Rights Watch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Saudische Flüchtlinge werden weltweit bedroht. Das belegen Videos rund um den Erdball. Ins Netz gestellt von Flüchtenden, die an Flughäfen an der Weiterreise gehindert werden. Ob auf den Philippinen, Hong Kong, Istanbul oder Bangkok überall versucht Saudi-Arabien der Flüchtlinge habhaft zu werden.

Der Grund: Laut saudischer Verfassung sind alle Bürger der Regierung zu totaler Unterwürfigkeit verpflichtet. "Dafür wird den Männern absolute Kontrolle über die Frauen gewährt. Wenn eine saudische Frau vor der Familie flieht, dann setzt die Regierung alles daran sie ihnen zurückzubringen", erklärt Rothna Begum von Human Rights Watch. Sie ist eine der wenigen Expertinnen, die sich öffentlich äußert. Würde die Regierung nicht so handeln, "könnten die Menschen anfangen zu hinterfragen, warum sie dem König Unterwürfigkeit schuldig sind".

Das Problem könnte gelöst werden

Der Aktivist Talib Al Abdulmohsen - auch er wird via Twitter mit dem Tod bedroht. Er berät von Magdeburg aus, Saudis - vor allem Frauen, die aus ihrer Heimat fliehen wollen - und gibt Tipps, wie sie in die EU kommen können. Bei ihm  laufen die Informationen fast aller geflüchteten Saudis zusammen. "Viele Flüchtlingsfrauen haben mir mitgeteilt, dass die saudische Botschaft in Berlin in ihren Asylheimen anruft." Das soll besonders in dem Heim in Halberstadt geschehen sein. Die Botschaft rufe an und frage, ob diese oder jene Flüchtlingsfrau in dem Heim ist.

Angeblich im Namen der Eltern. Sie wissen aber genau, wenn sie das tun, kriegen die geflüchteten Frauen Panik.

Talib Al Abdulmohsen Saudischer Aktivist

Ein Problem, das gelöst werden könnte, findet Stefan Paintner von Atheist Refugee Relief. Die saudischen Flüchtlinge sollten nicht alle in das gleiche Aufnahmelager kommen und „dazu sollte nach dem Verfahren die Wohnsitzauflage unbedingt aufgehoben werden“.

Die 25-Jährige, die ebenfalls in Halberstadt verfolgt wurde, konnte die Stadt inzwischen verlassen. Sie tauchte bei einer deutschen Familie unter. Viele andere saudische Flüchtlinge leben weiterhin in Angst vor Verfolgung mitten in Deutschland.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 17. April 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 21:47 Uhr