Tönnies Illegal eingeschleuste Arbeitskräfte nach der Razzia

In einigen Betrieben von Tönnies haben Nicht-EU-Bürger gearbeitet, die Subunternehmer illegal eingeschleust haben sollen. Nach einer Razzia standen viele von auf der Straße. Doch wie geht es mit ihnen weiter?

Menschen sitzen auf einer Bank
Die Ukrainer haben in ihrer Heimat 1.000 Euro pro Person gezahlt, damit sie nach Deutschland kommen können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei Firmen sollen illegal Arbeitskräfte nach Deutschland geschleust haben. Deshalb haben Hunderte Polizisten erst vor wenigen Wochen eine Razzia durchgeführt. Eine der betroffenen Firmen: Berkana – ein Subunternehmer von Tönnies. In dessen Schlachtbetrieb haben die geschleusten Ukrainer gearbeitet.

"Wir haben alle in der Ukraine viel Geld ausgegeben, um überhaupt erst mal herzukommen und die Stelle zu kriegen", erklärt einer der Ukrainer. Aus Angst wollen sie anonym bleiben. Pro Person hätten sie etwa 1.000 Euro gezahlt. Der durchschnittliche Monatslohn in dem osteuropäischen Land lag Anfang 2020 bei knapp 400 Euro brutto. Dass sie in Weißenfels illegal arbeiten sollen – davon sei nie die Rede gewesen.

Kein Lohn für Arbeit in Schlachthof

Laut Polizei soll ihr Arbeitgeber in Deutschland falsche Studentenvisa besorgt haben. Die Ukrainer wussten nur: Die Vermittler hätten versichert, sich um die Einreiseerlaubnis zu kümmern. Es ist eines von offenbar mehreren nicht gehaltenen Versprechen. "Sie haben uns versprochen, dass wir in einer Backwaren-Fabrik arbeiten", sagen sie. Stattdessen sind sie im Schlachtbetrieb von Tönnies in Sachsen-Anhalt gelandet.

Nun sitzen sie in Weißenfels mittellos fest. Die Ukrainer waren Ende August nach Deutschland gekommen und hatten bis zur Razzia im Schlachthof gearbeitet. Doch dafür seien sie nicht bezahlt worden. "Jeder von uns hat natürlich seine Geschichte", erzählen sie. Viele hätten ihre Kinder in der Ukraine zurückgelassen oder haben schwangere Frauen. "Wir können kein Geld nach Hause schicken, wir können selbst nicht zurück."

Der Staat zahlt: Flugtickets über die Ausländerbehörde

Als MDR exakt die Ukrainer getroffen hat, haben sie noch eine Woche, bis sie Deutschland verlassen haben müssen. "Sie müssen irgendwie nach Hause kommen, mit null Cent in der Tasche", sagt Dzhemile Umerova. Sie ist für die "Beratung migrantischer Arbeitskräfte" in Magdeburg tätig und kümmert sich um die Ukrainer. Sie hat bereits Essen von der Tafel besorgt. Sie konnte schließlich über die Ausländerbehörde Flugtickets organisieren und jetzt kämpft sie, dass der Arbeitgeber den Lohn noch zahlt.

Ich gehe davon aus, dass der Arbeitgeber ganz genau wusste, dass die spätestens am 11. Deutschland verlassen.

Dzhemile Umerova. Beratung migrantischer Arbeitskräfte

Aus der Ukraine sei es fast unmöglich zu klagen. Denn das Land gehört nicht zur EU. "In der EU könnte man noch, und trotzdem würde das zwei, drei Jahre dauern", sagt Dzhemile Umerova.

MDR exakt fragt bei der Firma Berkana nach, warum Subunternehmer mutmaßlich illegale Mitarbeiter zu Tönnies geschickt hat. Doch auf die Anfragen wird nicht reagiert. Von Tönnies – Deutschlands größtem Schlachtunternehmen – kommt eine Antwort: Man habe die Zusammenarbeit mit Berkana beendet. "Um rund 20 Mitarbeiter des besagten Unternehmens haben wir uns seitdem intensiv gekümmert […]. Sie werden bis Ende des Jahres [...] übernommen", heißt es. Wo sich die anderen Mitarbeiter der Firma befänden, darüber lägen Tönnies keine Informationen vor.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 14. Oktober 2020 | 20:15 Uhr

35 Kommentare

Micha R vor 5 Wochen

Einer Pressemitteilung der Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf vom 12.10.
"Anzeigen gegen Frauen und Männer aus der Ukraine sowie aus Georgien" war unter anderem zu entnehmen:
"Auch eine Schwarzarbeiterin hatte sich ...in den Kreis der Verdächtigen eingereiht. Die 44-Jährige aus der Ukraine war nachweislich einer illegalen Erwerbstätigkeit im fleischverarbeitenden Gewerbe nachgegangen. Insofern droht ihr nun auch eine Ausweisung. Unabhängig von dieser Ausweisung waren bei ihr 1000,00 Euro illegal erlangter Arbeitslohn beschlagnahmt worden..."

Die Beschlagnahme illegal erlangten Arbeitslohnes in dem von mir zitierten Fall deutet zumindestens darauf hin, das dieser auch in diesen Fällen der deutschen Staatskasse und nicht den hier illegal tätig Gewesenen zusteht.
Also wäre auch hier nicht anders zu verfahren gewesen, wenn die Arbeitslöhne denn tatsächlich ausgezahlt worden wären.

Deshalb verstehe ich auch das Gejammer über nicht ausgezahlte Arbeitslöhne aus illegaler Tätigkeit nicht!

THOMAS H vor 5 Wochen

Gerd Mueller: Die 3379,25 € sind, für einen Entgeltpunkt, zur Zeit das monatliche Brutto-Durchschnittsentgelt aller Versicherten (Info meiner Rentenauskunft Juni 2020).
Bei meinen Zeilen ging es darum, das durch Ihre hervorgehobene legale Zeitarbeit, die Ostdeutschen, selbst im ersten Arbeitsmarkt, ausgebeutet wurden und werden, denn selbst bei einem Brutto-Mindestlohn von 9,35 €/Std und Vollzeit (9,35€ x 172 Std = 1608,20€), schafft es kein AN, einen halben Rentenpunkt (notwendig 1689,62€) zu erzielen, so daß mit dem Renteneintritt die Altersarmut droht.
Es kann also nicht oft genug wiederholt werden, welche Summe für einen
Entgeltpunkt notwendig ist.
ZEITARBEIT IST UND BLEIBT FÜR MICH AUSBEUTUNG.

Leachim-21 vor 5 Wochen

@Spinnenweberin: wo bitte sehr habe ich von totaler Überwachung gesprochen bzw. geschrieben . es geht einzig und alleine darum das man kontrollieren tut und nicht dem Missbrauch Tür und Tor öffnet. man sollte mal zwischen und hinter den Zeilen lesen können bevor man antwortet.