Sozialpädagogen Brennpunktschule kämpft um Sozialarbeiter

Azubis an einer Leipziger Berufsschule nehmen Drogen, pöbeln oder hauen von zu Hause ab. Es gibt viele Probleme, um die sich die Lehrer kümmern müssen. Ein Sozialarbeiter würde sie stark entlasten. Doch den gibt es nicht.

Markus ist erst 16 Jahre alt, doch er verbringt viel Zeit am Leipziger Hauptbahnhof – manchmal hat er sogar in einem der leerstehenden Häuser dahinter übernachtet. Der Grund: Konflikte mit den Eltern. Das überraschende an seiner Geschichte ist, dass er trotzdem regelmäßig die Schule besucht.

Ein Jugendlicher mit Rucksack und Einkaufstüte
Markus hat manchmal hinter dem Leipziger Hauptbahnhof übernachtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich sollte mal ins Heim gehen, da wollte ich aber nicht hin", sagt der junge Mann. Dann sei er zwei Wochen im Jugendnotdienst gewesen, aber dort hätten ihm die Leute nicht gefallen. Er ging zurück zu den Eltern. Doch "seit es dort immer mehr Probleme gibt, bin ich raus und jetzt bin ich erst einmal hier".

Doch seine Ausbildung vernachlässigt er deswegen nicht. Er lernt den Beruf des Fachpraktikers Hauswirtschaft am Berufsschulzentrum 12. Das ist eine soziale Brennpunktschule ohne Schulsozialarbeiter. Viele Schüler kommen von Förderschulen. Oft müssen die Lehrer die Alltagssorgen der Azubis regeln, ehe der Unterricht beginnen kann.

Landesregierung hat den Bedarf erkannt

Andrea Dörre leitet die Außenstelle der Berufsschule und sie ist auch für Markus die wichtigste Ansprechperson. Meist geht es um Krisenbewältigung, gute Nachrichten sind eher selten. Markus hat vor kurzem die beste Arbeit seiner Klasse geschrieben. "Ich frage mich, wo du überhaupt lernst", sagt die Direktorin.

Eine Sozialarbeiterin im Gespräch
Wünscht sich einen Sozialpädagogen an ihrem Berufsschulzentrum: Leiterin Andrea Dörre. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Markus ist nicht der einzige Problemfall an der Schule. Kürzlich musste die Schulleiterin einer Schülerin, die zu Hause misshandelt wurde, einen Platz im Frauenhaus organisieren. Andere Azubis trinken, pöbeln, nehmen Drogen oder äußern Selbstmordgedanken.

"Ich wünschte mir, ich hätte einen Sozialpädagogen hier an der Schule", sagt Andrea Dörre. "Das wäre für uns hier eine sehr, sehr große Hilfe." Die sächsische Landesregierung hat den Bedarf an Schulsozialarbeitern erkannt und die entsprechenden Gelder auf 30,5 Millionen Euro verdoppelt, allerdings nur für allgemeinbildende Schulen.

Nur wenige Schulen haben Anspruch auf Sozialarbeiter

Bei der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeiter zieht man daher eine gemischte Bilanz. "An den Oberschulen ist es in Sachsen jetzt sogar im Schulgesetz verankert worden, dass an jeder Oberschule ein Schulsozialarbeiter beschäftigt werden muss", sagt LAG-Bildungsreferent Wolfgang Müller. Dort bekomme man eine hundertprozentige Ausstattung hin.

Doch die Berufsschulen seien davon ausgenommen. Schulsozialarbeiter werden nur an den Berufsschulen finanziert, in denen das Berufsvorbereitende Jahr (BJV) angeboten wird. In Sachsen haben rund 29 Prozent der berufsbildenden Schulen einen solchen Anspruch, das sind nur 73 von 250 beruflichen Schulen im Freistaat. Die Berufsschule von Andrea Dörre geht leer aus – sie hat keine BVJ-Klassen.

Nach der Schule trifft MDR-exakt Markus in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs wieder. Der 16-Jährige sammelt Flaschen und Dosen in seiner provisorischen Schultasche – einer Tüte. Er sagt, er bekomme zu Hause nicht genügend zu Essen.

Dass Markus tatsächlich Not leidet, bestreitet dessen Mutter gegenüber Exakt. Vor der Kamera will sie sich nicht äußern.  Fakt ist, es gibt Konflikte im Leben des Jungen, die auch den Schulalltag beeinträchtigen. Wichtigster Ansprechpartner für Markus ist derzeit kein Sozialarbeiter, sondern die Schulleiterin.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 10. April 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 09:00 Uhr

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