Sachsen Obdachlos und schwanger

Auch Frauen leben auf der Straße. Sie betteln und schlafen in leeren Lagerhallen oder Gartenlauben – ohne Strom und Wasser. Aber was passiert, wenn diese Frauen schwanger werden? Was wird aus ihren Kindern?

Menschen sitzen auf einem Gehweg
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie betteln am Augustusplatz in Leipzig: Janett und David. Beide sind obdachlos und seit Anfang Mai Eltern. "Sturzgeburt. Innerhalb von zwei Minuten war es da", sagt Janett. Das Kind kam in einer Gartenlaube zur Welt. Der Notarzt hat das Baby dann in eine Klinik gebracht. "Das ist uns sofort weggenommen worden", sagt David. Seitdem haben sie das Kind nicht mehr gesehen.

Der Entzug eines Kindes ist ein schwerwiegender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Eltern, der gut begründet sein muss. In einer Gartenlaube haben Janett und David ein festes Dach über dem Kopf, doch es gibt dort keinen Strom oder fließendes Wasser. Das ist kein Ort für ein Neugeborenes.

Tisch und Sofa in dunklem Raum
Kein Strom, kein Wasser: In dieser Gartenlaube hat Janett entbunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch wie haben sich die beiden die Zukunft mit Kind vorgestellt? "Auf jeden Fall Wohnung und alles. So war der Plan", sagt David. Doch es sei schwierig in Leipzig eine Wohnung zu finden. "Ohne Hilfe unmöglich." Sie haben Kontakt zu einem  Amtsvormund. Doch warum es bisher nicht geklappt hat, ihren Sohn zu sehen und wie es weiter gehen kann, wissen sie nicht. Der Allgemeine Sozialdienst der Stadt Leipzig will zu diesem Fall aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben. Warum den beiden das Kind entzogen wurde: "Obdachlosigkeit", sagt Janett. Probleme mit Drogen hätten sie nicht. Das Kind hätte auch keine Entzugserscheinungen gehabt, erklärt David.

Gewalt gegenüber Obdachlosen ein Problem

Obdachlose Melanie
Melanie im Herbst 2017. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Obdachlos und schwanger – das kommt immer wieder vor. Vor der Westhalle des Leipziger Hauptbahnhofs hat Melanie ihren Stammplatz. Die junge Frau ist obdachlos, alkoholsüchtig – und schwanger. Doch von wem, das will sie nicht verraten.

"Gewalt gegenüber Obdachlosen und Wohnungslosen ist auf jeden Fall ein Problem, was es in unserer Gesellschaft gibt", sagt Sophie Wischnewski von der Bahnhofsmission. Mit tätlichen Übergriffen bis hin zu schwerer Körperverletzung hätten sowohl Männer als auch Frauen zu kämpfen. Doch bei Frauen kämen auch noch sexuelle Übergriffe hinzu. Schwangerschaften in der Obdachlosigkeit seien häufig nicht gewollt.

Als MDR exakt Melanie im Herbst 2017 kennen gelernt hat, war sie ebenfalls schwanger. Damals bereiteten ihr Dreck oder Kälte keine Angst. Sie hatte Angst vor Überfällen und davor, dass sie während der Schwangerschaft zusammengeschlagen wird.

Der Hauptbahnhof war damals seit einem halben Jahr Melanies Wohnzimmer. Dort floh sie vor der Kälte und traf Freunde. In einer der vielen brachliegenden Lagerhallen neben den Gleisen übernachtete Melanie. Obwohl sie auf der Straße lebt, würde die Schwangerschaft komplikationsfrei verlaufen, erzählte sie MDR exakt. Dennoch hatte sie Angst vor der Zukunft.

Kinder landen beim Jugendamt

Lager einer Obdachlosen
Melanie übernachtet in einer Lagerhalle neben den Gleisen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schließlich kam Melanies Kind im Krankenhaus zur Welt. Doch acht Wochen zu früh und viel zu klein. Diese Tatsachen verdrängte die alkoholkranke Mutter einfach. Solche Kinder landen meist in der Neonatologie – der Intensivstation für Neugeborene. Rund 20 Kinder von Suchtkranken werden hier pro Jahr in Brutkästen aufgepäppelt, erklärte Professor Thomé, der Chef der Abteilung an der Uniklinik Leipzig Anfang 2018. "Kinder, die etwa opiatabhängig sind, kriegen eine richtige Entzugssymptomatik. In der sind sie zittrig, sie schreien, sie sind nicht zu beruhigen, sie atmen schnell, sie können Fieber kriegen, sie können Krampfanfälle bekommen und Erbrechen kann hinzukommen."

Auch Kinder von alkoholkranken Eltern haben Entzugserscheinungen. Nun hat Melanie Anfang September ihr drittes Kind bekommen – offenbar an einem Treffpunkt von Drogenabhängigen – nachts auf einer Parkbank. Auch während dieser Schwangerschaft hat Melanie getrunken. Ihr Kind befindet sich nun in der Obhut des Jugendamtes. Darüber reden will die junge Frau nicht.

Derweil hoffen Janett und David weiter, dass ihr Kind bei ihnen leben kann. Doch sie scheitern am Kontakt mit den Ämtern, sagen sie. Immerhin haben die Beiden gerade eine Wohnung gefunden – ein erster Schritt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 28. Oktober 2020 | 20:15 Uhr