Quarantänemaßnahmen Senioren durch Isolation geschützt – aber depressiv?

Senioren sollen Kontakte möglichst vermeiden. Das soll sie vor einer Erkrankung mit Covid-19 schützen. Durch die soziale Isolation steigt die Gefahr, dass Senioren in eine Depression rutschen, so Experten.

Rentnerin sitzt im freien mit Mundschutz auf Rollator.
Der 90-jährigen Renate Geißler aus Leipzig macht vor allem zu schaffen, auf die Besuche von Enkel und Urenkel verzichten zu müssen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele ältere Menschen leben seit Wochen auf Empfehlung vom Bund und gemäß der Anordnungen der einzelnen Länder zurückgezogen und beschränken ihre Kontakte auf das Allernötigste, um sich vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus zu schützen. So auch die 90-jährige Renate Geißler aus Leipzig. Sie ist alleinstehend und wohnt im zehnten Stock eines Plattenbaus.

"Seit dem 16. März bin ich praktisch in der privaten Quarantäne, indem ich zu niemanden gehe und dass auch niemand zu mir kommt", schildert sie "FAKT" ihren derzeitigen Alltag. Nicht nehmen lässt sie sich, jeden Tag einen Spaziergang zu machen oder einkaufen zu gehen.

Renate Geißler
Kleine Spaziergänge lässt sich Renate Geißler nicht nehmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Abschottung von Kontakten macht der 90-Jährigen sehr zu schaffen. "Ich skype mit meiner Enkeltochter und mit meiner Urenkelin, da kann ich sehen, wie sie aufwächst. Aber eben ran kommt niemand mehr. Das geht im Moment gar nicht. Und das ist sehr traurig", sagt die Seniorin. Doch mit ihrem Alter gehört sie zu einer Risikogruppe, die sich gegenwärtig besonders vor der Ansteckung schützen muss. Denn die Sterblichkeit im Falle einer Corona-Infektion steigt mit dem Alter. Sie liegt bei den über 60-Jährigen bei rund sechs Prozent und steigt auf über 20 Prozent bei über 80-Jährigen. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt bei 81 Jahren. (Anmerkung der Redaktion: Stand der Zahlen ist der 28.04.2020.)

Studien belegen: Mehr Depressionen durch Isolation und Quarantäne

Professor Steffi Riedel-Heller untersucht die Auswirkungen von Quarantänemaßnahmen für das Kompetenznetz Public Health Covid-19 und unterstützt die Politik mit diesen wissenschaftlichen Analysen. Die Sozialmedizinerin von der Universität Leipzig erklärt gegenüber "FAKT", dass Isolation und Quarantäne verbunden sei "mit erhöhten Raten an Depression, Angst, posttraumatischen Belastungsstörungen, erhöhtem Stress und Schlafstörungen". Das hätten die Ergebnisse von Studien zu früheren Corona-Ausbrüchen, wie SARS und MERS, gezeigt. "Man muss davon ausgehen, dass insbesondere ältere Menschen, deren soziales Netzwerk oft sehr gering ist, besonders betroffen sind", betont die Wissenschaftlerin.

Senioren leiden unter Einsamkeit und Ungewissheit

Kathrin Fiebig, Leiterin vom Seniorenbüro Aktiv ab 50, FAKT
Kathrin Fiebig, Leiterin vom "Seniorenbüro Aktiv ab 50 e.V.", weiß, ihre Senioren leiden unter der Einsamkeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kathrin Fiebig, die Leiterin vom "Seniorenbüro Aktiv ab 50 e.V.", berichtet "FAKT" von telefonischen Hilferufen von Senioren. Etwa 500 Besucher nutzten vor der Coronakrise monatlich die Angebote ihres Vereins in Zwickau. Neben der Einsamkeit hätten die älteren Herrschaften jetzt auch mit der derzeitigen Informationsflut zu kämpfen. Die Nachrichten im Fernsehen würde viele "erschlagen", weiß Kathrin Fiebig aus den Telefonaten. "Die wissen manchmal nicht mehr ein, noch aus", erklärt die Leiterin des Seniorenvereins.

In der Bergresidenz Stollberg leben 120 Pflegebedürftige. Auch hier leiden viele unter der Isolation. Heimleiter Tobias Tuchscherer erklärt "FAKT", die Bewohner hätten aus Einsamkeit an Appetit verloren und würden weniger essen. "Wir werden es nicht schaffen, den Kontakt mit den Angehörigen komplett zu kompensieren", ist er sich bewusst.

Politik signalisiert Lockerungen in Pflegeheimen

Pflegebeauftragte der SPD, Heike Baehrens
Heike Baehrens, Pflegebeauftragte der SPD, erklärt, die Heime sollten je nach Lage selber über Lockerungen entscheiden können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Besuche könnten bald wieder möglich werden, zumindest dort, wo die Pflegeheimleitung einen angemessenen Schutz garantieren kann. So habe es die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten besprochen, sagt die Pflegebeauftragte der SPD, Heike Baehrens. Ausgangsbeschränkungen oder Besuchsverbote sollen "jeweils vor Ort in den Regionen getroffen werden", führt sie aus. So solle die Verantwortung "ein Stück weit" wieder an die Einrichtungen und Dienste abgegeben werden.

Tobias Tuchscherer, Heimleiter der Bergresidenz Stollberg, FAKT
Tobias Tuchscherer, Heimleiter der Bergresidenz Stollberg, ist gegen individuelle Besuchsregelungen in den Heimen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tobias Tuchscherer, Heimleiter der Bergresidenz Stollberg, würde demnach in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt unabhängig von den Entscheidungen in anderen Pflegeeinrichtungen seine eigene Besuchsregelung festlegen können. "Das kann nicht funktionieren", kritisiert er. Wie solle man die unterschiedlichen Regelungen in den Heimen Bewohnern und Besuchern erklären?

Besondere Schutzmaßnahmen für Risikogruppen

Katrin Göring-Eckardt im Interview
Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt fordert, alte Menschen begleitet von Schutzmaßnahmen aus der Isolation herauszuholen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bündnis 90/Die Grünen fordern, Menschen mit Vorerkrankungen besonders zu schützen, sie aber dennoch aus der Isolation herauszuholen. Es müsse dafür gesorgt werden, dass Kontakte möglich sind. Schutzkleidung und Tests sollen hier die Grundlage liefern. Dafür sollten Gelder bereitgestellt werden, damit die Senioren nicht mehr in der Isolation verharren müssen.

Bitte hören wir auf diese alten Menschen einfach zu Hause zu lassen.

Kathrin Göring Eckardt, MdB, Fraktionsvorsitzende B90/Die Grünen FAKT

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 28. April 2020 | 21:45 Uhr