Tierschutz Tierquälerei in Schlachthof aufgedeckt

Kleiner Schlachthof, keine Skandale – das war die Hoffnung nach den Schlagzeilen rund um Tönnies. Doch auf einigen Landschlachthöfen werden Tiere geschlagen oder nicht ausreichend betäubt, wie Recherchen belegen.

Menschen und Tiere in einem Schlachthof
Ein Mitarbeiter des Schlachthofes stößt das Rind mit Stab an einer sehr empfindlichen Stelle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach den Skandalen rund um die großen Schlachthöfe, setzten einige die Hoffnung auf kleinere Schlachtbetriebe: Dort gebe es keinen Fließbandstress. Dort könne sich noch um die Tiere gekümmert werden. Dort würden die Regeln eingehalten.

"Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Es ist Panik, Angst, Schmerzen. Genau wie bei den Großen", sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Dem Verein ist Bildmaterial aus einem kleinen Schlachthof in Gärtringen in Baden-Württemberg zugespielt worden. Auf den Videos ist zu sehen, wie "Tiere auf das Schlimmste misshandelt werden. Man denkt eigentlich nicht, dass es so auf dem Landschlachthof zugeht".

Friedrich Mülln
Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Ein Ort von brutalen Übergriffen ist die Betäubungsbox für Schweine. Die Schreie eines gequälten Tieres sind in einer der Aufnahmen aus dem Juni und Juli dieses Jahres zu hören. "Es wird auf die Schnauze eingeschlagen, auf Teufel komm raus", erklärt Mülln. Und am Ende werde ein Stiel in das Auge des Schweines gedrückt.

Gequälte Tiere sind kein Einzelfall

"Er hat diese Tiere roh und brutal misshandelt", sagt die Tierschutzbeauftragte Baden-Württembergs, Julia Stubenbord. Aus ihrer Sicht sollte der Mitarbeiter diese Tätigkeit nicht mehr ausführen dürfen. "Und man muss sich überlegen, ob diese Behandlung nicht auch im Straftatbereich liegt."

Im Hintergrund dieses Betriebs steht aber auch ein systematisches Problem. Immer wieder verkeilen sich Tiere – die Zugänge im Schlachthof sind eng. Die Betäubung funktioniert regelmäßig nicht. Auf einem Video ist zu sehen, wie mehrere Ferkel nach dem Elektroschock weiter zappeln und der Schlachter dennoch die Entblutung der Tiere einleitet. "Man hat einfach gesehen, dass die schlecht betäubt waren. Auch die Nachbetäubung war falsch", sagt Tierschutzbeauftragte Stubenbord. Das bedeute, es sei baulich nicht angepasst und dürfe für diese Tiere auch nicht verwendet werden.

Mängel bereits vor zwei Jahren festgestellt

Solch bauliche Defizite habe das zuständige Landratsamt im Jahr 2018 festgestellt und ein Fachinstitut arbeite an Verbesserungsvorschlägen. Seit Anfang des Jahres gäbe es ein Strafverfahren durch die Staatsanwaltschaft. Dagegen seien den Kontrolleuren im Juni  und Juli 2020 keine Verstöße bekannt geworden. Doch auf den Videos, die dem Verein Soko Tierschutz zugespielt worden sind, werden vor den Augen einer Veterinärin Rinder mit Elektroschockern getrieben und auch nicht betäubte Ferkel entblutet.

"Wir werden schonungslos aufklären und auch die notwendigen Folgerungen aus den Vorwürfen ziehen", kündigt der Landrat des Landkreis Böblingen, Roland Bernhard, auf einer Pressekonferenz am Montag an. Am Freitag hatte das ARD-Magazin "FAKT" die Bilder aus dem Schlachthof in einem Sozialen Netzwerk veröffentlicht. Doch warum nichts getan wurde, obwohl die Probleme bekannt waren, sagt er nicht.

Landrat will "schonunglos aufklären"

Der Geschäftsführer des Schlachthofes will sogar von den schweren Verstößen nichts wissen. Ein Interview mit dem ARD-Magazin FAKT lehnt er ab. Der Betreiber betont einen regionalen, kleinen Schlachthof zu führen, der einen guten Ruf habe. Doch die Größe ist für Tierschützer Friedrich Mülln kein Argument. Seit 2017 hat er Missstände in sechs Landschlachthöfen aufgedeckt: "Das Schlimme ist, dass das das Gegenmodell sein soll."

In allen sechs dokumentierten Schlachthöfen waren Amtsveterinäre für die Kontrollen verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es auch Tierschutzverstöße zu ahnden. Doch dies tun sie nicht, wie die Aufnahmen belegen.

Kontrolleure bei Misshandlungen anwesend

So wurde gegen drei Veterinäre, die bei Misshandlungen in einem Schlachthof in Tauberbischofsheim anwesend waren, Ermittlungen wegen Vergehen gegen den Tierschutz aufgenommen. Die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe hat diese jedoch wieder eingestellt – die Begründung: "… der Einfluss des Arbeitgebers auf die Mitarbeiter ist größer als jener der Aufsichtsbehörde."

Doch mit dieser Argumentation wären künftige Kontrollen ebenfalls wertlos, kritisiert der Professor für Wirtschaftsstrafrecht, Jens Bülte. Denn die Aussage sei nun: Wir können nichts tun, die hören nicht auf uns. Bülte zieht einen Vergleich: "Stellen Sie sich vor, Sie kommen aus ihrem Haus und ihr Nachbar schießt mit dem Gewehr auf Sie. Sie rufen die Polizei und die sagt: Wissen wir schon, der gibt uns das Gewehr aber nicht. Das ist eine absurde Situation."

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 01. September 2020 | 21:45 Uhr

8 Kommentare

Unbequeme_Wahrheit vor 3 Wochen

Auftrageber, damit primär verantwortlich AUCH, neben schier unzähligen weiteren katastrophalen ethischen, moralischen, ökologischen, ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Folgen,j e Omnivor*in / Vegetarier*in! Leider sehr unbequem, diese Wahrheit!!!

goffman vor 3 Wochen

Ich denke, das Problem steckt viel tiefer im System.
Dass jemand, der täglich und im Akkord Tiere tötet, Empathie zu den Tieren verliert ist zu erwarten - ansonsten kann er den Beruf nicht machen. In jedem anderen Beruf freut man sich, wenn der Arbeitnehmer Spaß an seiner Tätigkeit hat.

Insofern verwundert es mich nicht, dass gerade in Schlachtbetrieben Tierquälerei kein Einzelfall ist. Ich denke nicht, dass es das Problem löst, die Fälle aufzuklären und zu verurteilen (was natürlich trotzdem notwendig ist).

Sofern wir den Fleischkonsum nicht drastisch senken, werden wir Tierquälerei wohl nur durch Automatisierung oder eine Ausweitung von Kontrollen und Strafen - evtl. auch psychologische Betreuung und bessere Ausbildung der Schlachter verhindern können.

Surveve vor 3 Wochen

Ich verstehe nicht dass so etwas toleriert wird. Allein der Gedanke wie viele Tiere umsonst leiden müssen weil Fleisch und Wurst achtlos weggeworfen wird raubt mir den Atem. Die Menschen schätzen nicht was sie haben. Wenn Fleisch teurer wäre könnte man das den Tieren zugute kommen lassen und die Vergeudung würde sicher abnehmen. Jeder der ein Tier quält und nicht artgerecht respektvoll behandelt ist und bleibt ein schädlicher Tierquäler, auch der der nichts dagegen tut wie die Politik. Aber die Nichtachtung anderen Lebens wird irgendwann den Menschen das Leben kosten. Ich hoffe bald denn der so gepriesene Verstand der menschlichen Rasse ist Gift für diesen Planeten.

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