Vorschulische Bildung Experten warnen: Isolation von Kita-Kindern führt zu nicht wieder aufholbaren Bildungsdefiziten

Bund und Länder wollen die Kitas nach einem Vier-Stufen-Plan wieder hochfahren. Termine wurden noch nicht genannt. Doch die Zeit drängt, warnt Prof. Dr. Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), im "exakt"-Interview.

Jutta Allmendinger
Ein-Kita-Besuch hebt die Chancen von Kindern aus finanziell schwierigen Verhältnissen auf einen Besuch auf einem Gymnasium um über 80 Prozent, erklärt Sozialforscherin Jutta Allmendinger im Interview. Bildrechte: imago/photothek

Welche Auswirkungen haben die fehlenden Kita-Zeiten auf die künftige Entwicklung von Kindern?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger: Den Kindern fehlt die Anregung, sie werden nicht gefordert. Sie werden nicht geschult, wenn man das so sagen möchte. Und sie werden nicht in Situationen gebracht, wo ihnen Werte wie Fairness, wie Gerechtigkeit des aufeinander Eingehens vermittelt wirdgefördert wird, aber auch die Sprache, die ja ganz, ganz wichtig ist in diesem frühen Lebensalter. Und man kann das sehr, sehr gut zeigen an Experimenten, die gemacht wurden in Amerika, aber mittlerweile auch in Deutschland, wo man sich einfach mal anschaut, wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit von so einem kleinen Kind auf das Gymnasium zu gehen, je nachdem aus welchem Elternhaus es kommt und wenn man dann entweder einen Krippen-Besuch hat oder keinen.

Und wenn die Kinder aus einem Elternhaus kommen, welches finanziell schlecht aufgestellt ist und insbesondere auch, wo der Bildungsstand der Eltern schlecht ist, erhebt so ein Kita-Besuch die Wahrscheinlichkeit um 83 Prozent. Während bei Kindern, die aus einem gut situierten Elternhaus kommen, der Kita-Besuch eigentlich kaum etwas ausmacht. Das heißt, auf der einen Seite werden die Bildungsungleichheiten vom Elternhaus noch größer und auf der anderen Seite können sie durch den Kita-Besuch und nur durch diese frühkindliche Bildung reduziert werden, nicht ganz ausgeglichen, aber zumindest reduziert.

Aktuell müssen viele Eltern ihre Arbeit und die Kinderbetreuung unter einen Hut bringen, oft im Homeoffice. Wie stehen Sie dazu?

Das hat ja ganz unterschiedliche Akzentuierungen. Einmal: was passiert mit den Kindern? Diese Kinder aus diesen nichtprivilegierten Elternhäusern können nicht einfach digital beschult werden, weil die Technik fehlt, weil die Räumlichkeiten fehlen, weil die Ruhe fehlt und weil das Wissen der Eltern fehlt. Auf der anderen Seite müssen wir uns die Situation der Frauen anschauen, die gerade in diesen Einkommensebenen ja oft selbst erwerbstätig sind, selbst erwerbstätig sein müssen. Die können ja nicht auf der einen Seite der Erwerbstätigkeit nachgehen und auf der anderen Seite ihre Kinder beschulen. Sie überhäufen sie mit Liebe, das ist ganz wichtig. Ich möchte ich gar nicht sagen, dass das alles Rabenmütter sind. Wir haben mehr als 700.000 Alleinerziehende in Deutschland, oft alleinerziehende Mütter.

Welche Rolle spielen Frauen in der derzeitigen Situation? Welche Belastungen müssen sie schultern?

Man würde sich eine deutsche Wirtschaft ohne Frauenerwerbstätigkeit gar nicht mehr vorstellen können. Nichtsdestotrotz sind es Frauen, die einen Schritt zurück machen, wenn Kinder auf der Welt sind: Sie gehen mit ihren Arbeitszeiten zurück. Sie nehmen in Kauf, dass durch die reduzierten Arbeitszeiten die Karriereentwicklung von ihnen gebremst wird und sie nehmen dadurch langfristig in Kauf, dass insbesondere der Abstand zwischen männlichen Renten und weiblichen Renten nach wie vor enorm ist. Jetzt stellen Sie sich vor, und das zeigen Erhebungen des Wissenschaftszentrums – mittlerweile haben mehr als 9.000 Leute daran teilgenommen – dass Frauen überproportional mit ihren Arbeitszeiten runtergehen während dieser Krise. Das heißt, der Abstand der Arbeitszeiten von Männern und Frauen wird noch mal größer. Der Wiedereinstieg wird für Frauen extrem schwer. Zumindest haben sie es verpasst, die nächste Karrierestufe zu erreichen oder die Möglichkeit zu haben, in den besseren Job zu wechseln, wenn wir hier überhaupt nicht über Karriere sprechen möchten. Und der dritte Faktor ist, dass viele dieser Frauen ja auch intrinsisch arbeiten wollen. Es ist ja nicht nur, dass sie arbeitgeberseitig arbeiten müssen. Die brauchen mal ihre Ruhe, und das ist wichtig für ihre psychische Gesundheit. Und die psychische Gesundheit der Familien hat natürlich eine Auswirkung auf die psychische Gesundheit der Kinder.

In vielen Familien sind zurzeit Eltern und Kinder jeden Tag, den ganzen Tag zuhause. Welches Konfliktpotenzial sehen Sie in der Familie?

Wir haben auf der einen Seite riesige Belastungen der Eltern. Sie müssen Struktur in den Alltag bringen. Sie müssen beschulen, wenn ihnen das möglich ist, wenn sie die Technik haben. Sie müssen dann gleichermaßen die Freundinnen und Freunde ersetzen, die Parks ersetzen, vielleicht den Klavierunterricht ersetzen. Sie müssen auf alle Fälle den Sportverein ersetzen. Das ist ja nicht machbar.

Was der Staat über die letzte Zeit an Aufgaben angenommen hat – und wo wir als Forscherinnen und Forscher für Familien- und Bildungsfragen gekämpft haben, dass es endlich das Recht gibt auf die Kitas, auf Vollzeit-Kitas und gute Kitas – das ist weg. Und von daher verärgert mich das, wenn man das in dieses ganze Potpourri dessen, was man jetzt in so einer Phase des Wiedereinstiegs zu tun hat, nicht viel stärker mit auf den Tisch legt. Und damit meine ich nicht, dass man es jetzt für alle Kinder öffnen soll. Kinder aus gut situierten Familien brauchen das viel weniger. Aber wir müssen spezifisch ansetzen an Gruppen von Familien, denen es besonders schlecht geht, die nicht die räumlichen Möglichkeiten, die finanziellen Möglichkeiten haben und an den Kindern, wo wir wissen, in zehn Jahren, in 15 Jahren sind die die großen Verlierer, weil sie bildungsarm geboren wurden und es weiter bleiben, weil ihre Fähigkeiten nicht genutzt werden.

Warum ist es wichtig, jetzt nicht nur auf die Empfehlungen von Virolog*innen und Epidemiolog*innen zu hören?

Weil man anerkennen muss, dass auch Soziologen und Psychologen knallharte empirische Daten haben und das, was mit einzelnen Bildern gezeigt wird, über ein Kind A oder eine Familie B auf der Basis von Zehntausenden Erhebungen passiert. Dass diese Erhebungen zeigen, dass Kinder nicht nur im Moment nicht gefordert werden, sondern dass sich diese Forderung nicht nachholen lässt, dass sie auch in der Zukunft bildungsarm bleiben. Wenn sie bildungsarm bleiben, haben sie nicht die Möglichkeit, in den Arbeitsmarkt so zu kommen, dass sie einen guten Verdienst haben werden. Sie haben nicht die Möglichkeit, Selbstvertrauen auszubilden, welches ihnen die Möglichkeit gibt – bleiben wir bei Corona – durch solche Krisen zu gehen. Das heißt, sie sind ökonomisch, aber auch sozial mehr als beschädigt.

Wie wichtig ist es, dass es einen Plan für einen Exit gibt?

Wir haben in dem Einstieg in den Shutdown wirklich sehr viele Kompromisse gesehen, hohe Solidarität von allen Bevölkerungsgruppen zueinander. Und wir müssen jetzt schauen, dass wir diesen Weg aus der Krise unter Berücksichtigung der Lagen aller möglichen Bevölkerungsgruppen gehen. Und das gibt dann differenzierte und für die Menschen extrem gut kommunizierte Wiedereinstiege. Das heißt, wir brauchen die Virologen im Konzert mit den Ökonomen, im Konzert mit den Gesellschaftswissenschaften. Und dann kann man sagen für diese Gruppe macht man das tageweise, für diese Gruppe macht man das, um diese Gruppe brauchen wir uns weniger zu kümmern und muss das entsprechend dann auch der Bevölkerung so mitteilen, dass das verstanden wird und dass man das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik konserviert, aber nicht beschädigt.

Wie könnte aus Ihrer Sicht ein Exit-Plan für Kitas aussehen?

Ganz konkret auf die Kindertagesstätten bezogen könnte ich mir vorstellen, dass man zusammen mit den Gesundheitsämtern Problemgruppen schneidet, denen man das zuerst anbietet. Wo man auch versucht, die abzuholen, nicht wartet, bis sie dann kommen, dass man Unterricht oder eine Betreuung anbietet, die eben in kleineren Gruppen stattfindet. Ich glaube, dass da ein paar Stunden, das zeigt auch die Forschung, schon wichtig sind. Das heißt, auch da kann man zwei Schichten fahren, vielleicht sogar drei. So würde ich vorgehen mit den Betroffenen und mit den entsprechenden Behörden.

Das Interview führte Fabienne von der Eltz.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 29. April 2020 | 20:15 Uhr