Eilenburg
Die Stadt Eilenburg wirbt gezielt um Menschen, die aus der Großstadt wegwollen. Bildrechte: dpa

Stadtflucht Viele Großstädter suchen Wohnraum auf dem Land

Politik und Medien diskutieren derzeit häufig über sterbende Dörfer, das Ausbluten der Kleinstädte, Menschen, die aus den ländlichen Regionen flüchten. Doch seit einigen Jahren beobachten Forscher auch den umgekehrten Trend: Großstädter, die den Metropolen den Rücken kehren und sich im Umland niederlassen – wegen der Ruhe und den günstigeren Preisen. Diese Entwicklung ist nicht nur rings um Berlin, Frankfurt, München oder Hamburg sichtbar, sondern teilweise auch in Mitteldeutschland.

von Lydia Jakobi, MDR AKTUELL

Eilenburg
Die Stadt Eilenburg wirbt gezielt um Menschen, die aus der Großstadt wegwollen. Bildrechte: dpa

Theresa Peim und ihr Mann leben seit über zehn Jahren in Leipzig, in einer hübschen Gründerzeitwohnung mit kleinem Garten, der direkt an die Weiße Elster grenzt. Trotzdem wollen die beiden raus aus der Stadt: "Wir merken, dass uns einfach noch ein bisschen mehr Raum fehlt, also einfach mal rauszugehen und niemanden zu sehen, auch im Park nicht." Deshalb sucht das junge Paar ein Haus im Südraum von Leipzig.

Aber wirklich fündig geworden sind sie noch nicht, erzählt Theresa Peim: "Es wird immer schlimmer und wir sind immer verzweifelter. Alte Häuser gibt es nicht mehr, außer sehr weit weg von Leipzig. Wir würden gern im Süden bleiben, weil da unsere Familie wohnt. Wir sind jetzt dazu übergegangen, ein schönes Grundstück zu suchen. Aber sobald es auf dem Markt ist, wird es superschnell aufgekauft."

Kein Einzelfall

Denn so wie die Peims zieht es derzeit wegen steigender Mietpreise und knappem Wohnraum immer mehr Menschen ins Umland der Städte. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft untermauert das: Demnach wandern seit 2014 im Saldo mehr Inländer aus den Großstädten ab.

Wohlgemerkt: Inländer. Denn bei den Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist der Zuzug in die Großstädte ungebrochen. Die Forscher in Köln sprechen von einer Trendwende, die sich vor allem in den Ballungszentren Berlin, Hamburg, München, Frankfurt oder Stuttgart abzeichnet – aber teilweise auch in Mitteldeutschland.

Ralph Henger, einer der Autoren der Studie, erklärt: "Leipzig wächst sehr stark, hat das stärkste Wachstum in Deutschland, prozentual. Man erwartet dort bis 2030 eine Einwohnerzahl von 700.000. Man sieht dort auch, dass Familien, vor allem diejenigen, die sich vergrößern wollen, verstärkt ins Umland gehen."

Gemeinden profitieren

Das spiegelt sich in den Zahlen wieder, die das Statistische Landesamt Sachsen sammelt. In ihrer Wanderungsstatistik stellt die Behörde starke Zuzüge in die Kreise südlich und nordöstlich von Leipzig fest, aber auch in die Gemeinden rings um Dresden. Eine Kommune, die von diesem Trend profitieren möchte, ist die Stadt Eilenburg. Seit 2016 wirbt sie gezielt um Menschen, die aus der Großstadt wegwollen.

Und die Idee scheint aufzugehen, wie Oberbürgermeister Ralf Scheler erläutert: "Seit ziemlich genau zwei bis drei Jahren können wir sagen, dass wir von dem Wachstum von Leipzig durchaus profitieren. Wir haben bis 2015 feststellen können, dass sich unsere Einwohnerzahl jährlich verringert hat, wir drohten unter die Marke von 15.000 zu rutschen, und haben uns dann entschlossen gegenzusteuern."

Eilenburg wächst

Jetzt zählt Eilenburg wieder gut 16.000 Einwohner – und dazu mehr Zu- als Wegzüge, vor allem von jungen Familien und Ruheständlern. Was macht die Stadt für Umzugswillige inzwischen so anziehend? Natürlich die günstigeren Preise, sagt Scheler.

Und außerdem: "Für hervorragend halte ich unsere Verkehrsanbindung, was S-Bahn und Straße nach Leipzig betrifft, dass also auch die, die nicht hier arbeiten, eine Bleibe mit sehr guten Voraussetzungen finden."

Das ist auch in den Augen des Wirtschaftsforschers Ralph Henger entscheidend: Um vom Boom der Großstädte zu profitieren, muss das Umland gut angeschlossen sein. Abgelegene Regionen, wie etwa das Erzgebirge oder der Osten Sachsens, gehören deshalb noch nicht zu den Gewinnern der Stadtflucht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Juli 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2019, 05:00 Uhr

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15 Kommentare

23.07.2019 14:21 Sr.Raul 15

Stimmt, @14 (Andreas Wickert). Als wir noch beim SVG spielten und noch Zeit war, habe ich mir immer Teile der Stadt angesehen. Unattraktiv war es nicht. Kann mich noch an ein Restaurant in so einer Art kleinen Burg am Weg/Straße stadtauswärts entlang der Mulde erinnern. Gibt es das noch?

23.07.2019 13:45 Andreas Wickert 14

Ich kann den Trend nur bestätigen. Habe seit dem Studium ca. 10 Jahre in LE gewohnt. Dann 10 Jahre in Naunhof wo ich bereits jahrelang erfolglos nach einem bezahlbaren Haus gesucht habe. Seit letztem Jahr lebe ich mit meiner Familie im wunderschönen Grimma und genieße das Leben dort. Alles was man braucht hat man im Umkreis von 600m, wenn man in der Altstadt wohnt. Die Schulen und Kitas sind auf Stand und prima ausgestattet. Die Klassenstärken sind kleiner, der "Ausländeranteil" liegt bei 1 bis 2 Kids pro Klasse. Im Gegensatz zu Leipzig vermisse ich dort nichts. Die Menschen sind sogar entspannter und netter und die Lage direkt am Fluß sowie das Umland sind traumhaft. Die Mieten sind zudem niedriger (6,-€ bis 7,-,€ Kalt) wobei ich dort ein Haus gekauft habe. Die Stadt war nicht umsonst auch früher schon ein Wohnort für priviligierte Leipziger ebenso wie die anderen Städte im Umland. Dort kann man noch richtig was bewirken.

23.07.2019 12:47 optinator 13

Kommt auch auf das Alter an.
Als Rentner ( Ü65 ) sind die Wege zum Arzt kürzer, der Einkauf kann mit Rad oder ÖNV erfolgen.
Die Mobilität ist besser.

23.07.2019 12:18 Peter 12

Warum ziehen junge Familien mitunter ins Umland?
Hohe Mieten, mehr Wohnraum, niedrige Bodenpreise - alles richtig.
Aber ein Punkt ist noch hinzuzufügen. Die niedrigen Zinsen für Baukredite. Erst die ermöglichen es heutzutage jungen Familien, sich ein Haus zu bauen oder sich eines zu kaufen.
Ein positiver Effekt der Niedrigzinspolitik, welche so oft gescholten wird. Nicht nur für die jungen Familien, auch für die Beschäftigten in der Baubranche.

23.07.2019 12:14 Peter 11

@8: Ach gerd, wieder mal als Schwarzmaler unterwegs.
Fahrverbote - die gibt´s bereits seit langem in Leipzig, Erfurt, Halle und Magdeburg. Ich habe noch das Geschrei bei der Einführung der Umweltzonen im Ohr. Heute könnte man konstatieren: Viel Lärm um Nichts.
Und Veröden der Innenstädte. Fahren Sie doch bitte mal Samstagvormittag von Süden nach Leipzig. Dann können Sie live beobachten, wer alles in die Innenstadt strömt um einzukaufen.
Schließlich das Fahrradfahren: Leipzig hat den Auwald, Halle die Saale, Dresden und Magdeburg die Elbe. Alles ideale Terrains, um ausgiebig eine Tour zu machen. Da braucht man kein Auto, um das Fahrrad huckepack ins Umland zu kutschieren.

23.07.2019 11:37 wwdd 10

Ammazon liefert auch in Werdau aus. Und Aldi, Lidl und Co haben wir hier auch.

23.07.2019 11:17 Atze 9

Was der Mensch nötig hat und braucht, haben wir doch schon längst verdrängt. Es wird noch eine größere Landflucht geben, denn wer will schon im Sommer in einer Betonwüste bei gefühlten 50 Grad gegrillt werden? Ich frage mich nur immer , warum wir uns das immer noch massenhaft antun. Und erst unseren Kindern. Mich bekommt niemand in eine Grossstadt. MfG

23.07.2019 10:51 gerd 8

Ein nicht zu unterschätzender Effekt sind aufkommende Fahrverbote für die Städte und zu meinen den Individualverkehr unterbinden zu müssen,was wird passieren es wird zu einem massiven Abbau der Arbeitzplätze in den Städten kommen ,Einzelhandel ist jetzt schon am Aussterben ,damit werden die Innenstädte veröden nur mit Kultureinrichtungen und Gastronomie wird die Grosstadt an Wert verlieren ,wenn ich Fahrad fahren will geh ich aufs Land und fahre nicht durch Häuserzeilen dem Umland gehört die Zukunft ,die klassische Stadt ist ein Auslaufmodell für Singles und Ausländer.

23.07.2019 10:32 Jan 7

@ Gerd Müller: Sie wissen doch noch garnicht, ob eine CO2-Steuer überhaupt eingeführt wird und wenn ja, wie diese ausgestaltet wird, blasen aber aktuell schon einmal die Backen auf. Das zeugt nicht unbedingt von einer sachlichen Meinungsäußerung. Und lassen Sie bitte dieses Geschwafel von Altparteien. Ich kann diesen Unterscheidungsquatsch nicht mehr hören bzw. lesen...

23.07.2019 10:31 Hannes Bongartz 6

Es fehlen schnelle und komfortable Bahnverbindungen Richtung Süden. Dann werden auch wieder Regionen wie das Erzgebirge zum Pendeln attraktiv!