Suche nach neuem Chef Wie geht es weiter mit der Stiftung Sächsische Gedenkstätten?

Christine Reißing
Bildrechte: MDR/Jan Bräuer

Im Sommer hatte der DDR-Bürgerrechtler und mitterweile Ex-Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, für Empörung gesorgt: Auf Twitter verglich Reiprich etwa die Ausschreitungen gegen die Polizei in Stuttgart mit der Reichspogromnacht 1938. Daraufhin stellte ihn der Stiftungsrat frei. Ende November hört Reiprich offiziell auf. Für den Posten läuft nun das Ausschreibungsverfahren.

Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Der vakante Chef-Posten für die Stiftung Sächsische Gedenkstätten wird nächstes Jahr neu besetzt. Bildrechte: MDR/Christine Reißing

Riesengroß und verwinkelt ist er, der Georg-Schumann-Bau am Münchner Platz im Süden von Dresden. Früher Gericht, Gefängnis und Hinrichtungsort, liegt hier heute unter anderem eine Gedenkstätte. Im Nationalsozialismus, während der sowjetischen Besatzung und zu Anfang der DDR, wurden hier politische Häftlinge hingerichtet. Eine Zeitzeugin erzählt: "Ich hatte ja keine Ahnung, warum wir nach Dresden mussten. Ich hatte ja keine Anklage gekriegt – nichts, nichts!" Ihr Vater wurde umgebracht, sie selbst 1944 mit ihm verhaftet.

Historikerin Birgit Sack leitet die Gedenkstätte und betont: "Der übergeordnete Kontext dieses Ortes ist ja Justizunrecht. Also: Wie ein Regime eben die Justiz für ihre eigenen Zwecke missbrauchen kann.“

"Verlorenes Jahrzehnt" unter Reiprich

Aus Regalschubern kann man weitere Biografien herausziehen, Fotos und Texte – schwerpunktmäßig zum Nationalsozialismus. Die Sächsische Landesarbeitsgemeinschaft "Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus" begrüßte schon im Sommer solche Formen des Erinnerns. Sprach aber von einem verlorenen Jahrzehnt für die sächsische Gedenkstättenlandschaft. Die Stiftung habe sich unter Ex-Chef Siegfried Reiprich zu wenig für das Thema eingesetzt und etwa kleine Initiativen, die an NS-Verbrechen erinnerten, vernachlässigt.

Nun ist Reiprichs Stelle ausgeschrieben, eine zehnköpfige Kommission macht dem Stiftungsrat danach Vorschläge. Interimsleiter und Pressesprecher Sven Riesel: "Also es sind nicht nur Akteure, Vertreter aus Sachsen in dieser Findungskommission drin, sondern auch Personen, die in der bundesweiten Gedenkstättenlandschaft ein Renommee haben und eine besondere Fachkenntnis mit sich bringen."

Bildungsarbeit intensivieren

Ändern soll sich neben der Personalspitze auch die inhaltliche Struktur. Per Antrag im Landtag forderten die Regierungsfraktionen ein Entwicklungskonzept. Es müsse zum Beispiel besser mit freien Trägern, Vereinen und Initiativen zusammengearbeitet und die Stiftung transparenter werden. Und Claudia Maicher, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, ergänzt: "Wir haben eben auch viele Orte, wo keine Pädagoginnen, Pädagogen vor Ort sind, die Bildungsarbeit machen. Wo Erneuerungen stattfinden müssen bei den Ausstellungen. Wo Digitalisierung voranschreiten muss. Aber wo vor allen Dingen eben die Bildungsarbeit noch stärker im Vordergrund steht."

Zusätzliche Finanzmittel nötig

Maicher nennt auch Sachsenburg – eines der ganz frühen Konzentrationslager. Einzelne Erinnerungsfahrten etwa seien da schon gefördert worden, aber keine feste Gedenkstätte mit Öffnungszeiten. All die Neuerungen wollen bezahlt werden.

Teils könne man umschichten, meint Oliver Fritzsche von der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag. Er räumt aber ein, "dass es auch um zusätzliche Mittel gehen wird. Ob es gelingt, diese dort zu akquirieren oder bereitzustellen, das ist im Moment tatsächlich vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie noch vollkommen offen".

Ihren Haushaltsentwurf hat die Regierung am Dienstag vorgestellt. Bis zum Beschluss dauert es aber noch, das letzte Wort hat das Parlament. Fest steht laut Pressesprecher: Eine oder einen neuen Geschäftsführer für die Stiftung soll es nächstes Jahr geben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. November 2020 | 06:53 Uhr

4 Kommentare

magtec vor 3 Wochen

Frau Maicher redet wie der Blinde von der Farbe, nur daß sie eigentlich nicht blind ist, sondern ihr Sichtfeld nach rechts und links selbst durch Scheuklappen einschränkt und den Blick durch ihre dunkelrotgrüne Brilleauf der Nase trübt.
Jahrelang hat Geschäftsführer Reiprich den PolitikerInnen vorgehalten, daß man nicht mit 1 1/2 Personalstellen in Sachsen Gedenkstättenpädagogik betreiben kann, erst 2019 kam dann 1 magere Stelle mehr. 2017 gab es eine Anhörung im Sächsischen Landtag, bei der Geschäftsführer die Fakten benannte; spätestens seit dem wissen es alle, die es wissen wollen. Aber Claudia & Claudia (Maicher & Roth im Bundestag !) skandalisieren lieber politisch-semantische Befindlichkeitsrülpser, um einen antitotalitären Denker per Cancel-Culture weg zu kriegen, den sie schon vor einem halben Jahrzehnt politisch killen wollten. Was das der würdigen Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft bringen soll? Nichts, es schadet nur - als Beispiel politischer Heuchelei!

Baldur von Ascanien vor 3 Wochen

Wenn er diesen Vergleich nicht angestellt hätte und in Ehre gegangen wär, sicher würde man von einem Jahrzehnt hervorragender Arbeit berichten. Aber so ist das nun mal, tanzt wer aus der Reihe, wird sofort die Reihe geschlossen und alles in Frage gestellt, oder gleich negativ dargestellt. Ein Hoch auf die Meinungsfreiheit!

roca remeed vor 3 Wochen

@Brigitte Schmidt, in der traurigen "Vergleichs-Angelegenheit" dieser Stiftung haben Sie einen sehr treffenden Vergleich gefunden. Respekt! Darüberhinaus gebe ich noch zu bedenken, dass das sprachliche Stilmittel und die philosophische Erkenntnismethode des Vergleichs (lat. comparatio) früher in der ganzen Welt als übliches Denkinstrumentarium galt. In Deutschland wurde offenbar an seine Stelle inzwischen das Diktum der "gelenkten Meinungsfreiheit" gesetzt. Besagte Landesarbeitsgemeinschaften legen dabei mit ihren "Erneuerungen" - nicht nur den personellen - eine Kreativität an den Tag, die mir zunehmend Angst macht. Droht nun nach dem "verlorenen Jahrzehnt" für die wissenschaftliche Geschichtsaufarbeitung ein verlorenes Jahrhundert?