Verhalten an Ampeln Kritik an Automobilclub-Studie zu Radfahrern

Statt Schulter an Schulter mit anderen Fahrgästen in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen, ziehen viele für kurze Wege das Fahrrad vor. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der verunglückten Radfahrer in Deutschland deutlich gestiegen ist. Der Autoclub Mobil in Deutschland setzt das in Bezug zu den Rotlichtverstößen von Radfahrern. Der Fahrradverband ADFC Thüringen kritisiert das als unseriös.

Radfahrer fahren auf dem Radweg neben Lkws
Der ADAC hat sechs Stunden lang an 20 Münchner Kreuzungen Daten gesammelt. Bildrechte: imago/Frank Sorge

Zu 25.000 Rotlichtverstößen durch Radfahrer soll es pro Tag in München kommen. Das hat der "Automobilclub – Mobil in Deutschland" geschätzt. Der Verein hat dafür insgesamt sechs Stunden an 20 Kreuzungen in der bayerischen Landeshauptstadt gestanden und mitgezählt. Hochgerechnet auf das gesamte Bundesgebiet kommt der Club auf bis zu eine Million solcher Verstöße. Ist das realistisch?

Fahrrad-Verein hält Hochrechnung für unseriös

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club hat da große Zweifel. Die Studie sei rein lokal durchgeführt worden, die Hochrechnung methodisch fragwürdig. Der ADFC Thüringen teilte auf Anfrage von MDR AKTUELL mit: "Hochrechnen kann man die Münchner Zahl schon deswegen nicht, weil dort etwa der Radfahreranteil höher ist als in Thüringen. Und die Studie bezieht sich nicht auf ganz München, sondern bloß auf 20 Kreuzungen. Von 20 Kreuzungen in München auf Deutschland hochzurechnen, wäre nicht seriös."

Auch Versicherungswirtschaft skeptisch

Das sieht man bei der Deutschen Versicherungswirtschaft ähnlich. Die Dachorganisation der privaten Versicherer unterhält eine eigene Abteilung, die sich mit Unfallforschung befasst. Dort schaut man sich auch das Verkehrsverhalten von Radfahrern an. Der Leiter der Abteilung, Siegfried Brockmann: "Deutschlandweit hochzurechnen, halte ich für echt gewagt. Also, so kann man das nicht machen. Aber die Zahl für München halte ich für möglich. Erstaunlicherweise ist es nur so, dass wir das im Unfallgeschehen nicht sehen."

In seinem Presse-Statement stellt der Automobilclub eine Verbindung her zwischen – den Zitat – "riskanten Manövern" der Radfahrer und der zuletzt deutlich gestiegenen Zahl verunglückter Radler.

Unfallexperte Brockmann geht da nicht mit. Natürlich gebe es Unfälle mit Radfahrern, die bei Rot fahren, und teilweise würden dadurch auch zusätzliche Gefahren heraufbeschworen.

Mit Blick auf das Unfallgeschehen in Deutschland sagt Brockmann aber: "Da ist der Rotlichtverstoß durch Radfahrer kein Hauptgrund für Unfälle, die der Radfahrer verursacht hätte. Insgesamt muss man ohnehin sagen, die überwiegende Zahl der Unfälle, wo ein anderer beteiligt ist, hat gar nicht der Radfahrer verursacht, sondern jemand anderes, der dann im Zweifel die Regeln auch nicht eingehalten hat."

Dennoch: Radler oft unvorsichtig

Das macht Radfahrer aber nicht zu Unschuldslämmern – das sagt der ADFC und das sagt auch Brockmann. Er und seine Kollegen haben sich die Arbeit der Radpolizisten in Berlin angeschaut. Deren Daten hätten gezeigt, dass Radfahrer in der Hauptstadt häufig rote Ampeln ignorieren. Andere Verstöße seien aber eben häufiger, sagt Brockmann. Und: Womit Radfahrer tatsächlich am häufigsten Unfälle verursachten, sei das Fahren gegen die Fahrtrichtung.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. August 2020 | 05:00 Uhr