Corona-Krise Hilfe von Tafeln: "Ich möchte hier nicht Stammkunde werden"

Seit Beginn der Pandemie haben die Tafeln in Deutschland viele neue Kunden bekommen. Es sind vor allem Solo-Selbstständige oder Familien in Kurzarbeit. Die meisten schämen sich, auf diese Art um Hilfe bitten zu müssen. Dabei habe Corona lediglich Probleme offengelegt, die schon lange bekannt seien, so ein Armutsforscher.

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Durch die Corona-Krise sind immer mehr Menschen auf die Hilfe der Tafeln angewiesen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist Montagnachmittag. Bereits zum dritten Mal ist Frank Rutkowski an diesem Tag bei der Jenaer Tafel. Als er sich vor über 10 Jahren als IT-Berater selbstständig machte, hätte er nie gedacht, jemals hierher kommen zu müssen. "Für mich ist das ein schwieriges Gefühl", sagt Rutkowski. "Man wird aus der Arbeit, die man hatte, herausgerissen und der Verdienst ist einfach weg. Alle Annehmlichkeiten des Lebens sind damit erstmal hin. Man fällt wie in ein tiefes Loch."

Solo-Selbstständige: Durch Corona arbeitslos

Frank Rutkowski arbeitet normalerweise an Volkshochschulen, gibt dort Computerkurse für Senioren. Doch seit Mitte März läuft gar nichts mehr, alle Aufträge des 59-Jährigen sind weggebrochen. Deshalb muss er jetzt zur Tafel kommen. Das sei für ihn sehr unangenehm, sagt Rutkowski. "Ich würde mir wünschen, nicht hier sein zu müssen und anderen womöglich noch etwas wegzunehmen."

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Vor Corona hat Frank Rutkowski als Solo-Selbstständiger Computerkurse an Volkshochschulen gegeben. Jetzt lebt er von Hartz IV und ist auf die Hilfe der Tafel angewiesen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mittlerweile lebt Frank Rutkowski von Hartz IV. Seine Ersparnisse sind aufgebraucht. Um seine Wohnung und das Auto nicht zu verlieren, spart er beim Essen. Einmal pro Woche geht er dafür zur Tafel, 200 Euro würde er dadurch jeden Monat sparen, sagt er.

Aufnahmestopp und lange Warteliste

Die Kunden zahlen hier nur zwei symbolische Euro pro Einkauf. Ein Konzept, das sich bewährt hat. 1.000 Menschen kommen jede Woche zur Jenaer Tafel. Ihr Leiter ist seit neun Jahren Wilfried Schramm. Fünf Tage die Woche ist die Tafel geöffnet. Die Stammgäste sind Rentner, Großfamilien und Langzeitarbeitslose. In den letzten Monaten kamen neue Tafelkunden dazu. "Das sind im Wesentlichen Selbstständige, denen die Aufträge weggebrochen sind", so Schramm zur jüngsten Entwicklung. "Zum anderen sind das Leute, die in Kurzarbeit gegangen sind bzw. gleich ihren Job verloren haben und damit natürlich vor dem Aus standen."

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Wilfried Schramm leitet seit neun Jahren die Jenaer Tafel. Aktuell stehen 200 Menschen bei ihm auf der Warteliste, doch seine Einrichtung ist am Limit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aktuell stehen 200 Bedürftige auf der Warteliste. Doch Schramm zufolge seien die Produzenten und Lebensmittelgeschäfte am Kapazitätslimit und er wisse schlicht nicht, woher er für weitere 200 Kunden Lebensmittel hernehmen soll. Die Jenaer Tafel hatte bereits vor Corona einen Aufnahmestopp. Notfälle versucht Wilfried Schramm trotzdem aufzunehmen.

Ehrenamtliche am Limit

Am Limit sind auch die Ehrenamtlichen. Wegen Corona sind 30 Prozent der älteren Helfer aus Angst vor einer Ansteckung weggeblieben. Die Jüngeren mussten monatelang fast die doppelte Arbeit stemmen. Jede neue Lebensmittellieferung muss erstmal sortiert und dann eingeräumt werden.

Zuvor wird die Ware bei den Geschäften eingesammelt. Die Tafelmitarbeiter fahren inzwischen sogar zu Supermärkten in Bayern und Sachsen, um genug Lebensmittel zu bekommen. Sie gehen davon aus, dass das noch monatelang so bleiben wird.

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Mittlerweile müssen die Mitarbeiter der Jenaer Tafel bis nach Bayern und Sachsen fahren, um genügend Lebensmittel für ihre 1.000 Kunden zu bekommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frank Rutkowski hofft, dass seine Auftragslage bald besser wird und er keine Tafel-Lebensmittel mehr benötigt. Er will kein Stammkunde werden. "Man fühlt sich hier ganz stark erniedrigt. Nicht weil einem hier geholfen wird, das ist nicht der Grund. Sondern weil man die Tafeln bitten muss, Lebensmittel zu bekommen", sagt er.

Probleme schon seit Jahren bekannt

Und Frank Rutkowski ist kein Einzelfall. Nach Ansicht von Prof. Ronald Lutz, einem Soziologen an der Fachhochschule Erfurt, der auch zu Armut forscht, sind die Probleme, die jetzt durch Corona sichtbar werden, schon seit Jahren bekannt. "Wir erleben jetzt die Problematik der Solo-Selbständigkeit", sagt Lutz. "Das sind Leute, die von Jobs abhängig sind, bei denen, wenn sie wegbrechen, auch das Einkommen ganz wegbricht. Ich bin eher der Auffassung, dass diese ganzen Jobs, die Solo-Selbständige machen, über ein Angestelltenverhältnis abgedeckt werden sollten.

Neue Kunden bei den Tafeln
Ronald Lutz, Armutsforscher an der Fachhochschule Erfurt, sieht ein strukturelles Problem von Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland, das durch Corona offen gelegt wurde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass immer mehr neue Kunden versorgt werden müssen, ist von etlichen Tafeln in Mitteldeutschland zu hören. Neben Solo-Selbständigen sind es Familien in Kurzarbeit und Studierende, die ihren Nebenjob verloren haben.

Neue Form des Schamgefühls

Auch bei der Leipziger Tafel stehen einige junge Leute und Familien an, die erst seit Kurzem auf die Unterstützung mit Lebensmitteln angewiesen sind. Auch unter ihnen überwiegt das Schamgefühl, um Hilfe bitten zu müssen. So sagt eine Frau etwa: "Ich weiß, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe, aber ich schäme mich trotzdem. Ich bin immer noch in Kurzarbeit, kann meine laufenden Kosten nicht bezahlen und habe ein Kind zu ernähren.” Ein Mann, der eine kleine Messeagentur betreibt, erzählt, dass er seit April Stammkunde ist, weil ihm mit Corona fast alle Aufträge weggebrochen seien.

Für Prof. Ronald Lutz von der FH Erfurt ist die Situation paradox. Junge Menschen gehören trotz guter Ausbildung und Berufserfahrung nun zu den Bittstellern. "Eigentlich sehen sich die neuen Tafelkunden als Opfer", sagt Lutz. "Sie sehen sich nicht zu dem Klientel der Tafel gehörend. Das ist dann vielleicht auch eine neue Form des Sich-Schämens, weil sie sich plötzlich in der Nähe eines Klientels befinden, von dem sie sich die ganze Zeit abgegrenzt haben."

Fehlentwicklungen bei Beschäftigungsverhältnissen

Seiner Meinung nach verschärfe Corona Fehlentwicklungen bei bestimmten Beschäftigungsverhältnissen. Menschen, die bislang der unteren Mittelschicht angehört hätten, seien durch coronabedingte Kurzarbeit oder sogar Kündigungen tatsächlich in Armutsnähe geraten. "Hier wird sehr deutlich, dass diese Menschen eigentlich ein viel zu geringes Einkommen haben", so Lutz weiter.

Das trifft auch auf Frank Rutkowski zu. Viel Ansparen konnte er in den zehn Jahren der Solo-Selbstständigkeit nicht. Solange keine größeren Zusatzkosten wie eine Autoreparatur hinzukommen, kann er sich dank Tafelessen zumindest über Wasser halten. Doch selbst kleine Extras wie ein Schweinesteak oder eine Hühnerbrust sind in dieser Situation nicht drin.

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Immer mehr junge Menschen sind auf die Tafeln angewiesen. Viele von ihnen haben durch die Corona-Krise ihre Einkommen verloren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch Frank Rutkowski gibt nicht auf. "Ich bin jemand, der sich nicht kleinkriegen lässt", sagt er. "Ich bin jemand, der sagt: die Situation ist nun mal so, du musst jetzt zur Tafel gehen. Ich denke aber auch positiv, weil ich weiß, dass das in Zukunft wieder besser werden kann und werden wird."

Jetzt möchte Frank Rutkowski vermehrt Computerkurse auch für Kinder anbieten. Mit ein paar Vorschulen sei er schon im Gespräch, erzählt er. Die Krise habe ja gezeigt, wie wichtig Computerkenntnisse sind.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 12. August 2020 | 20:15 Uhr