In einer braunen Biomülltonne liegen Lebensmittel wie Brot.
Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen laut Ernährungsministerium pro Jahr in Deutschland im Müll. Bildrechte: dpa

Tag der Lebensmittelverschwendung Wir schmeißen zu viel weg

Mehrere Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr in der Tonne. Die Tafeln würden gern mehr verteilen, stoßen aber an ihre Grenzen. Die Bundesregierung hat eine nationale Strategie, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden, aber ob und wann die greift, bleibt fraglich. Letztlich ist Lebensmittelverschwendung auch nicht nur ein Problem von Verbraucherinnen und Verbrauchern.

In einer braunen Biomülltonne liegen Lebensmittel wie Brot.
Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen laut Ernährungsministerium pro Jahr in Deutschland im Müll. Bildrechte: dpa

"Tag der Lebensmittelverschwendung" - das klingt erst einmal komisch, doch der 2. Mai ist ein symbolisches Datum. Rein rechnerisch landen alle bis zu diesem Tag in Deutschland hergestellten Nahrungsmittel in der Tonne.

Tafeln wollen staatliche Grundfinanzierung

Das gehe gar nicht, kritisieren etwa die Tafeln. Überschüssige Lebensmittel müssten flächendeckend vor der Mülltonne gerettet werden und auch "dort ankommen, wo sie benötigt werden", sagte der Vorsitzende des Vereins Tafel Deutschland, Jochen Brühl. Deswegen fordern die Tafeln eine Grundfinanzierung durch den Staat.

Aktuell bewahrten die bundesweit rund 60.000 ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter der mehr als 940 Tafeln in Deutschland pro Jahr mehr als 260.000 Tonnen Nahrung vor dem Wegwerfen, erklärte Brühl. Diese Lebensmittel würden an etwa 1,5 Millionen Bedürftige weitergegeben.

Viele Tafeln hätten jedoch nicht genug Geld, um auch Großspenden anzunehmen. Denn auch Kühlschränke, Strom- und Transportkosten müssten bezahlt werden. Die Politik müsse außerdem die gesamte Wertschöpfungskette im Blick haben.

Produktion für die Tonne

Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums landen in Deutschland jedes Jahr elf Millionen Tonnen noch essbare Lebensmittel im Müll. Noch höher liegt die Zahl laut WWF, der die deutsche Lebensmittelverschwendung mit 18 Millionen Tonnen pro Jahr beziffert.

Das Problem der Lebensmittelverschwendung beginnt jedoch schon bei der Produktion. Greenpeace zufolge geht ein Drittel der weltweit ausgestoßenen Treibhausgase auf die Lebensmittelproduktion und die Landwirtschaft zurück. Das Niveau der Lebensmittelverschwendung habe eine "deutlich klimaschädliche Wirkung", erklärte Greenpeace.

Die Grünen kritisieren die Ausrichtung der deutschen Agrarindustrie. Die Grünen-Politikerin und Ex-Landwirtschaftsministerin Renate Künast sagte, das Bundeslandwirtschaftsministerium setze vor allem auf Masse und Export. Dabei sei die Überproduktion bereits das erste Übel auf dem Weg zur Verschwendung. Energieintensiv produzierte Lebensmittel würden am Ende in der Biogas-Anlage verbrannt. Auch den Handel kritisierte Künast, weil dort die Obst- und Gemüseregale bis kurz vor Ladenschluss immer voll seien.

Klöckner setzt auf Freiwilligkeit

Im Februar hat Bundeslandwirtschafts- und Ernährungsministerin Julia Klöckner die "Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung" vorgestellt, die auch vom Kabinett verabschiedet wurde.

Bis 2030 will die Bundesregierung die Lebensmittelverschwendung halbieren und so auch die Zielsetzung der UN-Nachhaltigkeits-Charta erreichen. Klöckner setzt dabei vor allem auf freiwillige Selbstverpflichtungen von Herstellern und Händlern. Im Zuge von regelmäßigen Dialogforen mit Kommunen, Landwirten und Vertretern der Zivilgesellschaft soll das Thema Lebensmittelverschwendung gemeinschaftlich bearbeitet werden.

Die Initiative zur "Nationalen Strategie" ging dabei keineswegs von der Bundesregierung selbst aus. Hintergrund ist die EU-Abfallgesetzgebung, die die Mitgliedsländer zur Müllvermeidung zwingt. Darin ist auch festgeschrieben, dass die Länder regelmäßig Bericht erstatten müssen.

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, besucht den Lebensmittel-Discounter Penny in der Boxhagener Straße in Friedrichshain.
Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner (CDU), hält es für eine "Schande", wenn Lebensmittel im Müll landen. Bildrechte: dpa

Anlässlich des Tags der Lebensmittelverschwendung sagte Klöckner, es müsse allen klar sein, dass genießbare Lebensmittel auf den Tisch gehörten, nicht in die Tonne. Klöckner verwies dabei auch auf die "Beste-Reste-App" ihres Ministeriums. Die App macht Vorschläge, wie aus Lebensmittelresten ein leckeres Gericht wird.

Jugendliche Verschwendung

Die größten Sünder in Sachen private Lebensmittelverschwendung sind übrigens junge Menschen im Alter von 14 bis 19 Jahren. Das hat eine Forsa-Erhebung unter 1.230 Befragten ergeben, über die die "Welt am Sonntag" berichtete. Demnach gaben 14 Prozent der Befragten in dieser Altersgruppe an, "mehrmals in der Woche" Essbares zu entsorgen. Weitere 31 Prozent gaben an, das "einmal in der Woche" zu tun. Je älter die Befragten waren, desto weniger Essen warfen sie den Angaben zufolge weg.

Osteuropa

Tschechien Weniger Lebensmittel für die Tonne

In Tschechien gilt ein neues Gesetz, das die Lebensmittelverschwendung begrenzen soll. Discounter müssen Waren kurz vor dem Verfallsdatum abgeben. Starken Gegenwind gibt es nicht aus den Discountern, sondern dem Senat.

Wurst und Kaese
Waren kurz vor dem Verfallsdatum müssen Discounter in Tschechien künftig an Hilfsorganisationen abgeben. In Frankreich gibt es ein ähnliches Gesetz, allerdings ist es dort bei weitem nicht so streng wie in Tschechien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Wurst und Kaese
Waren kurz vor dem Verfallsdatum müssen Discounter in Tschechien künftig an Hilfsorganisationen abgeben. In Frankreich gibt es ein ähnliches Gesetz, allerdings ist es dort bei weitem nicht so streng wie in Tschechien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann im Gespräch
Einige Discounter-Betreiber ächzen: Die Bestimmungen seien sehr streng. Für die Mitarbeiter sei es ein großer Mehraufwand zu entscheiden, was man abgeben und was in den Container muss. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann lädt Kisten ab
Hohe Strafen: Bei Zuwiderhandlung können Geldstrafen von umgerechnet bis zu 390.000 Euro verhängt werden. Generell gilt das Gesetz jedoch nur für Lebensmittelgeschäfte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann prüft Lebensmittel
Profiteure sind unter anderem die Prager Lebensmittelbank, wo täglich zehn Tonnen Lebensmittel verteilt werden, zum Beispiel an Suppenküchen und Obdachlosenheime. Dort bedeutet es mehr Varianz als vorher, denn nun kommt vermehrt Schnellverderbliches auf den Tisch wie Wurst und Käse. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Frau an Theke bei der Ausgabe.
Die schnelle Verderblichkeit ist aber auch mit strengeren Auflagen verbunden. Die Hilfsorganisation muss nachweisen, dass diese Lebensmittel schnell verarbeitet werden. Der Hygienestandard muss nun besonders hoch sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Obst und Gemüse in Kisten
Gegenwind kam aus dem tschechischen Senat.  25 Abgeordnete zogen vor das Verfassungsgericht in Brünn. Ihr Vorwurf: Es sei wie im Kommunismus, den Läden würden Vorschriften gemacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bananenkisten
So hätten früher viele Discounter Lebensmittel an Zoos weitergegeben, das dürfen sie nun nicht mehr. Die Klage hatte jedoch keinen Erfolg. Das Gesetz gilt und ist vielleicht ein Teilerfolg auf dem Weg, die weltweite Lebensmittelverschwendung zu begrenzen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 11.01.2019 | MDR aktuell | 17:45 Uhr
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Aktionstag gegen Lebensmittelverschwendung

Aber nicht alle jungen Leute gehen so leichtfertig mit Essen um. Die Slowfood-Bewegung setzt jedes Jahr am 27. April ein Zeichen mit der sogenannten Schnippeldisko. In vielen Städten weltweit kommen dabei vorwiegend junge Menschen zusammen, schnippeln gemeinsam Gemüsereste, Kochen und legen dabei Musik auf. Damit wollen sie auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 02. Mai 2019 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2019, 05:00 Uhr

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23 Kommentare

03.05.2019 12:30 CDU Wählerin 23

eben beim Einkaufen wurde Kleintransporter vor Netto vor
(vorderen) dem Kundeneingang voll geladen. Toll nicht mehr (un)heimlich hinten aus den Entsorgungskontainern, sondern direkt für alle sichtbar wurden noch gut ausschauendes Obst und Gemüse sowie massenhaft abgelaufenes von vielen Helfern verladen. Gute Sache! Sollte überall so sein und Händler steuerlich für Geschenke an die Allgemeinheit nicht bekastet werden.
Mindesthaltbarkeits und Verbrauchsdatum sollten uns deutlicher Aufklären damit weniger und vllt. übereilt entsogt wird.

02.05.2019 22:26 maheba 22

Ich kann es nicht mehr hören. Wir schmeißen zu viel weg, wir essen zu viel, wie fahren zu viel Auto, wir verbrauchen zu viel Wasser, wir vernichten zu viel Umwelt, ... .
Gebt uns vernünftige Alternativen. Die gibt es nicht. Alles was es gibt ist nicht bezahlbar.

02.05.2019 17:07 Gerd Müller 21

Ich kenne einige Menschen die hungern am Monatsende.
Die Inflation wird in nächster Zeit die Sache regeln mit wegwerfen.
Wer schmeißt denn weg? Lieferanten die die Preise hochhalten wollen, das sind die Täter, nicht jemand der für das bisschen Geld hart arbeiten muss.

02.05.2019 14:58 Ekkehard Kohfeld 20

Brennabor 17 Es sollte sofort die Herstellung von E 10 Benzin verboten
werden ! Am Ende können wir Auto - Fahren, aber haben
nix mehr zu (fr)essen.##
Das selbe gilt für Biodiesel,allerdings sind wir da
doch etwas vom Thema weg.

02.05.2019 14:22 Ureinwohner 19

Deutsche sollen weniger Lebensmittel verschwenden TAG DER LEBENSMITTELVERSCHWENDUNG Wir schmeißen zu viel weg. Wer soll mit wir gemeint sein ? Gehts noch ?

02.05.2019 13:57 FCWler 18

Wir schmeißen auch relativ viel weg , wenn es nur das Pausenbrot der Kinder ist .
Am Ende wird aus den „ Lebensmittel-Abfall“ Fleisch gemacht bei uns .
Da wir Hühner , Schafe und Kaninchen halten , bekommen dies die Tiere zu essen .

02.05.2019 13:55 Brennabor 17

Es sollte sofort die Herstellung von E 10 Benzin verboten
werden ! Am Ende können wir Auto - Fahren, aber haben
nix mehr zu (fr)essen.

02.05.2019 11:41 Ekkehard Kohfeld 16

Gerd Müller 12 OK bei Zeug aus der Tonne bzw. von der Tafel mag das so sein. Ich bin REWE Stammkäufer weil da ist Gemüse etwas teurer aber immer frisch und hält sich auch! Bei Temperaturen wie 2018 natürlich im Gemüsefach des Kühlschranks.

Da muß ich leider wieder sprechen zu mindestens bei teilen des Obstes und das kommt ja auch nicht in den Kühlschrank.Apfelsinen,Mandarinen,Weintrauen und auch Bananen kaufe ich nur bei REWE aber auch da sind die ersten Mandarinen oder Apfelsinen nach spätestens 2 Tagen schon faul so schnell kann ich die gar nicht verzehren.Da nützt das etwas teurer einkaufen nur der REWE-Kasse.Ich kann ihnen gerne einige Beweismittel zu kommen lassen.

02.05.2019 11:07 kleinerfrontkaempfer 15

"Klöckner setzt dabei vor allem auf freiwillige Selbstverpflichtungen von Herstellern und Händlern."
Wieder eine Alibiaktion die nix bringt.

02.05.2019 11:02 roca remeed 14

Aus gutem Grunde möchte ich besonders zwei Aspekte des informativen Artikels hervorheben:
erstens ist der Hinweis auf die "deutlich klimaschädliche Wirkung der Lebensmittelverschwendung" bemerkenswert;
zweitens muss das Ergebnis der Forsa-Studie sehr ernst genommen werden, dass "die größten Sünder in Sachen ... Lebensmittelverschwendung ...junge Menschen im Alter von 14 bis 19 Jahren (sind)". Das ist übrigens die Generation, die mit unantastbarer Empathie, quasi-religiösem Eifer und höchstpolitischer Absolution freitags für das Klima die Schule schwänzt! Vielleicht sollte am Freitag doch wieder ordentlich Unterricht stattfinden, z. B. zum Thema, wie man wirklich etwas für Umweltschutz tun kann. Ja, Natur- und Umweltschutz hat viel mit Wissen und Bewusstheit, aber wenig mit Religion und Frömmelei zu tun!