Schleppender Breitbandausbau Telekom legt Anschlüsse lahm

Telefonieren fast wie zu DDR-Zeiten – das ist Realität im sächsischen Kitzen. Dort hat die Telekom die ISDN-Anschlüsse gekündigt. Nun telefonieren die Betroffenen wieder analog – und das bereitet einige Probleme.

Im Kitzener KfZ-Betrieb gibt es eine Zettelwirtschaft wie vor 30 Jahren. Uwe Bartsch ist über Festnetz so gut wie nie zu erreichen. Seine Mitarbeiterin in der Tankstelle muss aufschreiben, wer für den Mechaniker angerufen hat. Der Grund: Sein Betrieb hat mehrere Standorte, aber nur eine Telefonleitung. "Ich bin im Grunde genommen von meiner Kundschaft abgeschnitten", sagt Bartsch.

Mann mit Brille
Der KfZ-Betrieb ist quasi von der Kundschaft abgeschnitten, sagt Uwe Bartsch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis vor einem Jahr hatte Uwe Bartsch einen ISDN-Anschluss mit bis zu sechs Rufnummern und war zufrieden. Doch die Telekom machte ihm im vergangenen Sommer einen Strich durch die Rechnung. "Die Kündigung kam schriftlich. Und das war dann auch so. Am 17. Juli war Ruhe“, sagt der KfZ-Mechaniker.

Seitdem sind seine ISDN-Anschlüsse tot. Nach vielen Nachfragen bei der Telekom hat er zumindest einen antiquierten Analoganschluss erhalten – mit nur einer Telefonnummer. "Da haben wir jetzt das Problem, dass alle drei Telefone, die funktionieren, gleichzeitig klingeln. Wer am schnellsten ist mit dem Abnehmen, hat das Gespräch."

Telekom schafft altes ISDN-Netz komplett ab

Doch warum wurde der Anschluss gekündigt? Die Telekom erklärt auf Anfrage von MDR-exakt, dass die Anschlüsse aller Kunden seit 2015 auf die sogenannte IP-Technologie umgestellt werden: "Ein sicherer Betrieb der alten ISDN-Plattform ist in naher Zukunft nicht mehr möglich. […] Wir bedauern, einigen wenigen Kunden auf den ersten Blick nicht dieselbe Leistung anbieten zu können wie gewohnt."

Die Telekom schafft das alte ISDN-Netz komplett ab und ersetzt es durch das IP-Netz. Das ist stabiler und schneller. Es läuft aber übers Internet. Dazu wiederum braucht man einen Breitbandanschluss. Doch der – davon geht man in Kitzen zumindest aus – fehlt bislang. Hier wurden also offenbar die ISDN-Anschlüsse gekündigt, bevor die IP-Alternative funktioniert. 

So hat die Telekom auch Landarzt Albrecht Kunzmann den ISDN-Anschluss gekündigt. Der Mediziner praktiziert in Kitzen seit 1981 – also bereits seit DDR-Zeiten. Seinen Telefonanschluss gibt es mindestens genau so lang. "Früher gab es weniger Telefone, die funktionierten meistens. Wie viele mitgehört haben, spielte keine Rolle", sagt der Arzt. Nach 18 Jahren habe ihm die Telekom den ISDN-Anschluss gekündigt "und gemeint, wir mögen uns kümmern, wie es weiter geht."

Nicht erreichbar: Unhaltbarer Zustand in Arztpraxis

Nun läuft in der Arztpraxis über die einzige analoge Leitung das Fax. Albrecht Kunzmann hatte geglaubt, eine Alternative für seine Praxis gefunden zu haben: Telefon über eine private Richtfunk-Internetverbindung. Im Keller hängt die rund 4000 Euro teure Anlage. Aber das Ergebnis ist instabil und ernüchternd. "Es gibt Zeiten am Vormittag, da klingelt das Telefon unaufhörlich, dann geht’s. Und dann gibt es aber drei Stunden, dann geht nix", sagt er. Für eine Arztpraxis sei das kein haltbarer Zustand. Kunzmann ist im Juli in Ruhestand gegangen – das Problem hat nun sein Nachfolger übernommen.

Ortschaft von oben
Im Pegauer Ortsteil Kitzen geht der Breitbandausbau offenbar nicht voran. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nicht nur dem Arzt, auch der örtlichen Kirchgemeinde wurde von einem Tag auf den anderen der ISDN-Anschluss gekündigt. Im Rathaus von Pegau – zu dieser Gemeinde gehört Kitzen – ärgert sich Bürgermeister Frank Rösel, dass es im Ortsteil Kitzen nicht voran geht. Er hat bei der Telekom nachgefragt und erfahren, dass das Breitband vom Unternehmen zumindest bis Kitzen ausgebaut worden ist – aber nicht die dazu benötigten Kabelverzweiger. Das sind jene grauen Kästen, von denen aus das Netz in die Haushalte verteilt wird.

Breitband ausgebaut, aber kein Anschluss

Das Problem: die Telekom ist gesetzlich verpflichtet, Teile ihres Netzes anderen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. So soll eine Vormachtstellung der Telekom verhindert werden. Der Bürgermeister hat bei der Bundesnetzagentur erfahren, dass eine andere Firma die Verteiler in Kitzen bereits erschlossen hat.

Verwunderlich ist für uns, dass ausgebaut wurde und wir gar keine Ahnung davon hatten.

Frank Rösel Bürgermeister

Kitzen hat also doch Breitband. Es wusste bisher nur keiner. "Durch mein Anschreiben an die Bundesnetzagentur und die hat bestätigt, was auch die Telekom gesagt hat, dass die Breitbandnetz Sachsen GmbH hier ausgebaut hat", erklärt der Bürgermeister. Aber diese Firma zuckte sich bisher nicht. Der Bürgermeister fragte mehrfach bei der Breitband Sachsen GmbH nach – doch eine Antwort gab es nicht. Erst unmittelbar vor der Ausstrahlung des exakt-Beitrags kam eine Mail: Der Breitbandanschluss sei vorhanden. Nur wusste offenbar niemand davon.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 14. August 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2019, 16:01 Uhr