Tierquälerei in Milchviehbetrieb Tierschutz: Wie die Kontrollen des Staates versagt haben

In einem der größten Milchviehbetriebe Deutschlands wurde massiv gegen Tierschutzrechte verstoßen. Dabei wurde dort regelmäßig durch die zuständigen Veterinäre kontrolliert. Warum ist die Tierquälerei nicht aufgefallen?

Die Kühe wurden an Haken und mit einem Schaufelbagger über den Boden gezerrt. Die Tiere mussten lange Todeskämpfe durchstehen -- ohne Hilfe. In einem der größten Milchviehbetriebe Deutschlands wurde massiv gegen Tierschutzrechte verstoßen. Dabei wurde der Betrieb auch regelmäßig durch die zuständigen Veterinäre kontrolliert. Doch warum sind niemanden diese Zustände aufgefallen?

Tierskandal
Vor allem die Zustände in der Krankenbucht waren katastrophal. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist ein Armutszeugnis für unseren Rechtsstaat. Es bleibt einem doch das Herz stehen, wenn man die Bilder sieht", sagt eine Frau auf der Bürgerversammlung in Kempten im Allgäu. 500 Leute sind gekommen, darunter einige Landwirte. Der Fall des Milchviehbetriebs Endres sorgt für Bestürzung und Fassungslosigkeit. "Was für eine Entschuldigung soll das für den Verbraucher oder für Menschen mit einem Herz für Tiere sein, wenn es heißt, wir haben zu wenig Kontrolleure", sagt eine andere Teilnehmerin. Solche Missstände würden nicht einfach über Nacht eintreten.

Viele Kontrollen – doch kaum Missstände gefunden

Vor zwei Wochen hatte das ARD-Magazin "FAKT" gemeinsam mit "Report Mainz" und der "Süddeutschen Zeitung" die Missstände im Familienbetrieb Endres in Bad Grönenbach aufgedeckt. Der Großbetrieb besitzt 1800 Milchkühe. Viele Fragen sind noch ungeklärt.

So wurde der Betrieb laut dem zuständigen Veterinäramt allein in den letzten fünf Jahren 34 Mal kontrolliert. Zehn Kontrollen davon waren anlassbezogene Tierschutzprüfungen. Das Ergebnis: Kleine und mittlere Vergehen. Es gibt Bußgelder und zwei Strafanzeigen.

Die Bilder hat Tierschutzorganisation "SOKO Tierschutz" aufgenommen. Das Material dokumentiert die Zustände im Stall über einen ganzen Monat. Das ARD-Magazin "FAKT" hat die Aufnahmen noch einmal gezielt geprüft. Im Fokus steht dabei der 11. Juni – ein Tag mit einer amtlichen Kontrolle. 

Die Spuren der Quälerei werden beseitigt

An jenem Tag kommen die Veterinäre am späten Nachmittag – vor ihnen läuft der Chef des Betriebs, Franz Endres. Vor allem in der Krankenbucht ist am frühen Morgen vor der Kontrolle eine deutlich erhöhte Betriebsamkeit zu sehen. Mitarbeiter bringen Futter, Wasser und Stroh. Ein totes Tier wird raus geschleppt. Ein anderes wird – sogar noch lebend – in einen Tiertransporter geschleift und weggeschafft. 

Vor der Kontrolle hatte eine anonyme Anzeige der Tierschützer vor allem auf die Zustände in der Krankenbucht hingewiesen. Die Aufnahmen zeigen, dass an den Tagen vor dem 11. Juni die Betriebsamkeit in dieser Ecke des Stalles deutlich geringer war. Im Tageschnitt gab es sonst dort nicht einmal ein Drittel der Tätigkeiten.

Hat jemand vor Kontrollen gewarnt? 

"FAKT" konfrontriert den Landrat des Landkreises Unterallgäu, Hans-Joachim Weihrather, mit den Vorwürfen und fragt nach dessen Meinung: "Ich halte das für völlig abwegig, dass aus den Kreise des Veterinäramtes heraus irgendwelche Vorwarnungen an den Betrieb rausgehen." Trotzdem hat der Landrat die ermittelnde Staatsanwaltschaft aufgefordert, genau diesen Vorwurf zu prüfen.

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In den Ställen haben es vor Kontrollen immer das gleiche Schema gegeben, berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter des Betriebes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch ein Ex-Mitarbeiter des Betriebes berichtet Verdächtiges. Er war bereits vor zehn Jahren in diesem Familienbetrieb beschäftigt – durch den Bericht ist er aufmerksam geworden. "Vor einer Kontrolle lief immer das gleiche Schema ab. Der Seniorchef Franz Endres ist auf uns zugekommen und sagte: Es kommt jemand. Wir müssen den normalen Tagesablauf ändern."

Der Mann will anonym bleiben. Er hätte damals Angst gehabt, eine Anzeige zu erstatten, doch die Wahrheit müsse ans Licht, begründet er sein Interview. Verärgert sei er über die mangelhafte staatliche Überwachung.

Ministerium will neue Kontrollstrukturen

Das zuständige Ministerium kündigt auf "FAKT"-Anfrage Änderungen an: Da es sich bei dem Betrieb nicht mehr um Landwirtschaft handele, sondern um industrielle Produktionsformen, brauche man neue Kontrollstrukturen. Experten sollen ein Maßnahmenpaket erarbeiten.

Tierschützer Friedrich Mülln von "SOKO Tierschutz" fürchtet, dass der Skandal nicht aufgeklärt werden kann: "Das Versagen geht ja jetzt weiter, der Betrieb wurde noch nicht durchsucht." Er erwarte eine andere Schlagkraft des Staates, wie sie "sonst in anderen Bereichen zur Schau gestellt wird". Es müsste Hausdurchsuchungen geben, Zeugen schnell vernommen werden – um so etwa Absprachen zu verhindern.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Fakt | 23. Juli 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2019, 17:00 Uhr